Ärzteschaft

Beschneidung: Kinderschützer fordern Moratorium

Donnerstag, 13. September 2012

Berlin – Mehrere Verbände haben gestern in Berlin an Bundesregierung und Bundestag appelliert, rituelle Beschneidungen von Jungen nicht vorschnell per Gesetz zu erlauben. Vertreter der Deutschen Kinderhilfe, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte und von Terre des Femmes forderten ein zweijähriges Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches zum Thema, um sachlich über Beschneidungen zu diskutieren.

Viele Aspekte sind ihrer Meinung nach zu wenig bekannt. Man benötige Zeit, um durch Aufklärung zu überzeugen, sagte Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Die Forderung nach einem Moratorium ist auch Inhalt einer entsprechenden Petition an den Bundestag.

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Unterstützung erhielten die Fachleute von Eran Sadeh, einem Israeli, der in seiner Heimat die Organisation „Protect Child“ gegründet hat und sich gegen die Beschneidung von Minderjährigen wendet. Sadeh, der jüdischen Glaubens ist, betonte, es gebe weltweit Unterstützung für eine kritische Haltung gegenüber der Beschneidung von Jungen.

Viele Israelis verfolgten die Debatte in Deutschland, seien aber überzeugt, dass diese nichts mit Antisemitismus oder der Verhinderung jüdischen Lebens in Deutschland zu tun habe, so Sadeh. Diesen Vorwurf erheben Vertreter jüdischer wie muslimischer Glaubensgemeinschaften in Deutschland seit Beginn der Debatte. Sadeh wies auf einen weiteren Aspekt hin: Seinen Erkenntnissen nach lassen zahlreiche Eltern ihre Kinder gar nicht aus religiösen Gründen beschneiden, sondern folgen einfach der sozialen Norm.

Pro & Kontra: Religiöse Beschneidungen

Sollte man religiöse Beschneidungen minderjähriger Jungen gesetzlich regeln? Ist das Kölner Landgerichtsurteil zu begrüßen oder abzulehnen? Wie sollen Ärzte mit dem Urteil umgehen? Ein Pro und Kontra.

Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), bekräftigte die Haltung seines Verbands: Eine Beschneidung aus religiösen Gründen enthalte keinen Heilauftrag und sei deshalb abzulehnen. Nach Ansicht des bvkj wiegt das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit zudem schwerer als das Recht der Eltern, aus religiösen Motiven eine Beschneidung vornehmen zu lassen. Fegeler setzte sich darüber hinaus dafür ein, die Öffentlichkeit über den Eingriff und seine Risiken deutlicher  als bisher aufzuklären. Der Penis sei „ein Organ mit einer hochgradig ausgestatteten Empfindlichkeit“, eine Beschneidung „ein Eingriff von ungeheurer Nachhaltigkeit“.

Zustimmung erhielt er von Matthias Franz, dem stellvertretenden Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Viele Eltern würden über den Eingriff bei ihren Söhnen nicht richtig aufgeklärt, sagte Franz. Die Risiken würden noch heute bagatellisiert. Er habe von Patienten gelernt, welche traumatischen Folgen die Genitalbeschneidung haben könne, sagte Franz. Betroffene  Männer klagten über Sensibilitätsverlust, Schmerzen, Verwachsungen und Erektionsstörungen. Zahlreiche Studien bestätigten die Probleme.

Franz gab zu bedenken, dass der Schutz von Kindern in den letzten Jahren immer stärker zum Thema geworden sei, und ergänzte: „Die körperliche Unversehrtheit auch von Jungen stellt ein außerordentlich hohes Gut dar.“ Wie Fegert regte Franz an, über eine Verschiebung der Beschneidung nachzudenken, bis die Betroffenen selbst entscheiden könnten, oder auch symbolische Rituale zu entwickeln.

