Ärzteschaft

Unerträgliches Diktat der Ökonomie

Freitag, 19. Oktober 2012

Köln – Vor einem Wertewandel und einem mancherorts unerträglichen Diktat der Ökonomie auch in der Hämatologie/Onkologie warnt Else Heidemann, Präsidentin des diesjährigen Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie zusammen mit der österreichischen und der schweizerischen Fachgesellschaft.

Fünf Fragen an Else Heidemann, Chefärztin am Diakonie Klinikum Stuttgart

DÄ: Sie warnen vor einem „mancherorts unerträglichen Diktat der Ökonomie“ auch in der Onkologie. Warum?
Heidemann: Uns schreckt auf, dass mittlerweile viele Ober- und Chefärzte vorzeitig aus dem Beruf aussteigen, weil sie dem Druck der Verwaltungen nicht mehr standhalten können und wollen. Zum Beispiel wollen die Verwaltungen derzeit häufig, dass besonders viele Patienten operiert werden. Natürlich müssen wir Ärzte das medizinisch Richtige für unsere Patienten raten und vornehmen. Dies aber ständig gegenüber ökonomischen Vorgaben durchzusetzen, verschleißt viele Kollegen.

: Sie haben also eher ein Problem wegen der Berufsaussteiger als wegen des mangelnden Nachwuchses?
Heidemann: Leider gibt es besonders in ländlichen Regionen auch ein Nachwuchsproblem, weil viele junge Mediziner nicht bereit sind, dort zu arbeiten. Beides bedingt sich aber gegenseitig. Die Frustration der erfahrenen Ärzte, die keine Zeit mehr haben für gute Medizin, wirkt sich auch auf die Bereitschaft aus, überhaupt in die Patientenversorgung zu gehen. Ich glaube, ökonomisches Diktat und überbordende Bürokratie schrecken viele ab. „So habe ich mir den Arztberuf nicht vorgestellt“ ist ein Zitat, das wir leider häufig hören.

: Wäre eine neue Form der Arbeitsteilung zum Beispiel mit dem Pflegedienst ein Weg, um die Versorgung langfristig zu sichern?
Heidemann: Nein, nicht allein. Wir müssen die übermächtige Bedeutung rein wirtschaftlicher Vorgaben zurückschrauben. Das Patientenwohl muss Priorität haben – das sollte eigentlich  klar sein.

Trotzdem ist es auch immens wichtig, die Zusammenarbeit mit dem Pflegedienst sinnvoll und effektiv zu gestalten. Die Patienten werden schließlich von einem onkologischen Team behandelt, zu denen Ärzte, Pflegekräfte und  weitere Berufsgruppen gehören.

: Welche Probleme bestehen in der Zusammenarbeit?
Heidemann: Unter Umständen vertreten ärztlicher Dienst und Pflege gegenüber den Patienten unterschiedliche Meinungen, was die Therapie, das Vorgehen, die Schmerzbehandlung und anderes angeht. Das verunsichert Patienten und Angehörige ungemein. Wir brauchen in den Abteilungen einen ständigen Austausch auf Augenhöhe. Nur so erreichen wir, dass alle Beteiligten dem Patienten auf die gleiche Weise und mit den gleichen Botschaften begegnen.

Gute Kommunikation mit Krebspatienten steigert nicht nur deren Zufriedenheit mit der Versorgung, sondern wirkt sich positiv auf Therapietreue und Krankheitsverlauf aus. Wichtig ist die Schulung der Kommunikationsfähigkeiten des onkologischen Teams. Und das vor allem für Situationen, in denen Patienten schlechte Nachrichten verarbeiten müssen, so etwa bei einer Krebsdiagnose oder beim Übergang von kurativer zu palliativer Behandlung. Gerade in Bezug auf Kommunikation und Compliance wäre auch mehr Versorgungsforschung nötig.

: Die Versorgungsforschung …
Heidemann: …ist in der Onkologie in Deutschland viel zu lange ein Stiefkind gewesen. Wir haben viele randomisierte Studien zu Medikamenten und Therapieschemata. Aber bei der Forschung zu dem Einfluss von Prozeduren, Prozessen und des komplexen Versorgungsgeschens  müssen wir noch deutlich zulegen. © hil/aerzteblatt.de

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Andreas Skrziepietz
am Samstag, 20. Oktober 2012, 16:11

So habe ich mir den Arztberuf nicht vorgestellt

So ist er ja auch nicht. So ist er nur bei uns. Und wer hat Schuld? Doch wohl jene Kreaturen, die die AiP-Zeit für eine "große Chance für junge Mediziner" hielten und immer noch halten. Jammern Sie hier nicht rum, bedanken Sie sich beim Engländer.
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