Politik

„Sie werden sterben“: Auftakt zur ARD-Themenwoche in Berlin

Freitag, 16. November 2012

Berlin – Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat die Hospizbewegung in Deutschland gewürdigt. Dadurch sei das Thema Sterben gesellschaftspolitisch aus der Tabuzone geholt worden, sagte er gestern in Berlin bei der Auftaktveranstaltung zur ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“. Unter der Überschrift „Sie werden sterben. Lassen Sie uns darüber reden“ diskutierten fünf Fachleute, darunter der Minister.

Bahr vertrat auch die Auffassung, dass ein Bundesgesundheitsminister sehr wohl für die Rahmenbedingungen verantwortlich sei, die für die Versorgung Sterbender geschaffen würden. Er verwies darauf, dass in den letzten Jahren im Zusammenspiel aller Parteien auch vieles bewegt worden sei. Gleichzeitig trat er dem Eindruck entgegen, viele Menschen wollten die Begleitung Schwerstkranker und Sterbender delegieren: „Es gibt ganz viele Familien, die sich in der Pflicht fühlen“, betonte Bahr. 

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Unter der Federführung des Rundfunks Berlin-Brandenburg und des Mitteldeutschen Rundfunks ist der Umgang mit Tod und Sterben vom 17. bis 23. November in zahlreichen Sendungen der ARD ein Thema. So werden die „Tatort“-Ermittler am 18. November mit einer krebskranken Kollegin von der Drogenfahndung konfrontiert. Der Film „Blau­beerblau“ erzählt am 22. November von einem Architekten, den die Arbeit in ein Hospiz führt, wo er auf einen sterbenden Schulkameraden trifft. Am 19. November thematisiert eine Dokumentation den ärztlich assistierten Suizid, der in Deutschland verboten ist.

Weitere Beiträge widmen sich Wegen aus der Trauer, Begräbnisritualen in anderen Kulturen, dem Schicksal krebskranker Kinder und ihrer Familien. Das gesamte Pro­gramm der Themenwoche und weiterführende Hinweise finden sich auf www.themenwoche.ARD.de.

Die Buchautorin Constanze Kleis kritisierte bei der Auftaktveranstaltung die Wirklichkeit der Versorgung Schwerstkranker und Sterbender in Deutschland. Kliniken suggerierten häufig einen Standard, den es im Ernstfall gar nicht gebe, so Kleis.

Palliative Versorgung: Tod und Sterben – kein Tabu mehr

Seit der Eröffnung der ersten Palliativstationen und Hospize hat sich viel getan. Doch immer noch werden viele schwerstkranke Menschen von den Angeboten nicht erreicht. Steter Tropfen höhlt den Stein, heißt es. Dies trifft auch auf die Palliativmedizin zu.

Die vielen negativen Erfahrungen bei der Begleitung ihrer Mutter, die an einem Hirntumor starb, hat sie in dem Buch „Sterben Sie bloß nicht im Sommer“ verarbeitet. Kleis pflegte sie mit ihrer Schwester zu Hause. Ein Einzelfall? „Ich höre das ganz oft“, widersprach Kleis. Pech? „Wissen Sie, man kann mit dem Wetter Pech haben, mit den Männern, aber man sollte nicht Pech mit der Sterbebegleitung haben“, befand  sie.  

Psychosozialer Bereich kommt zu kurz
Der Münchner Palliativmediziner Gian Domenico Borasio bestätigte, dass es noch Probleme gebe: „Wir machen am Lebensende vieles, was nichts bringt.“ Er kritisierte zudem, dass es bei einer guten Sterbebegleitung nicht nur auf medizinische und pflegerische Unterstützung ankomme, sondern auch Hilfe beispielsweise von Psychoonkologen, Seelsorgern und ehrenamtlichen Helfern gebraucht werde. Aber bei der Finanzierung der Palliativversorgung komme „der gesamte psychosoziale Bereich unter die Räder“. Gezahlt würde in erster Linie für medizinische und pflegerische Leistungen, diese hätten aber zuweilen gar keine Priorität für Sterbende.  

Die Berliner Palliativmedizinerin Petra Anwar, die in dem Film „Halt auf freier Strecke“ über einen sterbenden Familienvater mitgespielt hat, wies darauf hin, dass das palliativmedizinische Angebot in Städten wie Berlin gut sei. Es sei aber nicht überall leicht, eine gute Betreuung für sterbende Angehörige zu organisieren. Viele Menschen wüssten auch gar nicht, an wen sie sich überhaupt wenden sollten. Ob sie selbst Angst vor dem Sterben habe? Nein, sagte Anwar: „Ich hoffe auf einen guten Palliativmediziner.“ © Rie/kna/aerzteblatt.de

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