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Herzinfarkt und Schlaganfall sind Todesursache Nummer Eins in Europa

Freitag, 28. September 2012

Oxford – Mehr als vier Millionen Menschen in Europa sterben jährlich an einem Herzin­farkt oder Schlaganfall. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind damit weiterhin die Todes­ursache Nummer 1, trotz eines leichten Rückgangs seit 2008. Das zeigt der anlässlich des Weltherztages am 29. September veröffentlichte 4. Bericht der European Society of Cardiology und des European Heart Network (EHN).

Durch einen Schlaganfall stirbt demnach eine von sieben Frauen und einer von zehn Männern in Europa. Ein Herzinfarkt ist die Todesursache für jeden fünften Europäer. Seit 2008 sei der Anteil dieser Krankheiten an allen Todesfällen geringfügig von 48 auf 47 Prozent gesunken.

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Der Hauptgrund für weniger Herzinfarkt-Todesfälle sei eine bessere medizinische Behandlung. Dem Bericht zufolge ist auch die Zahl der Schlaganfälle in den reicheren Ländern in den vergangenen Jahren gesunken. Fortschritte in der Therapie habe es aber kaum gegeben, berichten die Forscher. Von den Schlaganfall-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, sterben heute noch fast genauso viele wie vor zehn Jahren.

Die Zahlen belegen auch, dass es große Unterschiede zwischen den europäischen Regionen gibt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen demnach in Nord- und Westeuropa weniger Todesfälle als in den ehemaligen Ostblockstaaten Mittel- und Osteuropas. So sterben in Deutschland und den Niederlanden durchschnittlich 16 von 100.000 Männern an Herzinfarkt und Schlaganfall, in Russland sind es dagegen 186 von 100.000. Dem Bericht zufolge wird in Osteuropa vergleichsweise mehr geraucht.

Probleme werden sich verschärfen
Der leichte Rückgang der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei kein Grund zur Entwarnung, sagt Hans Stam, Präsident des EHN. Denn wie der Bericht zeigt, nehmen Risikofaktoren wie Diabetes und Übergewicht in den meisten europäischen Ländern zu.

In 34 von 40 Ländern seien mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig. In Deutschland bringen 45,5 Prozent der Männer und 29,5 Prozent der Frauen zu viel auf die Waage. Rund 20 Prozent aller Erwachsenen gelten als fettleibig. Auch das Rauchen sei noch immer ein großes Gesundheitsproblem, sagen die Forscher. Insbesondere unter den Frauen und Mädchen Nord- und Westeuropas steige die Zahl der Raucherinnen deutlich an.

„Wir erwarten, dass sich die Probleme durch die alternde Bevölkerung und die ungesunde Lebensweise in den kommenden Jahren wieder verschärfen", sagt Panos Vardas, Präsident der European Society of Cardiology. Es müsse daher dringend mehr in Vorbeugungs- und Aufklärungsmaßnahmen investiert werden, um die Gesundheit der europäischen Bevölkerung zu verbessern, aber auch um die Belastung für die Gesundheitssysteme nicht noch weiter steigen zu lassen. Schon jetzt verursachten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa jährliche Ausgaben von geschätzt 196 Milliarden Euro pro Jahr.

Für ihren Bericht hatten die Forscher vor allem Daten internationaler und europäischer Organisationen und Gremien ausgewertet, darunter auch die der Weltgesundheits­organisation (WHO). Sie erfassten die Daten für alle Länder, die in der WHO als Region Europa registriert sind. Neben den Staaten der Europäischen Union und allen Balkanländern gehören dazu auch Russland und ehemalige Sowjetrepubliken wie Georgien, Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan, außerdem die Türkei, Israel, Weißrussland und die Ukraine. © dapd/aerzteblatt.de

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kairoprax
am Sonntag, 30. September 2012, 12:27

Todesursache(n) Nummer eins - wohin soll uns das führen, und wohin bitte nicht?


In der zurückliegenden Woche habe ich die Leichenschau bei einer 98-jährigen Frau durchgeführt. Sie war 15 Jahre mit einer schweren Demenz bettlägerig. Vier Tage vor dem Tod hat sie keine Nahrung mehr zu sich genommen, 10 Stunden vor dem Tod setzte eine Cheyne-Stoke-Atmung ein.
Wer würde eine andere Kausalkette als "Stammhirnversagen bei Immobilisation und Demenz" einttragen? Also war dies wieder einer der Fälle, die unter Apoplex aufgelistet werden.

Bis zu ihrem 80. Lebensjahr war diese Frau kerngesund. Zwischen 80 und 85 entwickelte sich die Demenz. Sie hat 15 Jahre Bettlägerigkeit erstaunlich gut durchgestanden. Diese Frau ist überdurchschnittlich alt geworden. Die Kausalkette mag zwar richtig sein, aber sie ist schon deswegen, schon wegen des erreichten Alters nicht zutreffend.

