Politik

Experten fordern neue Anreize zur Erforschung von Arzneimitteln

Freitag, 23. November 2012

Berlin – Damit Pharmafirmen Arzneimittel erforschen, die weltweit wirklich gebraucht werden, müssen andere Anreize gesetzt werden. Diese Ansicht vertraten Experten auf dem Forum „Menschenrecht auf Gesundheit und Patentschutz – ein Widerspruch?“ des Deutschen Ethikrates am Mittwoch in Berlin. „Seit vielen Jahren schon wissen wir, dass sich nur zehn Prozent der Forschung mit 90 Prozent der weltweiten Gesundheits­probleme befasst“, sagte Albrecht Jahn von der Universität Heidelberg.

Viele Krankheiten würden heute vernachlässigt, weil pharmazeutische Unternehmen zu den Krankheiten forschten, mit denen sie etwas verdienen könnten, befand auch Holger P. Hestermeyer vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Die Anreize, die es heute gebe, führten nicht dazu, dass für Krankheiten in Entwicklungsländern geforscht würde.

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„Zwischen 1975 und 2006 kamen etwa 1.600 neue Medikamente auf den Markt“, resümierte Christiane Fischer von der BUKO Pharma-Kampagne. Weniger als ein Prozent davon seien zur Behandlung von Tropenkrankheiten bestimmt gewesen. Bei circa 1.000 dieser Medikamente habe es sich hingegen um Pseudoinnovationen und Lifestyle-Produkte gehandelt. „Das Paradigma, dass Patente eine bedarfsorientierte Forschung anregen, ist endgültig vorbei“, so Fischer.

Anderer Ansicht war Cornelius Erbe vom Verband forschender Arzneimittelhersteller. „In der Liste der unentbehrlichen Medikamente der WHO sind nur zehn Prozent patentgeschützt. Das Problem ist also nicht der Patentschutz, sondern, dass ärmere Länder keinen Zugang zu den patentfreien Arzneimitteln haben“, so Erbe. Um dies zu ändern, müssten die Infrastruktur und auch die Sozialversicherungssysteme in diesen Ländern gestärkt werden. Ein Patentschutz für Arzneimittel sei hingegen wichtig, damit auch künftig Innovation überhaupt stattfinden könne.

„Warum sind denn so wenige Medikamente auf der Liste der WHO patentgeschützt?“, fragte Fischer. „Weil für die wichtigen Krankheiten gar nicht geforscht wird.“ Auch das Infrastruktur-Argument ließ sie nicht gelten. Denn diese zu stärken sei nicht Aufgabe der Pharmaindustrie. „Arzneimittelhersteller sollten das tun, wofür sie da sind, nämlich Arzneimittel herstellen“, sagte Fischer. Doch die Politik müsse den Firmen vorgeben, zu welchen Arzneimitteln sie forschen müssten.

Für Arzneimittelhersteller gebe es keinen Anreiz, etwas zu entwickeln, für das es keinen Return gebe, erklärte Erbe. Wenn man das ändern wolle, müsse man das System ändern.

„Wenn es eine Alternative zur heutigen Finanzierung des Systems gibt, haben wir eine starke moralische, rechtliche und politische Pflicht, diese umzusetzen“, befand die Philosophin Corinna Mieth von der Ruhr-Universität Bochum. Da könne es nicht bei einer Freiwilligkeit bleiben, sondern dies müsse durch rechtliche Vorgaben geschehen. „Wenn der eine etwas im Überfluss hat, was der andere zum Überleben braucht“, so Mieth, „muss es einen Gütertransfer geben.“ © fos/aerzteblatt.de

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