London – In Lettland sterben zehnmal mehr Menschen nach chirurgischen Eingriffen als im benachbarten Estland. Dies geht aus einem europaweiten Vergleich hervor, den die europäischen Fachverbände der Intensivmediziner und Anästhesiologen im Lancet (2012; 380: 1059–65) publiziert haben. Generell war die postoperative Mortalität in Ost- und Südeuropa höher als in den reicheren Ländern Westeuropas und Skandinaviens. Der Mangel an Intensivbetten könnte eine Ursache sein.
Die European Surgical Outcomes Study hat an sieben Tagen im April 2011 die Daten von fast 50.000 Patienten gesammelt, die sich in 498 Kliniken aus 28 europäischen Ländern einer nicht-kardialen Operation unterzogen. Alle Patienten wurden bis zu 60 Tage nach dem Eingriff beobachtet, um alle postoperativen Todesfälle zu erfassen. Ihre Zahl war höher als erwartet.
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Frühere Untersuchungen auf nationaler Ebene hatten die postoperative Sterblichkeit mit 1,3 bis 2,0 Prozent angegeben. Diese Werte erreichen laut Rupert Pearse vom Royal London Hospital in London in Europa nur die skandinavischen Länder (einschließlich Estland), die Schweiz und die Niederlande. In Deutschland lag die postoperative Mortalität in der Stichprobe bei 2,5 Prozent. Im benachbarten Polen starben dagegen 17,9 Prozent, in der Slowakei waren es 11,2 Prozent und in Lettland sogar 21,5 Prozent. Aber auch Kroatien (7,4 Prozent), Irland (6,4 Prozent), Rumänien (6,8 Prozent) und Italien (5,3 Prozent) liegen unter dem europaweiten Durchschnitt von 4 Prozent.
Die Ursache für die erheblichen Unterschiede kann die Studie nur ansatzweise klären. Ein Faktor ist für Pearce der Mangel an Intensivbetten in den Kliniken. Tatsächlich starben 73 Prozent der Patienten, ohne zuvor auf einer Intensivstation betreut worden zu sein. Auf der anderen Seite wurden in Rumänien, dem Land mit der dritthöchsten postoperativen Sterblichkeit, mit 16,1 Prozent die meisten Patienten auf Intensivstation betreut.
In Finnland, dem Land mit dem besten Ergebnis, waren es nur 4 Prozent, in den Niederlanden sogar nur 2 Prozent. Der Editorialist René Vonlanthen vom Universitätsspital Zürich vermutet deshalb, dass die Definition und die Ausstattung der Intensivstationen von Land zu Land verschieden und deshalb schwer zu vergleichen ist. In vielen Ländern werden die Patienten zudem nach der Operation nicht mehr auf Intensivstation, sondern in spezialisierten Aufwachräumen betreut. Vonlanthen vermisst in der Studie auch Angaben zur postoperativen Morbidität der Patienten, die – vor allem in Ländern mit einer geringen postoperativen Sterblichkeit – ein wichtiger Qualitätsmarker für die Betreuung ist.
Die Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse könnte in Details liegen. Dazu gehört die routinemäßige Verwendung von Sicherheits-Checklisten, klinische Behandlungspfade, spezielle Strategien zur Rehabilitation („Fast Track“-Chirurgie), ein hohes Patientenvolumen, die Spezialisierung der Chirurgen und die Ausbildung zur raschen Erkennung und Behandlung von Komplikationen.
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Die Varianz der 60-Tage-Mortalität wirft die Frage nach der Akuität von die Aufnahme veranlassenden Erkrankungen und die Traumatisierung durch die klinische Invasivität auf. In wohlhabenden Staaten ist die autonome, d.h. vom Patienten gesteuerte Aufnahme in einer Klinik auch Resultat des Wunsches nach einem "Check". Bei diesen Aufnahmen fehlt jede Akuität. Die Menschen suchen Beruhigung durch ärztliche Überprüfung. Der Weg in die Klinik ist in solchen Fällen auch eine Flucht vor dem häuslichen Setting. Ein Vergleich der Mortalität sollte anhand von durch Unfällen traumatisierten Patienten mit standardisiertem Ausmaß der Schädigung erfolgen. Der vorliegende Vergleich öffnet eine Pforte der Versorgungsforschung mit dem selten gebrauchten Suchwort "hospital mortality".
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