Politik

„Unterscheidung zwischen schützenswertem und nicht schützenswertem Leben“

Donnerstag, 16. August 2012

Köln – Vor kurzem hat das Bundesgesundheitsministerium eine Rechtsverordnung zur Anwendung der Präimplantationsdiagnostik (PID) vorgelegt. Diese Verordnung stieß auf teilweise scharfe Kritik. So forderte vor kurzem der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, Nachbesserungen. Im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt bezeichnet auch die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, in einem persönlichen Statement den Entwurf als „ethisch bedenklich“.

Fünf Fragen an Christiane Woopen, Leiterin der Forschungsstelle Ethik der Universität zu Köln und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

DÄ: Frau Prof. Woopen, Sie fordern, die neue Rechtsverordnung zur Präimplantationsdiagnostik zu überarbeiten. Warum halten Sie sie für ethisch bedenklich?

Woopen: Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat in seinem Entwurf für eine Rechtsverordnung zur Präimplantationsdiagnostik hohe qualitative Standards vorgesehen. Dennoch bleiben meiner Meinung nach vor allem noch drei ethische Probleme:

Zunächst ist das Gesetz selbst ethisch bedenklich. Es macht die Zulässigkeit einer PID von Eigenschaften des Embryos abhängig und berücksichtigt nicht die individuelle psychische und soziale Situation des Paares. Damit unterscheidet es zwischen schützens­wertem und krankheitsbedingt nicht schützenswertem Leben. Die Rechts­verordnung hat dies verschärft, indem sie den Ethik-Kommissionen, die über jede PID entscheiden müssen, ausdrücklich untersagt, psychische und soziale Folgen oder ethische Aspekte zu berücksichtigen.

Das zweite ethische Problem besteht darin, dass das Bundesgesundheitsministerium eine wirksame Kontrolle der PID-Praxis verhindert und damit dem Gesetzgeber die Möglichkeit nimmt, bei eventuellen Fehlentwicklungen auf gesicherter Datengrundlage korrigierend einzugreifen. Die im Gesetz vorgesehene zentrale Dokumentationsstelle soll nur erfahren, ob die PID wegen einer Erbkrankheit oder des Risikos einer Fehl- oder Totgeburt erfolgte. Die konkreten Erbkrankheiten aber sollen nicht gemeldet werden. Auf diese Weise bleibt verborgen und damit unkontrollierbar, ob es zu einer Ausweitung der PID auf leichte Krankheiten oder Krankheitsdispositionen kommt.

Ein drittes ethisches Problem steckt in der Möglichkeit, dass die Frau nach einer PID erst einmal schwanger wird, ein paar Monate später aber einen medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen kann, weil durch pränatale Diagnostik eine Krankheit des Ungeborenen festgestellt wird, die bei der PID auch schon gesehen, ihr aber verschwiegen wurde. Es geht dabei um sogenannte Nebenbefunde, also auffällige Befunde, für die die PID nicht durchgeführt wurde, die aber methodenbedingt zusätzlich entstehen. Ein solches Vorgehen gefährdet die Gesundheit der Frau und widerspricht der ärztlichen Verantwortung.

DÄ: Glauben Sie nicht, dass man mit dieser Rechtsverordnung die PID begrenzen und kontrollieren kann?

Woopen: Die hohen Qualitätsstandards, die die Rechtsverordnung für die Anerkennung eines PID-Zentrums fordert, werden wohl zu einer gewissen Begrenzung der Anzahl der Zentren beitragen. Das Gesundheitsministerium greift jedoch wichtige Möglichkeiten der Begrenzung und Kontrolle der Anwendungen nicht ausreichend auf. Dazu gehört vor allem die Meldung der befürworteten und abgelehnten Indikationen an die zentrale Dokumentationsstelle. Dazu gehören auch konkretere Vorgaben für die Entscheidungs­kriterien der Ethikkommissionen, denn bei ihnen liegt die eigentliche Aufgabe der Begrenzung in der Praxis.

DÄ: Sie werfen der Verordnung vor, zwischen schützenswertem und schützensunwertem Leben zu unterscheiden? Ist diese Unterscheidung denn bei der medizinischen Indika­tion, die aus der embryopathischen hervorgegangen ist, nicht auch schon gegeben?

Woopen: Eine embryopathische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch gibt es seit 1995 nicht mehr. Das Parlament hat sie fraktionsübergreifend aus dem Gesetz gestrichen und in die medizinische Indikation integriert. Wenn bei einem Ungeborenen pränataldiagnostisch eine gesundheitliche Schädigung festgestellt wird, ist ein Schwangerschaftsabbruch dann nicht rechtswidrig, wenn die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren bedroht ist, zum Beispiel durch die Versorgung eines schwer kranken Kindes nach der Geburt. Dabei muss der Arzt die gegenwärtigen und künftigen Lebensverhältnisse der Frau berücksichtigen. Es geht also nicht vorrangig um die Krankheit oder Behinderung des Kindes, sondern um die Gesundheit der Frau.