In derselben Woche ist ein 45-jähriger Mann verstorben. Ein Kettenraucher, seit Jahren arbeitslos und alkoholkrank. Im Frühjahr fand ein stationärer Aufenthalt statt wegen blutigem Erbrechen. Seitdem bestand eine Anämie. Der Patient hat unvermindert weiter geraucht und Alkohol getrunken, einzige Änderung nach dem stationären Aufenthalt, er ist weniger oft in der Praxis erschienen. Dem Tod war ein Kreislaufkollaps vorausgegangen, vor dem der Mann über Atemnot und Herzschmerzen klagte. Kausalkette "Herzinfarkt bei Anämie auf dem Boden einer alkoholtoxischen Lebererkrankung" - einverstanden?

Ist der Mann jetzt an einem Herzinfarkt gestorben oder an seinem Verhalten?
Ist die 98-jährige Frau überhaupt einer Krankheit zum Opfer gefallen oder zählt sie nicht eher zu den Hochbetagten und eigentlich sogar Gesunden?
Die Leichenschau veranlaßt uns wahrscheinlich zu mehr Falschaussagen als nötig. Tod durch ungesunde Lebensweise und ein versagendes soziales Netz wären vielleicht bei dem 45-jährgen Mann zutreffender gewesen als Herzinfarkt.

Fakt ist, abgesehen von "Tod durch Erhängen", "Tod durch Aspiration", "Ertrinken", "Vergiftung" oder "Tod im Verlauf einer Operation" sind wir garnicht in der Lage, eine wissenschaftlich haltbare Todesursache anzugeben.
Selbst bei einem nachgewiesenen Infarkt oder Apoplex ist nicht der die Todesursache. Vielmehr ist es die Konstitution des Patienten, sonst würde nicht ein nachgewiesen ebenso großes Infarktareal bei einem Menschen zum Tod führen, während der andere lediglich eine Krise durchläuft.

Geradezu paradox ist die Aussage, die alternde Bevölkerung würde die Todesfälle durch Herz-Krerislauferkrankungen nach oben treiben. Was jetzt?
Leben wir länger und werden wir älter - wie meine 98-jährige Patientin?
Oder leben wir falsch und sterben zu früh, wie mein 45-jähriger Patient?
Lebensverlängernde Medizin und Lebensweise, nicht in den letzten Lebenswochen, wohlverstanden, sondern vorbeugend, schafft Krankheiten in ebensolchem Umfang, wie sie Krankheiten verhindert.

Panos Vardas spricht von der "Belastung der Gesundheitssysteme", wenn er zu mehr Vorsorge mahnt. Was würde das bedeutenh? Was wäre, wenn sich der 45-jährige gehalten hätte und von heute an gerechnet in 53 Jahren und mit 98 Jahren und einer Cheyne-Stoke-Atmung versterben würde?
Glaubt irgendjemand tatsächlich, daß gesundheitliche Aufklärung und eine optimale medizinische Versorgung jemals dazu führen, daß wir frei von Krankheiten bis ins hohe Alter gehen können?
Und was dann?
Woran würden wir dann sterben, wenn wir bis gestern, beispielsweise bis zum 85.Geburtstag kerngesund wären und dann 85-jährig und einen Tag später tot im Bett liegen? Im Grunde genommen stehen wir bei der Leicheschau gesunder alter Menschen genau vor diesem Problem - und tragen natürlich mangels besserer Erkenntnis wieder "Tod durch Herzversagen" ein.

Nächstes Jahr werde ich 60. Ich rauche nicht und trinke keinen Alkohol, außerdem habe ich einen BMI von 25. Einige Krankheiten und einiges an Fehlverhalten habe ich natürlich, und ich weiß davon. Mit beinahe 60 mache ich mir Gedanken, woran und wie ich einmal sterben werde, und ich weiß nicht, ob die Todesursache aus dem Fehlverhalten stammen wird, an dem ich wenig ändern möchte, oder durch eine Krankheit, die ich womöglich noch nicht einmal kenne. Ich wünsche mir eigentlich nur, meiner Familie vor meinem Tod nicht zur Last zu fallen und schließe daher - obwohl ich keineswegs suizidal oder depressiv veranlagt bin - einen Suizid für diesen Fall nicht aus. Dann hätte ich wenigstens eine eindeutige Todesursache ... aber sie wirklich eindeutig, und nicht nur als Folge der noch unbekannten Krankheit zu sehen, der ich ausweichen würde?

Dr. Karlheinz Bayer, Bad Peterstal


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