Ärzteschaft

„Wenn es so weitergeht, wird unser System gegen die Wand fahren“

Montag, 26. November 2012

Berlin – Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) versteht sich als Alternative zu den klassischen Berufsverbänden. Am vergangenen Samstag trafen sich seine Mitglieder in Berlin zu ihrer Jahreshauptversammlung. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der 1. Vorsitzende, Wulf Dietrich, was den vdää von anderen Verbänden unterscheidet und was er in den kommenden Jahren erreichen will.  

Fünf Fragen an… Wulf Dietrich, 1. Vorsitzender des Vereins demo­kratischer Ärztinnen und Ärzte

DÄ: Herr Dietrich, was unterscheidet den vdää von anderen ärztlichen Berufs­verbänden?

Dietrich: Für uns geht es nicht in erster Linie um das materielle Wohl der Ärzte, sondern um eine Verbesserung des gesamten Systems. Wir haben uns deshalb auch gegen Ärztestreiks während der Honorarverhandlungen im vergangenen Monat ausge­sprochen, weil wir glauben, dass genug Geld im System ist, es allerdings anders verteilt werden müsste. Wenn 20 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft an der Armuts­grenze leben, halten wir es für unmoralisch, wenn Ärzte stets mehr Geld für sich fordern.

Wir sind aber selbstverständlich für ein ausreichendes ärztliches Einkommen. Dies sollte jedoch nicht auf Kosten anderer erlangt werden. Deshalb sollten aus unserer Sicht Tarife für Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus gemeinsam verhandelt werden, damit Tarifsteigerungen bei den Ärzten nicht zu Lasten der Pflegekräfte gehen.

DÄ: Welches politische Gewicht hat der vdää?
Dietrich: Wir haben manchmal radikalere Vorstellungen als andere. Wir glauben aber, dass es solche Positionen braucht, um Veränderungen anzustoßen. Ich denke, der Einfluss des vdää ist in jedem Fall größer als die Zahl seiner Mitglieder. Auf den Deutschen Ärztetagen haben unsere Anträge in den vergangenen Jahren zunehmend Gehör gefunden. In jüngster Zeit sind auch einige junge Ärzte zu uns gekommen, die viele gute Ideen mitbringen. Unsere Mitgliederzahl steigt also kontinuierlich an, wenn auch auf einem niedrigen Niveau.

DÄ: Welches sind im deutschen Gesundheitssystems die Probleme, die Ihrer Ansicht nach am dringendsten gelöst werden müssen?
Dietrich: Im deutschen Gesundheitssystem wird die Krankheit honoriert und nicht die Vermeidung einer Krankheit. Das ist ein fundamental falscher Ansatz. Im Krankenhaus erhält man zum Beispiel mehr Geld, wenn man einen Patienten operiert, als wenn man ihn nicht operiert. Wir müssen deshalb die Leistung von der Vergütung entkoppeln. Und das geht nur mit kostendeckenden Pauschalen, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich – Pauschalen für die medizinische Versorgung und nicht für die Krankheit von Patienten. Das DRG-System, zumindest so, wie es in Deutschland praktiziert wird, bringt die Kliniken der Regelversorgung in große finanzielle Schwierig­keiten und führt durch die notwendigen Fallzahlmehrungen zu einer Fehlversorgung der Patienten.

DÄ: Was hat der vdää in den letzten Jahren erreicht?
Dietrich: Die Kommerzialisierung der Medizin haben wir schon früh, zum Beispiel auf Deutschen Ärztetagen, kritisiert. Uns liegt auch schon lange die Auseinandersetzung der Ärzteschaft mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit am Herzen. Die auf dem diesjährigen Ärztetag beschlossene Nürnberger Erklärung, in der die Ärzteschaft die Opfer des Nationalsozialismus um Verzeihung bittet, ging zum Beispiel auf unsere Initiative zurück.

DÄ: Und was wollen Sie künftig erreichen?
Dietrich: Für die Zukunft liegt mir sehr am Herzen, gerade die jungen Kollegen für ethische Grundlagen zu sensibilisieren. Ich würde mich freuen, wenn sich künftig noch mehr Ärzte der Praxis von Individuellen Gesundheitsleistungen oder Zielvereinbarungen in Verträgen an den Krankenhäusern entgegenstellten. Viele Kollegen sehen so etwas schon heute sehr kritisch. Aber leider gibt es auch gleichzeitig viele, die bereit sind, ihr ärztliches Tun auf das Geld, das sie verdienen, auszurichten. Wenn es so weitergeht, wird unser System irgendwann gegen die Wand fahren. © fos/aerzteblatt.de

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Senbuddy
am Freitag, 30. November 2012, 11:38

Wenn Herr Dietrich gerade die jungen Kollegen...

...gewinnen möchte, sollte das Auftreten des vdää und seiner "Durchhalteblätter" nicht so sehr "nach Klassenkampf riechen".

Das würde die Glaubwürdigkeit dieser Organisation verbessern.
Viele Grüße
S.
Andreas Skrziepietz
am Dienstag, 27. November 2012, 15:00

halten wir es für unmoralisch, wenn Ärzte stets mehr Geld für sich fordern.

Wenn sein zwillingsbruder Felix Magath das liest, lacht er sich tot.
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