Politik

Ein Drittel der Behandlungs­fehlervorwürfe wird bestätigt

Mittwoch, 5. September 2012

Berlin – Immer mehr Patientinnen und Patienten wenden sich mit dem Verdacht auf einen Behandlungsfehler an ihre Krankenkasse. Das bekommt auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) zu spüren: Im Jahr 2011 bearbeiteten seine Gutachter 12.686 Behandlungsfehlervorwürfe. Im Jahr 2007 waren es noch weniger als 11.000. Die Quote an bestätigten Fehlern ist allerdings nicht gestiegen. Das geht aus der aktuellen Behandlungsfehlerstatistik hervor, die der MDK am Mittwoch in Berlin vorgelegt hat.

Danach bestätigten die Gutachter in etwa jedem dritten Fall einen Behandlungsfehler. In drei von vier dieser bestätigten Fälle sahen sie es als gegeben an, dass der Behand­lungsfehler Ursache des gesundheitlichen Schadens ist. Bei der Überprüfung der Vorwürfe werden alle Bereiche ärztlicher Tätigkeit – von der Diagnose bis zur Dokumen­tation – unter die Lupe genommen, ebenso zahnmedizinische und pflegerische Maß­nahmen. Bei den festgestellten Behandlungsfehlern war etwa zur Hälfte die Therapie die Ursache (41 Prozent). 

Etwa ein Drittel der Vorwürfe bezog sich auf mögliche Fehler im ambulanten, zwei Drittel auf mögliche Fehler im stationären Bereich. In beiden Bereichen wurde etwa ein Drittel als Behandlungsfehler bestätigt. „Viele Vorwürfe bedeuten aber nicht automatisch auch viele Behandlungsfehler“, betonte Astrid Zobel, Leitende Ärztin Sozialmedizin des MDK Bayern. Dieser hat die Daten aller Medizinischen Dienste der Krankenkassen in den Bundesländern gemeinsam mit dem Medizinischen Dienst des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS) ausgewertet.

So wurden besonders viele Vorwürfe nach chirurgischen Behandlungen erhoben, gefolgt von zahnmedizinischen und gynäkologischen. Aber die höchste Bestätigungsquote (51 Prozent) entfiel auf Behandlungsfehler in der Pflege. Danach folgte die Zahnmedizin (43 Prozent). An dritter Stelle liegt die Gynäkologie (34 Prozent), es folgen Orthopädie/­Unfallchirurgie (30 Prozent) sowie Chirurgie (29 Prozent).

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Betrachtet man die Erkrankungen oder Eingriffe, für die die meisten Behandlungsfehler bestätigt wurden, führt in der MDK-Statistik die Entzündung des Zahnnervs die Liste an, gefolgt von Zahnkaries und dem Bruch des Unterarms. Die Ergebnisse verändern sich allerdings etwas, wenn noch zwischen stationären und ambulanten Leistungen unterschieden wird.

Keine Rückschlüsse auf Behandlungsqualität
Rückschlüsse auf die Behandlungsqualität ließen die Daten nicht zu, ergänzte Zobel. „Dennoch müssen wir in Zukunft unsere Analysen in den Fächern vertiefen, die eine besonders hohe Bestätigungsquote zeigen.“ Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt des MDS, fügte hinzu, man wolle gleichwohl „weg von der Schwarzer-Peter-Kultur“ hin zu einer Patientensicherheitskultur. Dazu gehöre es zu analysieren, wo und weshalb sich Risikofaktoren häuften. Antworten auf entsprechende Fragen könnten Ärztinnen und Ärzten vor Ort wertvolle Hinweise geben, an welchen Stellen Anstrengungen zur Fehlervermeidung und Qualitätsverbesserung besonders sinnvoll seien.

