Ausland

EU-Kommission stellt Pläne für verschärftes Tabakgesetz vor

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Brüssel – Erschreckende Bilder von Gesundheitsschäden auf den Zigarettenpackungen sollen künftig EU-weit vom Rauchen abhalten. Zudem will die EU-Kommission Slim-Ziga­retten und Menthol-Zigaretten verbieten und eine ganze Reihe weiterer Regeln für Tabakprodukte verschärfen, wie sie am Mittwoch in Brüssel mitteilte. Geringe Zusätze von Aromen wie Menthol blieben demnach zwar erlaubt, aber nur solange sie nicht „ein anderes als ein Tabakaroma verleihen“. 

Die Warnungen auf Vorder- und Rückseite müssten nach den Plänen der EU-Kommission je Dreiviertel der Packungen einnehmen. Bilder zum Beispiel von Raucherbeinen oder durch Rauchen verdorbenen Zähnen sind schon heute in mehreren EU-Ländern Pflicht, aber nicht EU-weit und nicht in Deutschland. Dazu will Brüssel die bekannten Warntexte wie „Rauchen ist tödlich“ beibehalten. „Bei normalen Zigaretten­schachteln werden somit 30 Prozent der Oberfläche für die Markenbezeichnung übrig bleiben“, erläuterte die Kommission.

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Keine Einheitsverpackungen
Schon bisher sind Angaben wie „leicht“ und „mild“ verboten. In Zukunft gelten als irreführend auch sogenannte Slim-Zigaretten selbst, wenn sie weniger als 7,5 Millimeter Durchmesser haben; offenbar weil die dünnen Zigaretten den Eindruck vermitteln könnten, weniger schädlich zu sein. Die derzeitigen Angaben zu Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid würden durch eine Informationsbotschaft ersetzt – auch hier peilt die Kommission mehr Klarheit über Gefahren an.  

Die meisten neuen Regeln sollen für Tabak zum Selberdrehen genauso gelten wie für Zigaretten. Weniger streng geht die Kommission bei Pfeifentabak, Zigarren und Zigarillos zu Werke. Der Einstieg in den Tabakkonsum erfolge nur selten über diese Produkte, heißt es zur Begründung.    

Jedes Jahr töte das Rauchen fast 700.000 Menschen in Europa etwa soviele, wie in Frankfurt am Main leben, begründete Gesundheitskommissar Tonio Borg die Pläne. Tabakkonsum sei „das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko“. Die derzeitigen Regeln aus dem Jahr 2001 seien dem nicht mehr gewachsen, heißt es bei der Kommission. Denn gegenüber damals sei zum Beispiel heute viel besser erforscht, welchen Schaden Aromen in Tabak anrichten und wie Warnungen auf die Raucher wirken.  

Die Vorschläge gehen nun an den Ministerrat und das Europaparlament. Borg erwartet, dass sie 2014 angenommen werden. Dann könnten sie 2015 oder 2016 in Kraft treten. Entwürfe der Kommissionspläne waren schon vorab bekannt geworden.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Peter Liese nannte die Vorschläge „ausgewogen”. Grünen-Frak­tionschefin Rebecca Harms nannte sie einen „wichtigen ersten Schritt", forderte aber schärfere Regeln.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, hält die Gesetzespläne für eine gute Basis für "mehr Aufklärung über die Gefahren des Rauchens sowie zur Verhinderung des frühen Einstiegs in das Rauchen", wie sie Berlin mitteilte.

Gewerkschaft kritisiert "Bevormundung"
Scharfe Kritik übte dagegen die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten: 4Ich bin entsetzt, wie weit die Bevormundung gehen soll", erklärte der Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg. Zu befürchten sei, dass die Vorgehensweise auf andere Produkte wie Bier oder Schokolade ausgeweitet werde. Möllenberg machte zudem auf negative Folgen für Jobs zum Beispiel in der Tabakindustrie, im Anbau und in der Werbung aufmerksam. Wenn die Pläne angenommen werden, könnten sie laut Kommission 2015 oder 2016 in Kraft treten. © afp/aerzteblatt.de

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rol1
am Donnerstag, 20. Dezember 2012, 09:08

@dr.med.thomas.g.schaetzler

Ach, Herr Kollege mit dem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis, egal ob in Dortmund, Kaprun oder sonstwo: Ihre Reflexionen zur Sucht in allen Ehren, aber Sie sollten Ihre Patienten motivieren, an einer inzwischen gut validierten Raucherentwöhnung teilzunehmen. Da kommt mehr dabei heraus als beim "Philosophieren" :-)
j.g.
am Donnerstag, 20. Dezember 2012, 00:16

Warum nur Nikotin?

