Medizin

Wie Misshandlungen von Kindern auf das Erbgut einwirken

Montag, 3. Dezember 2012

München – Epigenetische Veränderungen im Erbgut sind dafür verantwortlich, dass traumatische Erlebnisse von Kindern die Regulation der Stresshormone lebenslang verändern und das Risiko von psychiatrischen Erkrankungen erhöhen. Dies fanden Forscher der Max-Planck-Gesellschaft in Nature Neuroscience (2012; doi: 10.1038/nn.3275) heraus.

Psychiater wissen seit langem, dass einer Depression oder anderen psychiatrischen Erkrankungen häufig traumatische Kindheitserlebnisse zugrunde liegen. Bei diesen Patienten ist dann oft eine Hyperreaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Neben­nieren-Achse nachweisbar: Geringe Reize veranlassen eine überbordende Aus­schüttung von Stresshormonen, was auf Dauer zu Depressionen und anderen Erkran­kungen führen kann. Elisabeth Binder von Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München vermutet, dass das FKBP5-Gen hier eine Rolle spielt. Das dort kodierte Protein sei ein wichtiger Regulator des Glukokortikoid-Rezeptors im Zellkern. Es bestimme, wie wirkungsvoll der Organismus auf Stresshormone reagiere.

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Vor einigen Jahren konnte die Münchner Arbeitsgruppe zeigen, dass genetische Varianten des FKBP5-Gens die Entwicklung einer Depression (und auch die Wirksamkeit von Antidepressiva) beeinflussen (Nature Genetics 2004; 36: 1319-25). Ihre jetzige Studie zeigt, dass (vermutlich) dieselben Varianten darüber mitentscheiden, ob ein Kind nach körperlicher oder sexueller Traumatisierung im Erwachsenenalter eine posttrauma­tische Belastungsstörung entwickelt.

Die Forscherin kann dies anhand der FKBP5-Genanalyse von fast 2.000 Teilnehmern des Grady Trauma-Projects nachweisen. Es handelt sich um eine Gruppe von fast 2.000 Afro-Amerikanern, die als Erwachsene oder auch bereits als Kinder mehrfach körperlich und/oder sexuell misshandelt wurden. Ein Drittel der Traumaopfer leidet heute an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei bestimmten Varianten im FKBP5-Gen waren es fast 80 Prozent, bei anderen deutlich weniger.

Stresshormone führen zu epigenetische Veränderungen
In Experimenten an Nervenzellen konnten die Forscher nachweisen, wie es zu der langfristigen Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse kommt. Extremer Stress und damit hohe Konzentrationen an Stresshormon bewirkten eine sogenannte epigenetische Veränderung: Von der DNA wird laut Binder an einer bestimmten Stelle eine Methylgruppe abgespalten, was die Aktivität von FKBP5 deutlich erhöhe. Interessanterweise wurde diese dauerhafte Veränderung der DNA vor allem durch Traumata im Kindesalter erzeugt. Bei Studienteilnehmern, die ausschließlich im Erwachsenenalter traumatisiert wurden, war laut der Forscherin keine Demethylierung im FKBP5-Gen nachweisbar.

Die Studie zeigt, wie Umwelt und Gene in der Pathogenese der posttraumatischen Belastungsstörung zusammenwirken. Das FKBP5-Gen könnte ein neuer Ansatz für Therapien sein. Andere Forschergruppen konnten bereits zeigen, dass die Ausschaltung das Gens bei Tieren eine gezielte antidepressive Wirkung hat (PLoS ONE 2011; 6: e24840). Beim Menschen müssten diese Aufgabe wohl Medikamente übernehmen. © rme/aerzteblatt.de

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Novalee
am Dienstag, 4. Dezember 2012, 22:32

Misshandlungen

Warum arbeitet man nicht eher daran, die Ursachen für solche Störungen auszuschalten statt wie immer an Symptomen rumzudoktorn oder jetzt auch noch gezielt Gene an- und auszuschalten, ohne alle Konsequenzen zu kennen?
chinamed
am Dienstag, 4. Dezember 2012, 17:13

Folgen schlimmer als vermutet

Ich bin zwar kein Psychotherapeut, kann jedoch aus Erfahrung sagen, dass die Folgen schlimmer sind, als hier beschrieben. Die Traumatisierungen der Kindheit schaffen sich förmlich im Laufe des Lebens Luft, sie treten in Form von Aggressionen gegen Unbekannt und sich selbst auf oder in Form der angeblich endogenen Depression. Die Ursache wird oft weder von den Betroffenen, noch von den nicht Psychotherapeuten realisiert. Statt dessen kommen merkwürdige Verhaltensweisen zum Vorschwein, wie Workoholismus, Alkoholismus, Medikamentenmissbrauch, Leistungssport bei 80 jährigen und was noch so an Gesundheitsstörungen zu beobachten ist. Und mit Psychotherapie lassen sich die Probleme oft nur sehr oberflächlich lösen, falls überhaupt. Verändern wollen sich diese Opfer meist gerne, können es aber nur selten. Die Psyche ist offenbar gefangen im verstümmelten Körper, die Peiniger sind schon lange tot. Es darf sich jeder bedanken, der keine solchen Erfahrungen machen musste. In der Nachkriegsgeneration waren traumatische Erlebnisse in der Kindheit nicht ungewöhnlich.
Dr. Schröter
am Dienstag, 4. Dezember 2012, 10:03

Das

Ganze halte ich für sehr weit hergeholt, und entspricht der rein materialistischen Medizin, die nicht nur falsch (der Mensch hat eine Seele, immateriell !), sondern auch tot und oft sinnlos ist !
Das Gegenteil ist wahr: Die Psyche vermag alles, und ist so "plastisch", dass wenn ein Mensch will, er sich total verändern kann, alles !

Und das ist real und auch Hoffnung.
Ei Chirurg, die nicht materiegläubig ist
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