Politik

Organspendeskandal am Universitätsklinikum Leipzig

Mittwoch, 2. Januar 2013

Berlin – Auch am Universitätsklinikum Leipzig hat es offenbar zahlreiche Manipulationen bei Lebertransplantationen gegeben. Die Leitung des Universitätsklinikums Leipzig zeigte sich bestürzt: „Wir sind überrascht und bestürzt”, sagte der Medizinische Vorstand, Wolfgang Feig, am Mittwoch in Leipzig.

Die Prüfung durch zwei Kommissionen brachte nach seinen Worten bislang in 38 Fällen Manipulationen an Patientenakten zum Vorschein: 37 Fälle in den Jahren 2010 und 2011 sowie einen Fall 2012. Trotz der wiederholten Manipulationen bei der Organspende stellte Feig die bislang angewendete Praxis des Transplantationssystems in Deutschland nicht infrage. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden", sagte er.

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An dem Klinikum wurden Patienten fälschlich als Dialysepatienten ausgegeben, damit sie auf der Warte­liste zur Organtransplantation nach oben rutschten. Dialysepatienten gelten als bedürftiger. Allerdings habe in den genannten 38 Fällen nie eine Dialyse stattge­funden, sagte Feig

Zuvor hatte bereits die Bundesärztekammer mitgeteilt, dass dort in zahlreichen Fällen Patienten fälschlich als Dialysepatienten ausgegeben worden seien, um sie auf der Warteliste zur Organtransplantation besser zu positionieren. Dies habe eine Überprüfung seitens zweier Kommissionen ergeben, deren Träger die Deutsche Kranken­hausge­sellschaft, der GKV-Spitzenverband und die Bundesärztekammer seien. Die Unregel­mäßigkeiten müssten nun weiter geprüft werden, hieß es.

Die beiden Oberärzte, die das Transplantationsbüro des Klinikums bisher leiteten, seien beurlaubt worden, sagte Fleig. Der Vorstand habe auch den Direktor der Klinik für Transplan­tationschirurgie von seinen Aufgaben entbunden.

Fast alle Manipulationen seien in den Jahren 2010 und 2011 vorgenommen worden. Weshalb zu diesem Zeitpunkt plötzlich der Organ-Betrug angefangen habe, frage sich auch Vorstand Fleig, heißt es weiter in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung. Es habe keinen nennenswerten, einschlägigen Personalwechsel gegeben. Auch sei die Zahl der Transplantationen in diesen Jahren keineswegs sprunghaft gestiegen. Der jetzt beurlaubte Klinikdirektor kam bereits im Jahr 2008 von Berlin nach Leipzig.

Im Jahr 2012 gab es offenbar nur noch eine Manipulation, sagte Fleig. Allerdings hatte Eurotransplant inzwischen den Betrug erschwert, im Zuge des Organspende-Skandals von Göttingen: Seither müssen Kliniken die Dialyseprotokolle beilegen, wenn sie Patienten auf die Warteliste bei Eurotransplant setzen. Zudem hatte die Bundesärzte­kammer (BÄK) die Allgemeinen Grundsätze für die Aufnahme in die Warteliste zur Organtransplantation in ihren Richtlinien verändert. Danach soll eine interdisziplinäre, organspezifische Transplantationskonferenz am jeweiligen Zentrum darüber entscheiden, ob ein Patient auf die Warteliste aufgenommen oder von ihr abgemeldet wird.

Zur Aufklärung des Leipziger Transplantations-Skandal soll eine Sonderermittlungs­gruppe eingesetzt werden, wie der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtrans­plantation der Bundesärztekammer, Professor Hans Lilie, am Mittwoch sagte. Diese soll ab Anfang Januar tätig werden und in den kommenden drei Monaten einen Bericht vorlegen. Erst dann werde genau feststehen, in wie vielen Fällen Ärzte am Universitäts­klinikum Leipzig Manipulationen an Akten von Patienten mit Leberkrankheiten vorge­nommen hätten.

