Medizin

Weltgesundheits­bericht: Menschen leben länger, aber kränker

Freitag, 14. Dezember 2012

Seattle – Die Lebenserwartung der Menschen ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Mit zunehmendem Lebensstandard nahm aber auch die Zahl der chronischen Erkrankungen zu. Dies geht aus einem Weltgesundheitsbericht („Global Burden of Disease Report“) hervor, den das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt hat und der jetzt im Lancet veröffentlicht wurde.

Die IHME hat ihren Sitz in Seattle. Sie wird von der Bill and Melinda Gates Foundation gefördert. Der Bericht hat sich nicht weniger vorgenommen, als den Gesundheitszustand der Menschheit im Jahr 2010 zu beschreiben. Dafür haben 486 Autoren aus 50 Ländern über 5 Jahre recherchiert. Sie zeichnen ein Bild, das noch immer von enormen Unter­schieden in der Lebenserwartung gekennzeichnet ist. Der Einfluss der klassischen Unter­wicklung (Kindersterblichkeit, Infektionen, Unterernährung) geht allerdings zurück. Auch in den ärmeren Ländern sind Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmend von Bedeutung.

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Insgesamt ist die Lebenserwartung seit 1970 bei Männern um 11,1 Jahre auf 67,5 Jahre und der Frauen um 12 Jahre auf 73,3 gestiegen. Es gibt jedoch weiterhin krasse Unterschiede zwischen den reichen und armen Ländern: Frauen leben am längsten in Japan (85,9 Jahre). Bei den Männern liegt Island mit 80,0 Jahre vorn. Die Lebens­erwartung ist hier doppelt so hoch wie in Haiti, wo Männer im Durchschnitt mit 32,5 Jahren und Frauen mit 43,6 Jahren sterben. Dass hier Haiti, das traditionelle Armenhaus Mittelamerikas den letzten Platz einnimmt, hängt auch mit den Folgen des Erdbebens im Januar 2010 zusammen.

Lebenserwartung: Malediven größter Gewinner
Den größten Sprung nach vorne machten die Malediven, wo die Lebenserwartung bei Männern seit 1970 von 50,2 auf 77,5 Jahre und bei Frauen von 51,0 auf 80,4 Jahre gestiegen ist. Die Öffnung des Landes für den Tourismus und der damit verbundene Wohlstand dürften sich hier positiv ausgewirkt haben. Einen Anstieg um mehr als 20 Jahre gab es auch in Bangladesh, Bhutan, dem Iran und Peru.

Auf der anderen Seite erlebten einige Länder im südlichen Afrika einen Rückgang der Lebenserwartung. In Lesotho verloren Männer 4,6 Jahre und Frauen 6,4 Jahre. In Osteuropa ist es nach dem Untergang der Sowjetunion ebenfalls zu einem Rückgang der Lebenserwartung gekommen. Betroffen sind vor allem Weißrussland und die Ukraine. Als Auslöser wird der Alkoholismus genannt.

In den Gewinner-Ländern ist die Zunahme der Lebenserwartung vor allem auf den Rückgang der Infektionskrankheiten, der Kindersterblichkeit und der Unterernährung zurückzuführen, an denen zusammengenommen in 2010 etwa 17 Prozent weniger Menschen starben (13,2 statt 15,9 Millionen). Die größten Fortschritte gab es bei den Durchfallerkrankungen (von 2,5 auf 1,4 Millionen) und bei den unteren Atemwegs­erkrankungen (von 3,4 auf 2,8 Millionen). Es starben aber auch weniger Kinder an Geburtskomplikationen (von 3,1 auf 2,2 Millionen) oder an Masern und Tetanus. Trotz aller Fortschritte sind die genannten vermeidbaren Erkrankungen in Schwarzafrika weiterhin für die Hälfte aller vorzeitigen Todesfälle verantwortlich. Die Zahl der Aids-Todesfälle stieg seit 1990 von 0,3 auf 1,7 Millionen in 2006 und ist seither leicht rückläufig. Aber auch an Malaria sterben heute mehr Menschen als 1990: plus 19,9 Prozent auf 1,17 Millionen in 2010.

Mit der zunehmenden Lebenserwartung treten nicht-übertragbare Erkrankungen in den Vordergrund: Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen waren 2010 die Ursache für zwei von drei Todesfällen, ein Anstieg um 38 Prozent seit 1990 (von 5,8 auf 8,0 Millionen). Aber auch ischämische Herzkrankheiten und Schlaganfälle haben zugenommen (von 9,9 auf 12,9 Millionen Todesfälle).

Krankheitsjahre und gesunde Jahre seit 1990 gestiegen
Viele nicht-übertragbare Erkrankungen sind chronischer Natur. Damit steigt die Zahl der Jahre, in denen Behinderungen die Lebensqualität einschränken. Im extremen Fall, etwa der Schizophrenie oder der multiplen Sklerose umfassen diese „years lived with disability (YLD)“ einen Großteil der Lebensphase. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind jedoch aufgrund ihrer Häufigkeit untere Rückenschmerzen, Depressionen, Eisenmangelanämie und Nackenschmerzen die bedeutendsten Ursachen für chronische Erkrankungen. Sie sind nach den Berechnungen der Weltgesundheitsberichts dafür verantwortlich, dass die Gesamtzahl der YLD seit 1990 von 583 auf 777 Millionen in 2010 gestiegen ist.