Behandlungsfehlervorwürfe werden im MDK durch spezialisierte Gutachterteams bearbeitet. Sie werden im Auftrag der Krankenkassen tätig. Ein Gutachten verursacht im Durchschnitt Kosten von 800 Euro, wobei je nach Fragestellung erhebliche Abweichungen möglich sind. Auf Basis eines MDK-Gutachtens kann der Patient ent­scheiden, welche weiteren Schritte er unternimmt. Das Gutachten ist für ihn kostenfrei.

Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern hatten vor kurzem ebenfalls ihre Statistik für das Jahr 2011 vorgelegt. Auch in diesen Gremien kamen die Fachleute in etwa einem Drittel der bearbeiteten 7.500 Fälle zu dem Ergebnis, dass ein Behandlungsfehler vorgelegen habe.

Zahl der Behandlungsfehler liegt im Promillebereich
Zur MDK-Statistik erklärte der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Gutachter­kommissionen und Schlichtungsstellen, Andreas Crusius: „Angesichts von rund 45 Millionen Behandlungsfällen mit rund 105 Millionen Patientenkontakten im ersten Quartal 2011 allein im hausärztlichen Bereich und rund 18 Millionen Krankenhausbehandlungen im vergangenen Jahr bewegt sich die Zahl der festgestellten ärztlichen Behandlungs­fehler im Promillebereich. Dies zeigen sowohl die heute vorgelegten Zahlen als auch die jährlichen Statistiken der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern.“ Dennoch sei jeder Fehler ein Fehler zu viel, betonte Crusius.

Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, verwies auf das geplante Patientenrechtegesetz, das die Krankenkassen stärker in die Pflicht nehme: „Sie sollen zukünftig ihre Versicherten bei der Verfolgung von Schadensersatzansprüchen aus Behandlungsfehlern unterstützen. Bisher war diese Unterstützung in das Ermessen der Krankenkassen gestellt. Eine wichtige Unterstützungsleistung ist dabei zum Beispiel die Erstellung eines medizinischen Gutachtens zur Frage des Behandlungsfehlers. © Rie/aerzteblatt.de

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M.Woll91
am Montag, 10. September 2012, 12:22

Wortspiel (@Senbuddy)

Mein Schreibfehler war vielleicht ungewollt aber richtig. Freut mich das Sie diesem kleinen Fehler doch etwas "positives" abgewinnen konnten.
Mir persönlich ging es in meinem Beitrag aber nicht nur darum das die GKV zu viel macht hat, ich persönlich würde mich mehr darüber freuen wenn der Dialog gesucht werden würde. Denn ich finde es eher kontraproduktiv das GKV, Ärzte und Kliniken gegeneinander arbeiten. Ich finde das man dieser Entwicklung entgegenarbeiten muss, denn die Leidtragenden sind in erster Linie, diejenigen die am wenigsten dafür können, nämlich Patienten bzw. Beitragszahler.
Es allen gut tun wenn sich jeder auf seine Hauptaufgabe konzentrieren würde, wie Sie das ja schon in Ihrem Beitrag kurz angeschnitten haben.

Viele Grüße
M
Senbuddy
am Donnerstag, 6. September 2012, 15:11

Tatsächlich Kraken... (@M.Woll91)

Ihr Schreibfehler in der zweiten Zeile ("Krakenkassen") ist vielleicht eine "freud'sche Fehlleistung". Aber ich finde das so entstandene Wort hervorragend, um die wahren Motive der GKVen für ihre stets einseitig negativen Veröffentlichungen über Ärzte und Kliniken zu beschreiben.

Jeder, der die Veröffentlichungen von einzelnen GKVen oder deren Verbänden mal über längere Zeit betrachtet, merkt sehr schnell, dass man dort ständig versucht, die gesamte Ärzteschaft und die Kliniken als fehlerhaft, patientenfeindlich und geldgierig hinzustellen. Ach ja, und die PKVen und die Pharmaindustrie gleich mit. Es gibt so gut wie keine positiven Berichte über Ärzte, sondern lediglich einseitig negativ geprägte Darstellungen.

