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Cadenabbia Gespräche Medizin – Ethik – Recht: „Wir wollen Visionen entwickeln“

Mittwoch, 19. September 2012

Cadenabbia – Im Oktober 2002 fand in der Ferienvilla des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer am Comer See die Gründungstagung der „Cadenabbia Gespräche Medizin – Ethik – Recht“ statt. Damals lautete das Thema „Klinische Sterbehilfe und Menschenwürde“. In diesem Jahr widmeten sich die 11. Cadenabbia-Gespräche dem demografischen Wandel. Veranstaltet wird die Tagung, zu der einmal im Jahr Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Verbänden zum Gedankenaustausch zusammenkommen, von der Konrad Adenauer Stiftung.

5 Fragen an Volker Schumpelick, ehemaliger Direktor der Chirur­gischen Universitätsklinik der RWTH Aachen, Mitglied des Kuratoriums der Konrad Adenauer Stiftung sowie Mitbegründer und Leiter der Cadenabbia Gespräche

DÄ: Herr Prof. Schumpelick, was hat Sie dazu bewogen, eine interdisziplinäre Veranstaltung wie die Cadenabbia-Gespräche ins Leben zu rufen?
Schumpelick: Ich bemerkte ein Defizit in der Kommunikation von uns Ärzten mit der Politik und mit den Krankenkassen. Die Player im Gesundheitswesen waren nicht so vernetzt, dass man darüber ins Gespräch kommen konnte, wie sich zukünftige Strukturen entwickeln und verbessern könnten, dass man Fragen beantworten und Vorbehalte abbauen konnte. Es fehlte eine Gesprächsebene.

DÄ: Nun haben Sie den Teilnehmerkreis weit über die normalen Player – Ärzte, Krankenkassen, Gesundheitspolitiker – ausgedehnt auf Philosophen, Rechtsexperten, Soziologen…
Schumpelick: Wir wollten eine repräsentative Gruppe der Gesellschaft hier versammeln. Zu den Teilnehmern gehören ja regelmäßig auch noch Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Es geht uns nicht nur darum, Gesundheitspolitik zu machen. Dafür gibt es bessere Gremien. Ziel ist es, in diesem Kreis Visionen für die Gesellschaft zu entwickeln, und dazu wollten wir ihn nicht zu eng fassen. Denn Medizin ist immer ein Problem der gesamten Gesellschaft, wie ich das in meinem neuen Buch „Unterm Messer“ am Beispiel der Chirurgie anhand von Anekdoten dargestellt habe.

Die Tagungsthemen wählt ein Gremium aus, das neben dem Ehrenvorsitzenden der Konrad Adenauer Stiftung, Bernhard Vogel, aus der Literaturwissenschaftlerin Birgit Lermen, dem Medizinhistoriker Klaus Bergdolt, dem Leiter der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad Adenauer Stiftung, Michael Borchard und mir besteht. Was in der Luft liegt, tagespolitisch aktuell ist, wird diskutiert. Unser erstes Thema vor zehn Jahren war Menschenwürde und Sterbehilfe. Das war gesellschaftlich sehr umstritten. Dasselbe galt für Themen wie „Was ist uns Gesundheit wert?“ oder „Kosten des Gesundheitswesens“.

DÄ: Der demografische Wandel steht schon zum zweiten Mal auf der Tagesordnung. Beim ersten Mal ging es primär um eine Situationsanalyse. Diesmal ging es um Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten. Wie nimmt man denn dem demografischen Wandel den Schrecken?
Schumpelick: Wir müssen von der Verteufelung des demografischen Wandels wegkommen. Wir sind ja mitten drin und müssen damit leben. Die erste Tagung vor acht Jahren war eine ernüchternde Analyse dessen, was auf uns zu kommt. Heute stellt sich die Frage, was können wir tun?

In der Chirurgie sind mittlerweile fast 40 Prozent der Patienten älter als 60 Jahre. Das heißt, wir müssen überlegen, wie wir Risikofaktoren minimieren und die Belastung der Patienten reduzieren. Dabei dürfen wir in keiner Weise – das wurde vor acht Jahren diskutiert – zu einer Rationierung der Maßnahmen kommen. Das ist ethisch und rein juristisch nicht haltbar.

 Wir müssen die Patienten fragen, was sie wollen. Manche wollen sich keinen Eingriffen mehr unterziehen. Das gilt es zu respektieren. Unsere Aufgabe ist es, die objektiven und subjektiven Interessen unserer Patienten auszuloten. Es darf aber nicht dazu kommen, dass Ärzte oder andere Entscheidungsträger im Gesundheitssystem Grenzen setzen. Denn es gibt keine belastbaren Daten dafür, dass beispielsweise eine große Leberresektion im Alter von über 90 Jahren nicht mehr durchführbar ist. Wir brauchen eine individualisierte Medizin, die sich an den Risikofaktoren, den Bedürfnissen und Wünschen des einzelnen orientiert.

DÄ: Am Ende der Tagung sollen praktikable Lösungen stehen?
Schumpelick: Ja. Dabei ist der Konsens mit dem Patienten wichtig. Wenn jemand mit 90 noch eine künstliche Hüfte haben will, soll er, falls seine Risikofaktoren das erlauben, eine bekommen. Das ist der vierdiente Lohn für sein gesund geführtes Leben.

Die demografische Entwicklung ist eine wunderbare Errungenschaft, an der wir Ärzte erheblich beteiligt sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich im Laufe der nächsten Jahre das Demografie-Verständnis, das im Augenblick sklavisch den Zahlen folgt, dahin entwickelt, dass man auch im Rahmen einer individualisierten Medizin das Alter nicht mehr nur als Last ansieht, sondern als Chance zu einem verlängerten Leben in Gesundheit. Am numerischen Alter können wir leider nichts ändern, das biologische Alter aber haben wir durch eine gesunde Lebensführung weitgehend in der Hand.

DÄ: Wie lassen sich die Vorschläge, die Sie hier entwickeln, in Politik umsetzen?
Schumpelick: Das habe ich mich immer wieder gefragt. Aber ich bemerke, dass die Politiker ins Nachdenken kommen. In der Regel ist in Cadenabbia ein größeres Parteienspektrum vertreten. Diesmal waren nur Abgeordnete der CDU hier. Damit war ich nicht so glücklich. In der Vielfalt liegt die eigentliche Stärke dieser Tagung.

In Cadenabbia herrscht eine anregende, freundliche Atmosphäre, in der man stressfrei kommunikativ zusammen kommen kann. Hier können sich selbst erbitterte Kontrahenten im Konsens treffen. © HK/aerzteblatt.de

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