Zwischen der rechtlichen Regelung eines Schwangerschaftsabbruchs nach Pränataldiagnostik und dem Verwerfen eines Embryos nach PID besteht nun ein Widerspruch in der rechtfertigenden Begründung. Diesen Widerspruch, und damit die Folgeprobleme, hätte das Parlament vermeiden können, wenn im Gesetz beispielsweise stehen würde, dass eine PID zulässig ist, „wenn bei den Eltern nachweislich eine erbliche Anlage vorhanden ist, die bei Vererbung auf das Kind zu einer schweren Krankheit oder Behinderung führen würde und im Falle ihrer Feststellung durch pränatale Diagnostik wegen einer Gefährdung der körperlichen oder seelischen Gesundheit der betreffenden Frau Anlass für eine medizinische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch wäre". So hatten es diejenigen Mitglieder des Deutschen Ethikrates vorgeschlagen, die sich (so wie ich) für eine begrenzte Zulassung ausgesprochen hatten.

DÄ: Nach dem Entwurf soll „der Entstehung einer Indikationsliste vorgebeugt werden“. Warum kritisieren Sie das und treten für eine solche Liste ein?

Woopen: Auch ich bin gegen eine Liste von Indikationen. Das folgt schon aus meiner Ablehnung, die Zulässigkeit einer PID vor allem an genetische Eigenschaften des Embryos zu knüpfen. Da der Gesetzgeber genau dies aber für die PID nun so vorgesehen hat, ist die Sammlung der von den Ethik-Kommissionen befürworteten und abgelehnten Indikationen für eine PID erforderlich, um die Anwendung kontrollieren zu können. Das führt auf Dauer zu einer Indikationsliste, die das Bundesgesundheits­ministerium aber ausdrücklich vermeiden will.

DÄ: Welche Aufgaben sollten Ihrer Ansicht nach die Ethikkommissionen haben?

Woopen: Ich halte, das muss ich vorweg sagen, die Einrichtung von sogenannten Ethikkommissionen durch das PID-Gesetz für einen falschen Weg, weil sie die komplexe medizinische und psychosoziale Situation der Einzelfälle nicht erfassen können. Zudem dürfen sie ethische Aspekte laut Verordnungsentwurf gar nicht berücksichtigen, und die Ethik ist nur formal durch ein einziges unter acht Mitgliedern vertreten. Wenn es sie nun aber geben muss, sollten sie nicht nur auf die Krankheit des Kindes schauen, sondern zumindest - so weit wie vernünftigerweise möglich - auf die Situation der Familie.

Zudem sollten die Kommissionen gemeinsame Kriterien entwickeln, an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten. Das könnten beispielsweise Schwellenwerte für das Risiko oder die Schwere einer Krankheit sein, die nicht unterschritten werden dürfen.

Darüber hinaus könnten die Ethikkommissionen prüfen, ob dem Paar der Zugang zu einer unabhängigen psychosozialen Beratung eröffnet wurde. Diese kann in dem körperlich und seelisch belastenden Prozess einer fortpflanzungsmedizinischen Behandlung einschließlich PID eine wertvolle Hilfe für das Paar sein. In die Rechtsverordnung sollte deswegen auch der Nachweis für eine etablierte Kooperation mit einer psychosozialen Beratungsstelle als Kriterium für eine Anerkennung als PID-Zentrum aufgenommen werden. © Kli/aerzteblatt.de

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Duriel
am Freitag, 17. August 2012, 12:55

Für Behinderte gegen Behinderungen

Behinderungen sind etwas Schlechtes, weil sie zu Leiden und Einschrenkungen führen. Man sollte also Behinderungen bekämpfen und Behinderte fördern.
Weil Embryonen weder Bewustsein noch Gefühle haben, ist es ethisch geboten den Embryo auszuwählen, der die besten Entwicklungschancen hat, selbst wenn
man allen Embryonen die gleiche Würde zuschreibt.
Wenn ca. 75% der Embryoen sich nicht einnisten und sterben stört das auch niemanden. 8 Zellen die gleiche Würde wie Personen zuzuschreiben nur, weil sie menschliche DNA besitzen ist absurd.
barabasch-riedel
am Freitag, 17. August 2012, 10:55

(Nicht-)schützenswertes Lebens ?

Frau Woopen tanzt auf den gesundheitspolitischen KuckucksEiern äußserst bewundernswert, geschickt und aufrecht aufrichtig - und dennoch: es dreht sich um Euthanasie, sonst um gar nichts. Frau/man, sollte nun nur auch noch diesen Mut zur zutreffenden Diktion aufbringen, um die Wahrheit beim Namen zu nennen,
meint
Richard Barabasch
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