Medizin

Cannabis macht Schmerzen (nicht immer) erträglicher

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Oxford – Im Gegensatz zu Opiaten kann THC, der psychoaktive Bestandteil der Canna­bis-Droge, den Schmerz nicht wirklich abstellen. Er wird von den Konsumenten nur als weniger störend empfunden. Hirnforscher zeigen in Pain (2012; doi: 10.1016/j.pain­.2012.09.017) auch, warum THC diese Wirkung nicht bei allen Patienten erzielt.

Schon die Verteilung der Cannabinoid-Rezeptoren, den Andockstellen für endogene Cannabinoide und Tetrahydrocannabinol (THC) im Gehirn deutet darauf hin, dass THC kein echter Schmerzblocker ist. Cannabinoid-Rezeptoren gibt es vor allem im Frontalhirn und im limbischen System, in denen die affektiven Qualitäten des Schmerzes bewertet werden. Dies zeigen auch die Experimente, die Michael Lee von der Universität Oxford und Mitarbeiter an zwölf Probanden durchgeführt haben.

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Die Forscher induzierten mit einer Hautcreme ein brennendes Gefühl auf der Haut der Teilnehmer oder besser: Sie gaben vor, dies zu tun, denn die Creme enthielt nicht immer den Reizstoff Capsaicin aus der Chilischote. Manchmal war es nur ein Placebo.

Auch über den Inhalt der Schmerztabletten wurden die Probanden im Unklaren gelassen. Manchmal enthielt sie 15 mg THC, manchmal aber auch nicht. Derartige Blindversuche sind bei Experimenten zu Schmerzmitteln essenziell, weil die Schmerzempfindung stark von der Erwartung und anderen psychologischen Aspekten abhängt. Dies gilt selbstverständlich auch für THC. Bei der Cannabis-Droge kommt hinzu, dass nicht alle Patienten mit der Wirkung zufrieden sind. Auf der anderen Seite bleibt THC häufig wirksam, wenn, wie etwa bei neuropathischen Schmerzen, andere Analgetika den Patienten keine Linderung verschaffen.

Die Befragung der Probanden ergab, dass Capsaicin, nicht aber Placebo, bei allen Probanden auf der Haut eine brennende Schmerzempfindung erzeugte. Dies war auch nach der Einnahme von THC der Fall. Der Schmerz wurde von den Probanden dann jedoch als weniger störend empfunden. Die Angaben korrelierten mit den Befunden in der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI).

Dort sahen Lee und Mitarbeiter, dass THC vor allem die Aktivität im der Pars anterior des Gyrus cinguli verminderte, die dort normalerweise durch einen Schmerzreiz ausgelöst wird. Der Gyrus cinguli gehört zum limbischen System. Hirnforscher bringen ihn mit der emotionalen Verarbeitung von Schmerzen in Verbindung.

THC beeinflusste aber auch die Aktivität in bestimmten Bereichen der Corpora amygdaloideum, der ebenfalls zum limbischen System gehört. Die Amygdala sind das Angstzentrum des Gehirns. Sie stufen, vereinfacht ausgedrückt, Signale aus der Peripherie entweder als bedrohlich oder nebensächlich ein. Diese Signale werden vom sensomotorischen Cortex direkt an die Amygdalae weitergeleitet.

Das therapeutische Potenzial von Cannabis und Cannabinoiden

Die Erkenntnisse zum therapeutischen Potenzial von Cannabisprodukten wurden in den vergangenen Jahren durch eine große Zahl klinischer Studien erheblich verbessert (1–5).

THC hat in den Experimenten die Weiterleitung und die Aktivität in den Amygdala gehemmt. Dies war allerdings nicht bei allen Probanden der Fall. Bei einigen wurden die Signale unvermindert weitergeleitet. Dies waren laut Lee genau die Probanden, bei denen THC keine Wirkung erzielte.

Die fMRI könnte deshalb – im Prinzip – benutzt werden, um die schmerzlindernde oder besser die „de-affektivierende“ Wirkung von THC vorherzusagen. Einfacher und kostengünstiger dürfte in der Praxis ein Therapieversuch sein. Die Hirnforscher können dank der Studie die Qualität der Schmerzlinderung jetzt besser beschreiben als zuvor und sie haben erstmals eine Erklärung dafür, warum die Cannabis-Droge nicht bei allen Patienten die erhoffte Wirkung erzielt. © rme/aerzteblatt.de

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