Daß Nikotingebrauch die Gesundheit gefährdert, ist Allgemeinwissen, die nun geplanten Warndekorationen werden zur Volksbelustigung beitragen, nicht aber die Akzeptanz vermindern. Nikotin schädigt vorwiegend die eigene Gesundheit - Privatsache.
Alkohol hingegen verursacht nicht nur Schäden an der eigenen Gesundheit, sondern bringt auch andere Menschen in Gefahr: Fetoxizität, wirtschaftlicher Ruin der gesamten Familie, aber auch Scheitern von Ehen und Firmen, die Förderung von Gewaltttigkeit und ganz besonders die Gefährdung Unbeteiligter im Straßenverkehr. Mit der Abbildung einer cirrhotischen Leber auf dem Etikett einer Weinflasche oder die Darstellung eines atrophierten Gehirns auf dem Aufkleber eines Weinbrands könnte allenfalls eine Sammelleidenschaft à la Bierdeckel entfacht werden, die Warnabsicht würde verpuffen.
Eine effektvolle Steuerung dieser Mißbräuche läßt sich nur über die Steuer (sic) erreichen.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 19. Dezember 2012, 14:00

Staatsraison vs. Anti-Raucher-Kampagnen?

Auch die EU-Kommission reflektiert mit ihrem geplanten verschärften Tabakgesetz das Phänomen Rauchen lediglich als Verlust von bio-psycho-sozialer Beherrschtheit und Kontrolle. Und wer sich mit den "positiven" Seiten des Rauchens wissenschaftlich beschäftigen will, gerät in den Ruf, Freund der Tabakindustrie, der Finanz- und Wirtschaftsminister oder gar eigennützig zu sein.

Dabei wäre angesichts der Einnahmen von allein 13,5 Milliarden € anno 2010 in Deutschland durch die Tabaksteuer ein "Brainstorming" über Staatsraison, Haushaltsinteressen des Staates, Motivation, Effekt, Chancen, Folgen und Risiken des Rauchens angezeigt. Tabaksteuern u n d Mehrwertsteuern sprudeln in allen nationalen EU-Staatshaushalten umso mehr, je ungebremster Tabak verkauft wird. Krankheits- bzw. Invaliditätsrisiken für die Sozial- und Krankenkassen werden dadurch in keinem einzigen Fall refinanziert.

'Rauchen' kann aber auch das krasse Gegenteil von Kontrollverlust und Schwäche sei. Es symbolisiert eher K o n t r o l l e und intensivierte gesellschaftliche Teilhabe, als den Nichtrauchern lieb ist: In der Jugend gehört der adoleszente Raucher schon eher zu den Erwachsenen, wurde in seiner "Peer-Group" als reifer, alltagskompetenter und "cooler" anerkannt. In Ausbildungs- und Berufsjahren gestattet das Rauchen häufiger Pausen und Schreibtischflucht. Rauchen symbolisiert: "Sprich-mich nicht-an-Ich-bin-beschäftigt", "Ich-beherrsche-das Feuer-wie meine Steinzeit-Vorfahren", "Da-siehst-Du-mal-wie heiß-ich-bin", "Ich-brenne-kontrolliert-ab", "Ich-bin-so-stark-dass-mir-Zigaretten-nichts-anhaben-können", "Ich-kann-Raucherhusten-mit-Zigaretten-therapieren", "Ich-könnte-jederzeit-damit-aufhören-aber-nicht-jetzt" usw. usf.

Im Alter entwickeln manche Raucher Persönlichkeitsstrukturen, die mit dem Rauchen wohl die Wartezeit auf den Tod verkürzen sollen. Mit dem Tabakkonsum wird im wahrsten Sinne des Wortes "die Zeit totgeschlagen". Das scheinbar paradoxe Verhalten, mit dem Asthma-, COPD-, KHK-, PAVK- und CVI-Patientinnen und Patienten ihr Kettenrauchen wider alle Vernunft auch nach chirurgischen und kardiologischen Interventionen fortsetzen, wird nur dann verständlich, wenn der (Über-) Lebenswille reduziert ist. Rauchen als Kontrolle über den eigenen Körpers in seinem ihm immanenten Vergänglichkeitsprozess bedeutet aber auch Kontrolle der gesellschaftlichen Umgebung: Patienten mit raucherbedingtem Bronchialkarzinom erlangen Zuwendung und Mitleid ihres biologischen und sozialen Umfeldes. Unterstützung, Behandlung, Pflege bzw. Palliativmaßnahmen, Trauer und Verlustempfindung begleiten sie bis über den Tod hinaus.

Jenseits von Sucht und Abhängigkeit ist Rauchen doch mehr als nur unsinnig, schädlich, umwelt- und ressourcenbelastend, teuer und gefährlich. Es saniert zusammen mit Alkoholsteuern marode Staatshaushalte und lässt die Rentenkassen überleben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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