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Weltweite Kritik an Entschuldigung von Contergan-Firma Grünenthal

Montag, 3. September 2012

Berlin – Die Entschuldigung des Contergan-Herstellers Grünenthal ist bei Opferver­bänden weltweit auf Kritik gestoßen. „Wir erwarten Taten, und wenn diese Taten nicht folgen, dann bleibt dies nur eine leere Hülse und ein PR-Gag“, sagte die Sprecherin des Bundesverbands Contergangeschädigter am Samstag. Auch Opfervertreter in Großbri­tannien, Japan und Australien wiesen die Grünenthal-Erklärung als unzureichend zurück.  

Der Bundesverband Contergangeschädigter nehme „diese menschliche Rede zur Kenntnis“, sagte Sprecherin Ilonka Stebritz mit Blick auf die Äußerungen von Grünenthal-Chef Harald Stock vom Vortag. Zugleich wies sie darauf hin, dass sich das Pharmaunternehmen nicht für die Einführung des Medikaments vor rund 50 Jahren entschuldigt habe.  

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Stock hatte am Freitag bei der Einweihung eines Contergan-Denkmals in Stolberg erstmals bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. „Wir bitten um Entschuldigung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben“, sagte er. Das jahrzehntelange Schweigen des Pharmakonzerns sei „als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen“, die das Schicksal der Opfer bei dem Unternehmen bewirkt habe.

In Deutschland war das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan von 1957 bis 1961 rezeptfrei vertrieben worden, es wurde auch von vielen Schwangeren genommen. Der Wirkstoff Thalidomid führte weltweit bei schätzungsweise 10.000 Kindern zu dauerhaften Schäden, darunter schwerwiegende Fehlbildungen. Neben Deutschland leben die meisten Opfer in Großbritannien, Japan, Kanada und Australien.  

Auch aus diesen Ländern kam am Samstag scharfe Kritik an der Entschuldigung von Grünenthal. „Wir denken, dass eine echte und aufrichtige Entschuldigung eine ist, die ein tatsächliches Fehlverhalten einräumt“, sagte das britische Contergan-Opfer Nick Dobrik dem Sender BBC. Dies habe Grünenthal nicht getan. Der Chef des britischen Contergan-Opferverbands, Freddy Astbury, der ohne Arme und Beine auf die Welt kam, forderte eine finanzielle Entschädigung für die Opfer.  

Anwälte australischer Opfer nannten die Entschuldigung „erbärmlich“. „Sie ist zu wenig, zu spät und durchsetzt mit weiterer Falschheit“, erklärten die Anwälte des Australierin Lynette Rowe. Das lange Schweigen mit einer „stummen Erschütterung“ des Unternehmens zu begründen, sei „beleidigender Unsinn“. Der Konzern habe 50 Jahre lang versucht, die moralischen, juristischen und finanziellen Konsequenzen des Skandals zu umgehen.  

Auch der japanische Opferverband „Ishizue“ zeigte sich von der Entschuldigung enttäuscht. „Die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen, wenn der Konzern den Verkauf früher gestoppt hätte“, sagte Verbandschef Tsugumichi Sato. Sein Verband werde genau verfolgen, welche Verantwortung Grünenthal künftig übernehmen werde.  

Die FDP-Politikerin Nicole Bracht-Bendt begrüßte dagegen die Entschuldigung des Arzneimittel-Herstellers. „Diese Geste war schon lange überfällig“, erklärte die Sprecherin für Frauen und Senioren der FDP-Bundestagsfraktion am Samstag.  

Der Bundesverband Contergangeschädigter lehnt darüber hinaus auch das neue Contergan-Denkmal in Stolberg ab. Die Bronzestatue eines Mädchens ohne Arme und mit missgebildeten Beinen verharmlose „das schuldhafte Verhalten von Grünenthal“, erklärte der Verband kurz vor der Einweihung am Freitag. Es handele sich um eine „PR-Maßnahme“ des Konzerns. © kna/aerzteblatt.de

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Braunauge
am Mittwoch, 5. September 2012, 07:41

Presseerklärung des Contergannetzwerk Deutschland e.V.