„Zeit für einen Dialog“ forderte auch Irmingard Schewe-Geringk, die Vorstands­vor­sitzende von Terre des Femmes. Ihre Organisation engagiert sich seit langem gegen die Beschneidung von Mädchen. Sie wisse, dass man jahrtausendealte Traditionen nicht einfach übergehen könne, sagte Schewe-Geringk. Dennoch sei die Unversehrtheit von Kindern ein Menschenrecht, das für alle gelten müsse. Schewe-Geringk warnte zudem davor, dass eine gesetzlich eingeräumte Erlaubnis der rituellen Beschneidung von Jungen auch Folgen für Mädchen haben könne.

Denn es gebe für sie vergleichbare Beschneidungspraktiken. Manchen Eltern werde dann nur schwer klar zu machen sein, warum diese verboten würden, die Beschneidung der Jungen aber erlaubt sei. Die Vorstandsvorsitzende von Terre des Femmes kritisierte zudem das Argument, die Beschneidung von Jungen sei aus hygienischen Gründen zu empfehlen: „Was für ein Männerbild liegt dem eigentlich zugrunde, dass man glaubt, Männer könnten ihren Körper nicht rein halten?“

Warum sie denn bislang geschwiegen hätten, wenn Beschneidungen aus ihrer Sicht derart schwerwiegende Eingriffe darstellten, wurden die Experten von Journalisten gefragt. Franz wies darauf hin, dass sich Fachleute seit langem mit dem Thema befassten. Aber „aus Respekt und Achtung vor religiösen Tabus“ sowie aus Angst vor einer Debatte wie der jetzigen hätten sie ihre Bedenken nicht deutlicher in die Öffentlichkeit getragen.

Seiner Meinung nach zieht außerdem die begonnene Debatte um Gewalt an Kindern nunmehr größere Kreise. Schewe-Geringk räumte ein, beim Engagement für ein Gesetz gegen weibliche Beschneidung sei Terre de Femmes noch nicht bewusst gewesen, welche Dimension der Eingriff bei Jungen habe. © Rie/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 22. September 2012, 23:36

Aktuelle E-Petition im Deutschen Bundestag online - Moratorium gefordert

Aktuell ist die Petition der Deutschen Kinderhilfe mit der Nummer 26078 im Petitionssystem des Deutschen Bundestages online. Ihr Titel lautet: "Zwei Jahre keine gesetzlichen Schritte zur Legitimation der Beschneidung" und fordert für diese Zeit eine fundierte Diskussion von Experten, Wissenschaftlern, Betroffenen, Politik, Religionsgemeinschaften und Öffentlichkeit zur besseren Entscheidungsfindung.

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2012/_07/_23/Petition_26078.mitzeichnen.html

Hiermit bitte ich alle DEUTSCHES ÄRZTEBLATT-Leserinnen und -Leser, dieses Anliegen im E-Petitionssystem des Deutschen Bundestags zu unterstützen und die Petition mit zu zeichnen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Clemens-X
am Freitag, 14. September 2012, 01:35

Schade, das Wichtigste fehlt in diesem Beitrag! — Hier ist es:

Denn einige der oben genannten Vereine und Institutionen haben gemeinsam eine Online-Petition verfasst. Der manipulative Druck und die undemokratische Einflussnahme der bekannten „religiösen Kreise” war so groß, dass diese Petition zunächst einfach nicht angenommen wurde! Eine klare Rechtsbeugung!

Um so wichtiger ist jetzt der Erfolg, dass diese Petition ab sofort Online beim Petitionsforum des Deutschen Bundestages unterzeichnet werden kann. Die Zeichnungsfrist läuft bis zum 11.10.2012. Hier der Link zur Online-Petition des Deutschen Bundestages:
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2012/_07/_23/Petition_26078.mitzeichnen.html

Und hier finden Sie den Text der Petition als PDF-Dokument:
https://epetitionen.bundestag.de/epet/petition/pdfdownload?petition=26078

Einen angenehmen und erfreulichen Tag wünsche ich,
Clemens M. Hürten - Lebenslust jetzt! - Rottweil
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