Cambridge – Die Pharmaskandale der letzten Jahren haben, wenigstens bei Internisten im akademischen Nordosten der USA, das Vertrauen in industriegesponserte Studien gemindert. In einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (NEJM 2012; 367: 1119-1127) bewerteten die Mediziner von der Industrie gesponserte Studien schlechter, als sie in Wirklichkeit waren.
Bioethiker der Harvard Universität in Boston haben ihren Studienteilnehmer – Internisten – Abstracts von drei „brandneuen“ Wirkstoffen zugeschickt, die es in Wirklichkeit nicht gab. „Lampytinib“ sollte den Cholesterinwert bei Patienten senken, die Statine nicht vertragen, „Bondaglutaraz” sollte Diabetikern nutzen, die unter Metformin und einem Sulfonylharnstoffe keine ausreichenden Blutzuckerkontrolle erzielten, sich aber gegen Insulin sträubten. „Provasinab” wurde als Antianginosum bei therapierefraktärer Mehrgefäßerkrankung der Koronarien gepriesen.
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Die zugesandten fiktiven Studien waren von unterschiedlicher Qualität. Es gab hochwertige Doppelblindstudien mit aktiver Vergleichsgruppe, die an einer repräsentativen Patientengruppe einen Überlebensvorteil zeigten. Andere Studien waren von zweifelhafter Qualität. Die Medikamente waren dort an einer selektierten Patientengruppe im offenen Vergleich mit der herkömmlichen Therapie verglichen wurde, wobei sich Vorteile lediglich in einem Surrogatparameter zeigten. Zudem fehlten Angaben zur Sicherheit des Medikaments, das häufig vorzeitig von den Teilnehmern abgesetzt wurde.
Aaron Kesselheim vom Safra Center for Ethics der Harvard Universität in Cambridge unterschied hinsichtlich der Studienqualität drei „levels of rigor“ – was von den 269 teilnehmenden Internisten durchaus erkannt und in der Bewertung korrekt beachtet wurde: Die Mediziner waren am Ende dreimal so häufig bereit, ein Medikament zu verschreiben, dass in einer Studie mit dem höchsten Levels getestet wurde im Vergleich zum mittleren Niveau. Studien mit niedrigem Niveau wären zu einem Drittel seltener verschrieben worden.
Die Mediziner zeigten aber auch ein feines Gespür dafür, ob die Studien vom Arzneimittelhersteller gesponsert wurden – es waren Namen aus der Gruppe der zwölf weltweit größten Firmen genannt worden – oder ob die National Institutes of Health die Neuentwicklungen getestet hatten. Die staatliche Behörde genoss bei den Internisten so großes Vertrauen, dass die Ärzte die dort getesteten Medikamente am Ende doppelt so häufig für verschreibungsfähig hielten wie die Industriemedikamente – bei gleich guten Studienergebnissen. Die Tatsache, dass ein Hersteller hinter der Studie steckte, hatte in etwa den gleichen Einfluss auf die Beurteilung der Verschreibungsfähigkeit wie die Herabstufung um einen „levels of rigor“.
Für das Misstrauen der Ärzte gibt es gute Gründe. In den letzten Jahren gab es mehrfach Berichte über Studien, die von der Industrie aufgrund schlechter Studienergebnisse zurückgehalten wurden. In den Publikationen wurden bewusst positive Ergebnisse herausgestellt und negative verschwiegen. Auch das in medizinischen Publikationen verbreitete Ghostwriting, bei denen die Marketingabteilung federführend bei der Erstellung der Manuskripte war, ist vielen Ärzten übel aufgestoßen.
Eine Folge ist, dass selbst überzeugende Studienergebnisse der Hersteller die Ärzte oft nicht mehr überzeugen. Kesselheim nennt hier als Beispiel die JUPITER-Studie (NEJM 2008; 359: 2195-207), die den Einsatz von Statinen bei Patienten mit normalen Cholesterinwerten (aber erhöhten CRP-Werten) untersucht hat. Die dort präsentierten Ergebnisse hatte in einer Umfrage im Folgejahr nur die Hälfte der Internisten überzeugt (NEJM 2009;360: e14).
Auch wenn es gute Gründe für eine gesteigerte Vigilanz gegenüber Studien der Industrie gebe, könnte ein genereller Vertrauensverlust auch negative Folgen haben. Er könnte die Umsetzung neuer und effektiver Forschungsergebnisse in die klinische Praxis verhindern, meinte der Bioethiker Kesselheim, dessen Studie übrigens nicht von der Industrie finanziert wurde.
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