Zu der, anlässlich der Einweihung des Contergan-Denkmals am 31.08.2012 in Stolberg, vom Geschäftsführer der Firma Grünenthal, Dr. Harald F. Stock, ausgesprochenen „Entschuldigung“ nehmen wir wie folgt Stellung:

Das Contergannetzwerk Deutschland e.V. bedauert die verpasste Chance, anlässlich der auf neutralem Boden, dem Kulturzentrum der Stadt Stolberg, stattgefundenen Einweihung des Contergan-Denkmals, eine wirkliche Zäsur im Umgang zwischen der Firma Grünenthal und den Conterganopfern durchzuführen:

Eine Zäsur, ein wirkliches aufeinander Zugehen, setzte nämlich mindestens voraus, dass die Firma Grünenthal ihre alten Positionen zu ihrer Schuld den Geschädigten gegenüber aufgibt, bzw. zumindest nicht weiter wiederholt. So ist die Erklärung des Geschäftsführers,



"Grünenthal hat bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen wissenschaftlichen Kenntnisstand gehandelt und allen Industriestandards für das Testen von neuen Medikamenten entsprochen, die in den 1950er und 1960er Jahren maßgeblich und anerkannt waren.“



unwahr und ein weiterer Tritt gegen die Conterganopfer! Alleine der Einstellungsbeschluss aus dem Grünenthal/Wirtz-Strafverfahren beweist exakt das Gegenteil!

Anstatt das begangene Unrecht zu entschuldigen, entschuldigt man sich für etwas anderes, nämlich das späte Zugehen auf die Opfer, und erreicht alleine durch den Ausspruch des Wortes „Entschuldigung“ in der Öffentlichkeit den Eindruck, dann es nun endlich soweit sei und Grünenthal Einsicht, Reue zeige und den damit verbundenen Schadensausgleich versu-che.

Wenn es aus rechtlichen Gründen (aus den vielzähligen Verfahren Thalidomidgeschädigter im Ausland gegen die Firma Grünenthal) zum jetzigen Zeitpunkt schwierig wäre, Schuld ein-zugestehen, so wäre es aber unbedingt und zwingend erforderlich gewesen, die alten Behauptung totaler Unschuld zumindest nicht zu wiederholen. Indem das aber erfolgte, wird für uns erkennbar, dass eben keine tiefgreifende Bewusstseinsänderung bei den Verantwortli-chen der Firma Grünenthal eingetreten ist.

„Weil wir das haben kommen sehen“, führt der Vereinsvorsitzende Christian Stürmer aus, „haben wir gegenüber dem Kulturzentrum am 31.08.2012 eine alternative, ehrliche Gedenk-veranstaltung durchgeführt“:

Hierbei wurde in einer christlichen Andacht der tausenden toten Conterganopfer und das Leid der überlebenden Geschädigten gedacht. Da im Zentrum der Macht des Wirtz-Konsortiums kein katholischer oder evangelischer Pfarrer hierzu bereit war, hielt ein serbo-kroatischer Erzprister die Andacht. Hierbei wurden 2o Friedenstauben und 250 beschriftete Luftballons steigen gelassen. Die Ballons trugen den Text:

„Contergannetzwerk Deutschland e.V.

Wir gedenken der tausenden Toten, unseren
schwerstgeschädigten Schwestern und Brüdern.

Firma Grünenthal und
Eigentümerfamlie Wirtz: STELLEN Sie sich der Verantwortung!!

www.contergannetzwerk.de“


Wir hoffen nach wie vor auf eine profunde Verhaltensänderung des Wirtz-Konsortiums. Wir sind jederzeit gesprächsbereit.

Contergannetzwerk Deutschland e.V.

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