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West-Ost-Gefälle bei Antibiotika­verordnungen

Donnerstag, 27. September 2012

Berlin – Antibiotika werden in den nordöstlichen Bundesländern im Allgemeinen spar­samer verordnet als im Westen. Eine Ausnahme bildet die Altersgruppe der Kinder unter 15 Jahren. Hier liegen die Verordnungszahlen in den neuen Bundesländern mit am höchsten, wie aus einer Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung hervorgeht.

In Deutschland haben im Jahr 2010 etwa 22 Millionen Patienten ein Antibiotikarezept erhalten. Das sind 31,5 Prozent aller GKV- Versicherten. Im Saarland lag der Anteil sogar bei 37 Prozent. Es nimmt damit neben Rheinland-Pfalz und Westfalen-Lippe (jeweils 35 Prozent) die Spitzenposition ein. Die niedrigsten Verordnungsraten ermittelte Dr. Augustin Jobst vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland in Berlin für Brandenburg (25 Prozent), Sachsen (28 Prozent), Berlin und Schleswig-Holstein (jeweils 29 Prozent).

Die Ursachen für diese regionalen Unterschiede sind laut Jobst nicht bekannt. Es könne sich aber um eine Nachwirkung der Bemühungen der ehemaligen DDR-Regierung handeln, die Verordnungshäufigkeit von Antibiotika bei bekannter Unwirksamkeit zu begrenzen. Bereits zu DDR-Zeiten sei es zu einem Rückgang der Verordnungen gekommen, der sich möglicherweise nach der Wende in den neuen Bundesländern fortgesetzt habe.

Darüber hinaus sei die Indikationsstellung in der DDR strenger gewesen. Eine andere Vermutung geht dahin, dass die Prävalenz von Infektionserkrankungen in der Ex-DDR geringer ist - möglicherweise sogar eine Folge der hohen Grippeimpfrate. Die Geimpften würden seltener an schweren Atemwegsinfektionen erkranken, die dann (bei einer bakteriellen Superinfektion auch sinnvollerweise) den Einsatz von Antibiotika erforderlich machen würden.

Völlig gegen den Trend in den meisten anderen Altersgruppen werden Antibiotika bei Kindern unter 15 Jahren in den neuen Bundesländern sehr häufig verordnet: Zu den Regionen mit den höchsten Verordnungsraten gehören neben dem Saarland auch Thüringen, Sachsen- Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. In diesen Bundesländern haben im Jahr 2010 etwa die Hälfte aller Kindern unter 15 Jahren wenigstens einmal Antibiotika verordnet bekommen. Der häufige Einsatz ist rational nicht nachvollziehbar. Jobst vermutet, dass die Einstellung von Arzt und Patient zu einer Antibiotika-Therapie ein wesentlicher Einflussfaktor für die Verordnung sind.

Die meisten Antibiotika werden (im ambulanten Bereich, der Einsatz in den Kliniken war nicht Gegenstand der Untersuchung) von den Allgemeinmedizinern/Hausärzten verordnet. Der Anteil am am Verordnungsvolumen betrug 52,6 Prozent gefolgt von 13,4 Prozent bei den hausärztlich tätigen Internisten. Dabei muss laut Jobst aber berücksichtigt werden, dass die Allgemeinmediziner/Hausärzten die Gruppe mit den meisten versorgten Patienten sind.

Beim Verbrauch pro Arzt liegen nach den Ergebnissen einer anderen Studie die HNO-Ärzte mit Abstand vor Kinderärzten, Allgemeinmedizinern und Urologen. Aus diesen Zahlen kann allerdings nicht geschlossen werden, dass eine Arztgruppe Antibiotika häufiger unnötig großzügiger verordnet als die andere. Schließich werden Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen behandelt. Weitere Erkenntnisse erhofft sich Jobst von einer geplanten Untersuchung, die die von den Ärzten angegebenen Indikationen berücksichtigen wird.

Die unterschiedlichen Indikation erklären auch, warum Kinderärzte und HNO-Ärzte häufiger Basispenicilline (gegen Erkrankungen der oberen Atemwege) verordnen als Hausärzte, bei denen Fluorchinolone (Zunahme um mehr als das 5-fache zwischen den Altersgruppen der 15-20-Jährigen und über 90-Jährigen) dominieren. Älteren Patienten werden wegen Harnwegsinfekten häufiger Nitrofurantoine/ Fosfomycine/Nitroxoline verschrieben. © rme/aerzteblatt.de

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