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Wissenschaftsbetrug: Bis zu 200 Studien gefälscht

Donnerstag, 8. November 2012

Würzburg – Auf einen Wissenschaftsbetrug großen Umfangs haben Anästhesiologen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hingewiesen. Peter Kranke und Mitautoren aus der Würzburger Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie hatten sich schon vor mehr als zehn Jahren in einem Aufsatz kritisch mit den berichteten Ergebnissen des japanischen Forschers Yoshitaka Fujii auseinandergesetzt und auf augenfällige Diskrepanzen hingewiesen. „Mit ihren Warnungen haben sie jedoch kein Gehör gefunden. Jetzt ist der Skandal umso größer“, hieß es aus Würzburg.

Heute weiß man: Kranke und seine Ko-Autoren hatten recht. Der Verdacht hat sich mittlerweile zu einem der größten Forschungsskandale der vergangenen Jahre in der Medizin entwickelt. Bis zu 200 Arbeiten Fujiis sollen gefälscht sein, immer mehr Fachzeit­schriften ziehen seine Studien zurück.

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Kranke und seine Mitarbeiter der Arbeitsgruppe an der Klinik von Norbert Roewer waren zunächst stutzig geworden angesichts der sehr großen Zahl von Publikationen, mit denen Fujii in verschiedenen Fachzeitschriften vertreten war: 168 Studien hatte Fujii zwischen 1991 und 2011 publiziert – im Durchschnitt acht pro Jahr. In Spitzenzeiten war der Japaner mit fast 30 Studien in den Journalen vertreten. Kranke hatte sich gefragt, wie das möglich sei, und deshalb Fujiis Arbeiten intensiver unter die Lupe genommen.

Bei näherer Betrachtung waren ihm Merkwürdigkeiten aufgefallen: Der Japaner hatte in seinen Studien häufig verschiedene Wirkstoffe miteinander verglichen, die verhindern sollen, dass Patienten nach einer Narkose unter Übelkeit und Erbrechen leiden. Fujii hatte dabei deutliche Vorteile eines bestimmten Wirkstoffes im Vergleich zu ähnlichen Substanzen nachgewiesen.

Beim Vergleich der Ergebnisse aus 47 von Fujiis Publikationen mit statistischen Metho­den stieß Kranke bereits vor mehr als zwölf Jahren auf irritierende Ähnlichkeiten: Zahlenwerte bestimmter Parameter und berichtete Ereignishäufigkeiten zu Neben­wirkungen waren in unterschiedlichen Tabellen häufig absolut identisch.

„Da war dann beispielsweise die Nebenwirkung ‚Kopfschmerz‘ über verschiedene Patientengruppen hinweg absolut gleich verteilt“, sagt Kranke. Eine solche Überein­stimmung sei normalerweise in patientenbezogenen Studien nicht zu finden. „Wenn dies in einer Vielzahl an Arbeiten berichtet wird, ist das Zustandekommen umso unwahr­scheinlicher“, so Kranke.

Von Betrug oder Fälschung wollten die Würzburger Forscher trotzdem nicht reden. Stattdessen publizierten sie ihre Ergebnisse unter anderem in der Fachzeitschrift Anesthesia & Analgesia unter der Überschrift „Reported Data on Granisetron and Postoperative Nausea and Vomiting by Fujii et al. are Incredibly nice!“ (2000; 90:1004-1007).

Fujii erklärte in seiner Antwort, dass er weiterhin zu seinen Daten stehe, und ging auf Details nicht ein. Auch die Fachwelt gab sich zunächst damit zufrieden.

Erst im März dieses Jahres kam der Skandal ins Rollen: Zu diesem Zeitpunkt veröffent­lichte der britische Anästhesist John Carlisle einen Artikel im Magazin Anaesthesia, in dem er nachwies, dass in 168 von Fujiis Arbeiten die Ergebnisse eine Wahrscheinlichkeit von nahezu Null besitzen.

193 Studien zurückgezogen
Einen Monat später reagierten die Herausgeber von 23 Fachzeitschriften aus dem Gebiet der Anästhesiologie: Sie informierten die Leiter von sechs Universitäten und medizinischen Einrichtungen, mit denen Fujii zusammenge­arbeitet hatte, darüber, dass 193 Studien zurückgezogen werden müssten – es sei denn, diese Institutionen könnten für die Richtigkeit der Daten garantieren. Fünf von ihnen konnten das nicht, einer sechsten gelang das nur in einem Bruchteil von Fällen.

Mehrere Gründe sind nach Peter Krankes Ansicht dafür verantwortlich, dass Fujii über viele Jahre hinweg offensichtlich frei erfundene Daten publizieren konnte: „Er hat immer wieder mit anderen Institutionen zusammengearbeitet, hat seine Mitautoren gewechselt und in unterschiedlichen Journalen veröffentlicht“, so Kranke. Darüber hinaus habe er mit seinen Ergebnissen nie in ganz offensichtlichem Gegensatz zu einer vorherrschen­den Meinung gestanden: „Die Substanz, die Fujii untersucht hat, ist gut. Nur eben nicht ganz so gut, wie er das dargestellt hat“, so der Anästhesist.  © hil/aerzteblatt.de

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