Die Bundesärztekammer (BÄK) betonte, das Vergabesystem laufe sicher und korrekt. BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery sagte dem Tagesspiegel vom Donnerstag: „Die Transplantationsmedizin in Deutschland war wahrscheinlich noch nie so sicher und vor Schummeleien geschützt wie derzeit." Die Vorkommnisse von Leipzig lägen alle schon einige Zeit zurück, sagte Montgomery. Es sei auch bezeichnend, dass sie im vergan­genen Jahr schlagartig aufgehört hätten, nachdem andernorts Skandale ans Licht gekommen seien.

Die Bundesregierung sieht zunächst keinen Handlungsbedarf. Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verwies auf Vereinbarungen aus dem vergangenen August, zu denen unter anderem eine Überprüfung aller 47 Transplan­tations­zentren gehöre. Die Forderung, eine unabhängige Kommission zur Kontrolle der Zentren einzurichten, wies die Sprecherin mit dem Hinweis zurück, dass die Unter­suchungen bereits jetzt schon unabhängig stattfänden.

Bislang seien zehn dieser Zentren überprüft worden, von denen einige „Auffälligkeiten" aufgewiesen hätten. In drei Fällen werde diesen auch nachgegangen. Die Überprüfung finde unangekündigt statt. „Das Ziel ist, möglichst umfassend und transparent zu informieren und aufzuklären", betonte die Sprecherin.

  • Wie groß ist der Bedarf an Organspenden?

    Auf den Wartelisten für ein Spenderorgan stehen derzeit rund 12.000 Patienten. Rund 1.000 von ihnen sterben jedes Jahr, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten.

    Wie viele Organe werden jährlich gespendet?

    2011 ging die Zahl der Spender deutlich zurück, und zwar von 1.296 im Jahr zuvor auf 1.200. Das bedeutete ein Minus von 7,4 Prozent. Die Zahl der gespendeten Organe sank von 4.205 auf 3.917.

    Welche Organe können gespendet werden?

    Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauschspeicheldrüse und Dünndarm können von einem verstorbenen Spender übertragen werden. Außerdem lassen sich Gewebe wie Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Ein einzelner Organspender kann bis zu sieben schwer kranken Menschen helfen.

    Neben der Spende nach dem Tod ist es möglich, eine Niere oder einen Teil der Leber bereits zu Lebzeiten zu spenden. Lebendspenden sind aber nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

  • Welche Voraussetzungen gelten für eine Organspende?

    Damit Organe nach dem Tod entnommen werden können, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es muss eine ausdrückliche Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen vorliegen und der Hirntod muss eindeutig festgestellt worden sein.

    Wie gelangt das Organ vom Spender zum Empfänger?

    Eine Organentnahme nach dem Tod ist in jedem der mehr als 1.300 Krankenhäuser mit Intensivstation durchführbar. Die Krankenhäuser sind verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu ernennen. Er informiert dann die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Sie vermittelt unabhängige Fachärzte, die die Hirntoddiagnostik durchführen. Zudem veranlasst der Koordinator Untersuchungen der Organe auf Erkrankungen und Infektionen. Die Untersuchungsergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen leitet der Koordinator an die europäische Organvermittlungsstelle Eurotransplant weiter, die mit Hilfe der Daten der Patienten auf der Warteliste die passenden Empfänger ermittelt und die zuständigen Transplantationszentren informiert. Die Zentren, von denen es rund 50 in Deutschland gibt, verständigen den Empfänger und führen die Transplantation durch.

  • Nach welchen Kriterien werden die Organe vergeben?

    Für die schwer kranken Patienten werden Wartelisten geführt und Punkte vergeben, deren Kriterien die Bundesärztekammer festlegt. Die Platzierung der Patienten richtet sich vor allem nach der Erfolgsaussicht und der Dringlichkeit einer Transplantation.

    Auch werden die Gewebeverträglichkeit und die Wartezeit gewichtet. Patienten in akuter Lebensgefahr werden vorrangig behandelt. Alkohol- oder Drogensucht können eine Aufnahme auf die Warteliste verhindern.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere Skandale um Manipulationen bei der Organvergabe die Öffentlichkeit erschüttert. Unter anderem an den Universitätskliniken in Regensburg und Göttingen hatten Ärzte Patienten bei der Organvergabe bevorzugt. Die Bereitschaft zur Organspende hat inzwischen deutlich abgenommen. © dapd/EB/aerzteblatt.de

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