Dies bedeutet aber nicht, dass der gesamte Gewinn an Lebenserwartung auf chronische Erkrankungen entfällt. Die Lebensphase in voller Gesundheit („health-adjusted life expectancy“, HALE) ist gestiegen. Um diesen Parameter zu erheben, wurden in verschiedenen Ländern 13.902 Haushalte befragt. Weitere 16.328 Teilnehmer machten in Online-Umfragen Angaben zu ihrem Gesundheitszustand. Laut dem Ergebnis leben 2010 Männer 58,3 Jahre und Frauen 61,8 Jahre in voller Gesundheit, in 1990 waren es erst 54,4 und 57,8 Jahre gewesen. Die Differenz zwischen der Lebenserwartung und den HALE beschreibt die Dauer chronischer Erkrankungen, sie betrug 2010 im Durchschnitt 9,2 Jahre für Männer und 11,5 Jahre für Frauen.

Die längste HALE können beide Geschlechter in Japan genießen. Dort haben Männer eine HALE von 68,8 Jahren. Bei Frauen sind es sogar 71,7 Jahre. Am geringsten ist die HALE in Haiti: Frauen leben dort nur 37,1 Jahre in Gesundheit, bei den Männern sind es sogar nur 27,9 Jahre.

Auch chronische Erkrankungen können zu einem frühzeitigen Tod führen. Der Anteil der durch Krankheit verlorenen Lebensjahre (years of life lost, YLL) an der gesamten Krankheitslast insgesamt beträgt auch in den reicheren Ländern noch etwa die Hälfte, in den ärmeren Ländern sind es mehr und im südlichen Afrika sogar 80 Prozent. Addiert man zu den YLL noch die YLD, erhält man die behinderungsbereinigt verlorenen Lebensjahre (Disability-Adjusted Life Year, DALY).

Sie sind in einer weiteren Analyse die Grundlage für die Zuordnung der einzelnen Erkrankungen an der Krankheitslast. Noch 1970 entfielen 47 Prozent der DALY auf übertragbare Erkrankungen, Mütter- und Kindersterblichkeit und Folgen der Fehlernährung. Weitere 43 Prozent entfielen damals auf nicht-übertragbare Erkrankungen, und 10 Prozent der DALY gingen durch Verletzungen verloren. Im Jahr 2010 hat sich der Schwerpunkt verschoben: Nicht-übertragbare Erkrankungen sind jetzt für 54 Prozent der DALY verantwortlich, der Anteil der typischen Folgen einer Unterwicklung fiel auf 35 Prozent. Verletzungen erklären 11 Prozent.

Ischämische Herzerkrankungen häufigster Grund für verlorene Lebensjahre
Die führende Einzelursache in der DALY-Hitliste ist 2010 die ischämische Herzerkrankung mit einem Anstieg um 29 Prozent seit 1990. Auf Platz 2 folgen untere Atemwegserkrankungen (minus 44 Prozent), gefolgt von Schlaganfall (plus 19 Prozent, Durchfallerkrankungen (minus 51 Prozent) und HIV/AIDS (plus 351 Prozent. Häufiger geworden sind Depressionen (Platz 11, plus 37 Prozent) und Verletzungen durch Verkehrsunfälle (Platz 10, plus 34 Prozent).

Zum Schluss versucht der Weltgesundheitsbericht noch eine Zuordnung zu den einzelnen Risikofaktoren. An Nummer 1 steht hier 2010 die arterielle Hypertonie, die für 7,0 Prozent aller DALY (9,4 Millionen Todesfälle) verantwortlich ist, gefolgt von Rauchen (einschließlich Passivrauchen), auf die 6,3 Prozent (6,3 Millionen Todesfälle) entfallen. Alkohol ist der drittwichtigste Risikofaktor mit einem Anteil von 5,5 Prozent der globalen DALYs (5,0 Millionen Todesfälle). In Osteuropa ist Alkohol der führende Risikofaktor, in Lateinamerika ist er ebenfalls von größerer Bedeutung. Fehlernährung und Bewegungsarmut sind für 10,0 Prozent der globalen DALY verantwortlich (12,5 Millionen Todesfälle), wobei hier vor allem der Mangel an Ost und Gemüse die Krankheitslast steigert.

Die Unterernährung von Kindern, die 1990 noch der wichtigste globale Risikofaktor war, ist auf Platz 8 zurückgefallen mit „nur“ noch 860.000 Todesfällen. Die zweitwichtigste Ursache in 1990 war die Luftverschmutzung im Haushalt. Sie ist jetzt auf Platz 4 gefallen mit 3,5 Millionen Todesfällen.

Wie immer bei globalen Untersuchungen kann an der Validität der Daten gezweifelt werden. Aus vielen Ländern gibt es keine genauen Angaben zu den Todesursachen, und die Berechnung der Risikofaktoren ist von vielen Variablen abhängig, die letztlich nur geschätzt werden können. Dennoch dürfte der Weltgesundheitsbericht hier Standards setzen mit Zahlen, die in den nächsten Jahren öfter genannt werden und vielleicht auch die Grundlage für politische Weichenstellungen bilden werden. © rme/aerzteblatt.de

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