7.847 News Medizin

Medizin

Neurologen: Interferon-Therapie bleibt unverzichtbar

Montag, 13. August 2012

Berlin/München – Eine im Juli im US-amerikanischen Ärzteblatt veröffentlichte Kohortenstudie zur multiplen Sklerose hat in Deutschland offenbar viele Patienten verunsichert. Epidemiologen hatten dort den langfristigen Nutzen der heutigen Standardtherapie mit Interferonen in Zweifel gezogen. Mehrere Fachverbände fordern die Patienten jetzt in einer Stellungnahme auf, die Behandlung nicht abzubrechen. Die Interferon-Therapie bleibe unverzichtbar.

„Verschiedene Studien haben konsistent gezeigt, dass die Entzündungsaktivität durch die Therapie mit intramuskulären sowie subkutan injizierbaren Interferonpräparaten reduziert werden kann“, schreiben Heinz Wiendl, Münster, Bernhard Hemmer, München, und Ralf Gold, Bochum, in der gemeinsamen Stellungnahme des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS), des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Anzeige

Nicht „überzeugend positiv oder negativ“ belegt sei indes, wie sich die Therapie langfristige auf die Behinderungsprogression auswirke. Diese Frage hatte die Gruppe um Helen Tremlett von der British Columbia University Vancouver in einer retrospektiven Kohortenstudie aus 2.556 Patienten zu beantworten versucht.

Die Forscher hatten drei Gruppen von Patienten verglichen: Die erste Gruppe war mit verschiedenen Interferonpräparaten behandelt worden, die zweite Kontrollgruppe hatte im gleichen Zeitraum keine Interferontherapie erhalten. Die dritte Gruppe war ein historisches Vergleichskollektiv aus der Zeit vor Einführung von Interferonpräparaten.

Wie berichtet konnte Tremlett keinen Hinweis finden, dass die Interferon-Therapie die Progression signifikant vermindert. Im Vergleich zur gleichzeitigen Kontrollgruppe war das Risiko sogar tendenziell erhöht, im Vergleich zur historischen Kontrollgruppe tendenziell vermindert (JAMA 2012; 308: 247-256).

Die drei deutschen Experten stufen die Ergebnisse jetzt als „interessant“ ein, sehen aber mehrere methodische Schwächen. So könnte die Kontrollgruppe mehr Patienten mit einer niedrigeren Entzündungs- und Progressionsaktivität enthalten haben als die Gruppe der Patienten, die mit Interferonen behandelt wurden. Schließlich würde ein Arzt Patienten mit schwerem Verlauf eher zu einer Therapie raten. Diese Gruppe wäre dann aber im direkten Vergleich benachteiligt.

Die Experten gestehen ein, dass die Autoren versucht haben, diese Verzerrungen zu begrenzen, indem sie Kontrollwerte wie Geschlecht, Alter, Krankheitsdauer und Behinderungsgrad in die Berechnung einfließen ließen. Trotzdem sei bei retrospektiven Studien dieser Art niemals auszuschließen, dass bestimmte Selektionsbias Einfluss auf die Interpretation der Ergebnisse nehmen, heißt es in der Stellungnahme.

Die Experten verweisen auf eine andere Kohortenstudien. Dort kamen Maria Trojano von der Universität Bari und Mitarbeiter bei der prospektiven Beobachtungsstudie von 1504 Patienten aus zwei Behandlungszentren zu dem Ergebnis, dass die Therapie mit Interferonen die Wahrscheinlichkeit eines Übergangs in eine sekundär chronisch progrediente Verlaufsform unter Interferon-Therapie im Vergleich zu einer nicht-behandelten Kontrollgruppe signifikant vermindert (Annals of Neurology 2007; 61: 300–306).

Auch diese Studie liefert keinen endgültigen Beweis, dass die Therapie den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflusst. Doch auch „wenn der tatsächliche Einfluss dieser Therapieform auf die Behinderungsprogression und fixe Endpunkte der Behinderung nicht überzeugend positiv belegt ist, lässt sich daraus nicht im Umkehrschluss wissenschaftlich das Gegenteil ableiten“, schreiben die Experten. © rme/aerzteblatt.de

Drucken Versenden Teilen
7.847 News Medizin

Nachrichten zum Thema

04.04.13
Bochum – Der monoklonale Antikörper Daclizumab HYP, eine Variante des 1999 zur Prophylaxe akuter Abstoßungsreaktionen nach Nierentransplantation eingeführten Immunsuppressivums Daclizumab, hat in...
02.04.13
Buffalo/New York – Das sogenannte „Liberation Treatment“, das weltweit bereits an etwa 30.000 Multiple-Sklerose-Patienten durchgeführt worden sein soll, hat in einer ersten randomisierten Studie die...
01.03.13
Berlin – Der GKV-Spitzenverband und das Unternehmen Biogen Idec haben sich im Rahmen von Verhandlungen nach dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) fristgerecht auf einen Erstattungsbetrag für...
19.02.13
Wien – Natalizumab, eines der wirksamsten, aber auch riskantesten Medikamente zur Behandlung der multiplen Sklerose, ist bei Kindern und Jugendlichen kontraindiziert. Mangels Alternative kommt es...
01.11.12
Cambridge – Der monoklonale Antikörper Alemtuzumab, der ursprünglich zur Behandlung bestimmter Leukämien entwickelt wurde, ist auch bei der multiplen Sklerose wirksam. In zwei im Lancet (2012; doi:...
11.10.12
Adelaide – Ein Molekül namens PI3Kgamma könnte der Schlüssel für eine bessere Kontrolle der Symptome bei multipler Sklerose (MS) sein: Wie Wissenschaftler der University of Adelaide herausfanden, ist...
27.09.12
Boston – Ob eine multiple Sklerose zu einem schubförmigen Verlauf neigt, könnte künftig durch eine Blutuntersuchung vorhersehbar werden. Die in Science Translational Medicine (2012; 4: 153ra131)...

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

thomas.steuber
am Mittwoch, 15. August 2012, 20:25

Interferone SIND unverzichtbar!

...fragt sich nur, für wen? Für den Patienten sicherlich nicht!
Der Zweifel an der Kritik,der University of Vancouver, erscheint mir hahnebüchern und fernab der Wirklichkeit. Fernab einer Realität, in der ein medizinisches Phänomen mangels kausaler Erkenntnis, auf seine frühestens sekundären Folgen "reduziert" wird.
Traurig, wie Ressourcen so zur blossen Verwaltung-einer-Unbekannten eingesetzt werden. Und vermeintliche Kompetenz als Lobbyist für Ineffizienz dient.
sanssouci
am Dienstag, 14. August 2012, 17:03

Interferone bei MS

Interferone führen nach 5 Jahren nicht zu einer Verminderung des Behinderungsgrads bei MS. Wer von uns würde sich bei dieser Datenlage sofern selbst betroffen Interferon spritzen ?
Warum kommunizieren die meisten von uns nicht das o.g. Ergebnis unseren Patienten ? ( sondern nur den Surrogatparameter der Verminderung der Schubfrequenz )

Meines Erachtens gehört es zu unserer Pflicht ehrlich zu sein. zu uns und den Patienten

Mehr zum Thema


Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in