Man möchte damit erreichen, dass Ärzte und Kliniken und alle anderen im Gesundheitssektor (die nicht zur GKV gehören) in der Öffentlichkeit schlecht dastehen. Man möchte, dass die öffentliche Meinung sagt: "Diese Ärzte und deren Gier muss man doch gesetzlich und grundsätzlich mal etwas mehr kontrollieren und eingrenzen".

Und die GKVen schaffen das auch schon recht gut: Das Bild der Ärzte ist in den letzten Jahren schon ziemlich von positiven zum negativen "gekippt". Die "Halbgötter in Weiß" wie früher gibt es schon lange nicht mehr.

Und es geht immer so weiter. Die Stimmung in der Bevölkerung soll dann möglichst so weit kippen, dass Grüne, Linke und SPD (und evtl. auch die CDU in einer großen Koalition) eine Bürgerversicherung schaffen. Damit wäre man dann die lästige Konkurrenz der PKVen endlich mal auf einen Schlag los. Und man würde dann natürlich noch viel mehr Macht und Kontrolle über die "böse Ärzteschaft" ausüben können.

Darum geht es tatsächlich: Um die Kontrolle über das Gesundheitswesens. Um die "Macht im Lande".

Deswegen hat man auch überall seine Finger drin. Deswegen gibt es die "Krakenarme" der "Krakenkassen". Deswegen mischt man sich regelmäßig in Themen ein, die nichts mit dem Auftrag der GKVen zu tun haben. Deswegen bauscht man jede Kleinigkeit so auf. Und deswegen kommen die ständigen Vorschläge, wie und wo GKVen noch ein bisschen mehr Einfluss hier und ein bißchen mehr Kontrolle da kriegen könnten.

Und darum: Vielen Dank für Ihre Wortkreation !
Viele Grüße
S.
M.Woll91
am Donnerstag, 6. September 2012, 10:58

Motivation der Krankenkassen

In diesem Falle die AOK sarkastisch als Mutter Theresa zu bezeichnen finde ich ehrlich gesagt billig. Zum einen ist die AOK nicht die einzigste Krakenkasse in Deutschland und zum anderen wird hier sehr oft die GKV in ein sehr schlechtes Licht gestellt. Man kann es schon fast Rufmord bezeichnen. Wenn mal etwas nicht läuft oder etwas falsch läuft wir immer zuerst den Krankenkassen die Schuld gegeben. Das ist mir zu einfach. Sicherlich sind die Krankenkassen an der ein oder anderen Sache mit beteiligt, aber die alleinige Schuld liegt nicht an den Krankenkassen. Vielmehr ist es das kollektiv. Jeder macht einen vermeintlich leichten Fehler. Das führt zu einer Kettenreaktion und so wird aus vielen kleinen Fehlern ein großer Fehler der in der Presse erscheint. Aus diesem Grunde empfehle ich jedem, sportlich aus gedrückt, den Ball flach zu halten.
Das Gesundheitssystem wird immer und immer wieder schlecht geredet. Für mich ist das Jammern auf ganz hohem Niveau. Die Bürger in Griechenland oder in den USA wären froh wenn Sie so ein gutes Gesundheits- und Sozialsystem hätten. Sicherlich ist bei uns nicht alles Gold was glänzt, aber es ist auch nicht alles so schlecht wie es von einigen dargestellt wird.
Bruddler
am Donnerstag, 6. September 2012, 06:27

Motivation der Krankenkassen?

Warum wird kein Wort über die wirkliche Motivation der Krankenkassen verloren? Dieser entscheidende Aspekt wird einfach totgeschwiegen. Als ob die Kassen per Naturgesetz nur edle Ziele hätten. AOK = Mutter Theresa. Schließlich sind die Kassen die Auftraggeber für den MDK. Wenn es ihnen kein Geld bringt, dann ist ihre Motivation, den MDK zu beauftragen gleich null, z.B. bei AU-Bescheinigungen in den ersten sechs Wochen.
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