Politik

Gesundheitssystem nicht auf demografischen Wandel vorbereitet

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Berlin – Das deutsche Gesundheitssystem ist nach Ansicht des Gesundheitsökonomen Fritz Beske nicht auf den demografischen Wandel und eine älter werdende Bevölkerung vorbereitet. Bereits ab 2020 würden die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung steigen, bevor sie 2040 ihren Höhepunkt erreichten, erklärte Beske am Donnerstag bei der Vorstellung einer neuen Studie des nach ihm benannten Instituts für Gesundheits-System-Forschung in Berlin. 

Für die „Versorgungsprognose 2060“ hat das Institut auf Basis von Bevölkerungshoch­rechnungen und aktueller Daten der Gesundheitsversorgung eine Vorhersage erstellt, die laut Beske „alarmiert“.    Trotz einer bis 2060 um 17 Millionen auf 65 Millionen sinkenden Bevölkerungszahl werden demnach die Leistungsanforderungen in der Krankenhausversorgung, ambulanten Versorgung und Arzneimittelversorgung zunehmen.

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Es seien „immer mehr komplexe, anspruchsvolle, personalintensive und daher teure Leistungen erforderlich", wie zum Beispiel in der Intensivmedizin oder in der Schlaganfallbehandlung. Einzig die Leistungen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene werden laut der Studie in den kommenden Jahrzehnten wegen des Bevölkerungsschwundes sinken.

Den größten Handlungsbedarf sieht die Studie in der Versorgung Pflegebedürftiger. Schon heute fehlen Pflegekräfte. Bis 2060 sind laut der Prognose 783.000 zusätzliche Pflegekräfte erforderlich. Weil besonders die Schwer- und Schwerstpflegebedürftigkeit zunehme, würden vor allem höher qualifizierte Pflegekräfte benötigt. Weiterhin werde sich der Bedarf an Pflegeheimplätzen bis 2060 von derzeit 845.000 Plätze auf rund 1,95 Millionen mehr als verdoppeln. Die Ausgaben der Pflegeversicherung werden demnach zwischen 2009 und 2060 allein aufgrund der Bevölkerungsentwicklung von 19,7 auf 41,6 Milliarden Euro steigen.

„Unser Gesundheits- und Sozialwesen ist auf den Sturm des demografischen Wandels noch nicht vorbereitet, und die Zeit drängt“, mahnte Beske. Bereits seit 20 Jahren sagten Bevölkerungswissenschaftler den demografischen Wandel voraus. Bislang sei aber keine wirkliche Vorsorge in Gesundheit und Pflege getroffen worden. Die Baby-Boomer-Jahrgänge von 1955 bis 1967 gingen statistisch gesehen ab 2015 in den Ruhestand, tatsächlich jedoch aber früher und „bereits dann werden die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung auftreten“, warnte der Gesundheitsökonom. © afp/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 12. Dezember 2012, 14:29

"Only bad news are good news!"

ist anscheinend nicht nur journalistische Devise. Beim Kieler Fritz-Beske-Institut IGSF möchte man zusätzlich Auffallen um jeden Preis: "Hund beißt Mann" ist uninteressant; "Mann beißt Hund" erregt Aufmerksamkeit. Publikationen von Notstandsvoraussagen wie "Versorgungsprognose 2060" sind ebenso spektakulär wie spekulativ.

Selbstverständlich werden unter Berücksichtigung demografischer Faktoren für die Pflegeversicherung immer weniger Schultern immer mehr Kosten tragen müssen. Aber dann braucht es nur eine solide 5-Jahres-Prognose, um den Bahr'schen 5-Euro Zuschuss/Monat für die private Pflegezusatzversicherung ad absurdum zu führen. Denn so lange nur kleine und mittlere Einkommen die gesetzliche Pflegeversicherung voll finanzieren, bleiben (sonstige) Einkünfte ab der Beitragsbemessungsgrenze völlig beitragsfrei. Eine soziale Pflege-Hängematte für Gutverdiener, denn die zahlen ihre private Zusatzvorsorge aus der Portokasse.

Im Gesundheitswesen mit GKV und PKV vermisse ich beim ISGF ebenfalls nachvollziehbare Ist-Soll- und Gegenwart-Zukunft-Vergleiche. Seriöse 5- bis 10-Jahres-Prognosen erwarte ich da gar nicht mehr. Nur ein Beispiel für das Kaffeesatzlesen im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung, von der ich durchaus etwas verstehe: „Die auf 100.000 Einwohner bezogene Leistungsrate steigt jedoch bis 2050 um 10 Prozent gegenüber 2010“ heißt es unter
http://www.igsf.de/PM-lang-123.pdf
Das bedeutet in statistischem Klartext, dass innerhalb von v i e r z i g Jahren mit einem Bedarfsanstieg von p l u s 0,25 % p r o J a h r zu rechnen sei. Die IGSF-Autoren konfabulieren weiter „um dann auf diesem Niveau zu stagnieren“. Was dies bedeuten könnte, mag sich jeder selbst ausmalen?

Von Analysen des derzeitigen 24 Milliarden € schweren Überschusses bei GKV- Kassen und Gesundheitsfonds - keine Spur. Selbstkritische Reflexion früherer IGSF-Publikationen - Fehlanzeige. Und die waren mehr als einmal fragwürdig:
"Beske: Praxisgebühr erst ab dem vierten Arztbesuch" [23.04.2009].
"Gesundheitsexperte Beske warnt vor dramatischem GKV-Kostenanstieg" [25.08.2009]. Der GKV-Ausgabenanteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit Jahrzehnten prozentual stabil.
"Was unverzichtbar in der GKV ist, soll Vorrang haben" [25.03.2010]. Eine elegante Umschreibung der unseligen und unnötigen Priorisierungsdebatte.
"Professor Fritz Beske fordert Debatte über den Leistungskatalog der GKV" [19.06.2010].
"Beske stellt Rechtsanspruch auf SAPV [Spezialisierte ambulante Palliativversorgung] in Frage" [12.07.2010].
Prof. Dr. Beske: „Solidarität erfordert Realismus“ [28.07.2011].

Doch gerade die Realitätsnähe fehlt ganz besonders bei der jüngsten IGSF-Veröffentlichung: Versorgung im Jahr 2060 - "Was auf uns zukommt, ist nicht finanzierbar". Es sind nur die schlechten Nachrichten, die sich in der Öffentlichkeit besser verkaufen lassen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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