Ärzteschaft

Transplantations­medizin: Kontrollgremien erwarten keine neuen Skandale

Mittwoch, 21. November 2012

Berlin – Nach den im Sommer bekannt gewordenen Manipulationen in der Transplanta­tions­medizin wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um Aufsicht und Kontrolle über die Organtransplantationen  zu verbessern. Dazu zählen auch Inspektionen aller 47 Transplantationszentren in Deutschland durch die Prüfungs- und Überwachungs­kommissionen, die sich in gemeinsamer Trägerschaft von Bundesärztekammer Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband Bund befinden. Über seine Erfahrungen bei diesen Kontrollen berichtet Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer (BÄK).  

5 Fragen an Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der BÄK

DÄ: Herr Professor Lilie, nach Skandalen in der Transplantationsmedizin in Göttingen und Regensburg folgte ein weiterer in München. Nun haben flächendeckende Inspektionen aller 47 Transplantationszentren in Deutschland durch die Prüfungs- und Überwachungskommissionen begonnen, auch nur sehr kurzfristig angemeldet. Glauben Sie, dass Sie in der nächsten Zeit noch viele weitere Auffälligkeiten aufspüren werden?
Lilie: Nein, nach unseren bisherigen Erfahrungen sieht das nicht so aus. Die Richtlinien werden meist eingehalten.

DÄ: Dem Vernehmen nach verhalten sich die meisten Zentren kooperativ. Ist dies vielleicht nur so, weil die Akten inzwischen „perfektioniert und sauber“ sind?
Lilie: Vor Ort ist bei uns nicht der Eindruck entstanden, dass im Nachhinein manipuliert wurde. Zudem kündigen wir unser Kommen lediglich einen Tag vorher an. Auch das Prüfschema ist den Zentren nicht bekannt, damit sie sich nicht darauf vorbereiten können. Wir haben in den Kommissionen sehr erfahrene Prüfer, so dass wir glauben, Manipulationen sicher aufdecken zu können. Natürlich hat es in der Vergangenheit auch unklare Situationen gegeben, die aber immer aufklärbar waren. Wir verfassen nach jeder Inspektion eines Zentrums einen ausführlichen Bericht, für den uns die Klinik sämtliche Unterlagen vorlegen muss.

DÄ: Bei welcher Art von  Auffälligkeiten würden die Kommissionen die Staatsanwaltschaft informieren?
Lilie: Es gibt keine Schweregrade. Verstöße werden von uns immer sofort und unverzüglich an die Staatsanwaltschaft gemeldet ­ sofern ein Anfangsverdacht im gesetzlichen Rahmen besteht. Da haben wir keinen Handlungsspielraum. Auch im Göttinger Fall haben wir beispielsweise unseren Verdacht sofort der Staatsanwaltschaft gemeldet. Wie schnell diese dann reagiert, liegt in deren Ermessen.

DÄ: Bislang haben die Zentren selbst, die Deutsche Stiftung Organtransplantation  oder die Organvermittlungsstelle Eurotransplant den Kommissionen Auffälligkeiten gemeldet – zum Teil relativ spät, wie jüngst bekannt wurde. Kann die neu eingerichtete „Vertrauensstelle Transplantationsmedizin“ diese Vorgänge beschleunigen?
Lilie: An vielen Kliniken herrschen starke Hierarchien – diese Erfahrung haben wir auch in Göttingen gemacht. Das Personal schweigt dann aus Angst um den Arbeitsplatz trotz Regelverstößen. Besonders ist das der Fall, wenn die Staatsanwaltschaft bereits eingeschaltet ist und ein Tötungsdelikt im Raum steht. Wir hoffen deshalb, dass uns die anonyme Anlaufstelle neue Ansatzpunkte für Nachforschungen liefert.

DÄ: Die erweiterten Kompetenzen der Prüfungskommissionen sollen auch in der Öffentlichkeit das Vertrauen stärken, dass Richtlinienverstöße erkannt werden. Dieser Effekt könnte dadurch erhöht werden, dass man Ergebnisse der Kontrollen öffentlich macht. In welcher Form und wie detailliert soll dies künftig geschehen? 
Lilie: Wir werden regelmäßig einen Jahresbericht veröffentlichen, der die Transplantationsmedizin so transparent wie möglich darstellen soll. Wie detailliert wir Auffälligkeiten beschreiben werden, wird derzeit geprüft. © ER/aerzteblatt.de

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