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Anästhesie: Muskelrelaxantien steigern postoperatives Komplikationsrisiko

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Boston – Der Einsatz von peripheren Muskelrelaxantien, die den Anästhesisten die endotracheale Intubation erleichtern und während der Operation den Muskeltonus der Skelettmuskulatur reduzieren, geht möglicherweise mit einer erhöhten Rate von respiratorischen Komplikationen nach der Operation einher. Dies geht aus einer prospektiven Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2012; 345: e6329) hervor.

Muskelrelaxantien haben seit den 1950er Jahren die Möglichkeiten bei der Thorax- und Abdominalchirurgie deutlich erweitert. Schon früh wurde aber erkannt, dass die eingesetzten Wirkstoffe über das Ende der Operation hinaus nachwirken können. Die Gefahr schien durch die Einführung kürzer wirkender nicht-depolarisierender Muskelrelaxantien gebannt. Außerdem können die Anästhesisten die Wirkung der Muskelrelaxantien durch Cholinesterasehemmstoffen wie Neostigmin antagonisieren.

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Dennoch könnte es in der Praxis zu Problemen kommen, wie eine Auswertung von 18.579 Patientendaten des Massachusetts General Hospital in Boston zeigt, denen das Team um Matthias Eikermann in einer sogenannten „Propensity score“-Analyse eine gleiche Anzahl von Patienten gegenüberstellte, die während der Operation keine Muskelrelaxantien erhalten hatten.

Die „Propensity score“-Analyse ist eine derzeit bevorzugte statistische Methode, um Ungleichgewichte zwischen Therapie- und Kontrollgruppe zu vermeiden. Sie verfolgt das Ziel, die Situation einer randomisierten klinischen Studie nachzustellen. Ob dies gelingt, ist ungewiss, da prinzipiell nicht alle Eigenschaften bekannt sein mögen, die sich auf die Ergebnisse auswirken können.

Matthias Eikermann, ein langjähriger Mitarbeiter an der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen, kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass der Einsatz von intermediär-wirksamen Muskelrelaxantien häufiger mit postoperativen Atemproblemen verbunden ist: Die arterielle Sauerstoffsättigung fiel häufiger auf unter 90 Prozent (Odds Ratio OR 1,36; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,23-1,51), und es wurde häufiger eine Re-Intubation notwendig mit einer ungeplanten Überweisung auf die Intensivstation (OR 1,40; 1,09-1,80).

Das Risiko war auch dann erhöht, wenn die Anästhesisten währen der Operation eine qualitativen Prüfung der Muskelrelaxation – sie erfolgt typischerweise mit der Train-of-Four-Methode – durchführten. Auch Neostigmin scheint die Probleme nicht sicher zu verhindern. Die Gabe war in der „Propensity score“-Analyse sogar mit einem paradoxen Anstieg der respiratorischen Komplikationen verbunden.

Eikermann erklärt diesen Befund mit den möglichen Nebenwirkungen von Neostigmin, das durch einen Depolarisationsblock Muskeln lähmen könnte. Auch könnte ein zu frühzeitiger Einsatz dazu führen, dass es zu einem Nachhang der länger wirkenden Muskelrelaxantien kommt. Dann können die Probleme nach einem symptomfreien Intervall einsetzen.

Ein genereller Verzicht der Muskelrelaxantien steht allerdings nicht zur Diskussion, auch wenn nach weiteren Berechnungen Eikermanns 26 Prozent aller Sauerstoffsättigungen von unter 90 Prozent und 40 Prozent aller Sauerstoffsättigungen von unter 80 Prozent auf den Einsatz von Muskelrelaxantien zurückzuführen wären (sofern die Assoziation tatsächlich kausal sind). Hinzu kommen 29 Prozent der Re-Intubationen, die durch den damit verbundenen zusätzlichen Aufenthalt auf der Intensivstation erhebliche Kosten aufwerfen, zumal in den USA jährlich 100 Millionen Einheiten von Muskelrelaxantien eingesetzt werden. © rme/aerzteblatt.de

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