Politik

Neue Vorwürfe im Münchner Organspendeskandal

Freitag, 18. Januar 2013

München – Im Organspendeskandal um das Klinikum rechts der Isar werden neue Vorwürfe laut. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom Freitag soll unter anderem Urin in Blutproben gemischt worden sein, um die Patienten kranker erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren. Zudem schreibt die Zeitung von dem Verdacht, dass die Klinik auch nach Bekanntwerden erster Vorwürfe die Öffentlichkeit getäuscht haben soll. Laut Wissenschaftsministerium sind die geschilderten Fällen bereits bekannt. Der Patienten­beauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), rechnet unterdessen mit weiteren Skandalen bei der Vergabe von Organspenden.

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Das Klinikum verwies auf laufende, „sorgfältige und umfassende Untersuchungen und Ermittlungen“ von Bundesärztekammer, einer unabhängigen Experten-Kommission unter dem Vorsitz des Wiener Mediziners Ferdinand Mühlbacher sowie der Staatsanwaltschaft. Eine Kliniksprecherin betonte weiter, die Klinik werde die Ergebnisse „nach Abschluss der Untersuchungen bewerten, die Konsequenzen daraus ziehen und diese veröffent­lichen“. Darüber hinaus wollte sie sich nicht äußern.

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung beläuft sich die Zahl der Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen in den Jahren 2007 bis 2012 auf insgesamt knapp 30. Besonders schwerwiegend seien drei Fälle, bei denen Blutproben mit erheblichem Fälschungsvorsatz manipuliert wurden. Offenbar sei Urin in Blut gemischt worden, um die Patienten kränker erscheinen zu lassen, als sie waren und so ihre Chancen auf eine Transplantation zu erhöhen, schreibt die Zeitung weiter. Dadurch seien andere Patienten auf der Warteliste benachteiligt worden. Sie erhielten demnach später ein Spenderorgan oder starben, bevor ihnen eins zugeteilt wurde.

Ministerium: Keine neuen Fälle
In elf Fällen wurden laut dem Blatt Alkoholkranke auf die Warteliste gesetzt, die noch nicht die lang genug trocken waren. In weiteren Fällen seien fälschlicherweise Dialysen angegeben worden, die die Transplantation dringlicher erscheinen ließen. Zudem wurden Krebspatienten transplantiert, bei denen sich bereits Metastasen gebildet hatten. Darüber hinaus schreibt die Zeitung, dass sich aus einem vor dem Verwaltungsgericht München anhängigen Verfahren der Verdacht ergebe, dass das Klinikum auf Veranlassung des Ärztlichen Direktors Reiner Gradinger auch noch nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Öffentlichkeit täuschte.

„Kausalitätsfrage bleibt immer ein Problem“

Köln – Die Meldungen über Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe reißen nicht ab. So berichtet die Süddeutsche Zeitung heute, dass es am Münchener Klinikum rechts der Isar knapp 30 Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen gegeben habe.

Eine Sprecherin des Bayerischen Wissenschaftsministeriums sagte, bei den genannten Fällen handele es sich nicht um neu hinzugekommene. Vielmehr seien dies „Verstöße, die das Klinikum im internen Audit aufgeklärt hat“ und die momentan von mehreren Kommissionen überprüft würden.

Zöller rechnet mit weiteren Fällen
„Ich gehe davon aus, dass weitere Manipulationsfälle ans Tageslicht kommen", sagte Zöller den Zeitungen der WAZ-Gruppe vom Freitag. „Die Ärzte, die Akten gefälscht haben, haben dem Transplantationssystem immens geschadet“, betonte Zöller. „Ihr unverantwortliches Verhalten kostet Menschenleben, weil die Spendenbereitschaft sinkt und die Transplantationen zurückgehen. Solche Leute gehören aus dem Verkehr gezogen – und zwar durch eine Verschärfung des Berufsrechts.“

Durch Transparenz und Aufklärung könne man das Vertrauen in die Organspende wiederherstellen, ist Zöllner überzeugt. „Aber klar ist: Es wird garantiert ein oder zwei Jahre dauern, bis der Vertrauensverlust behoben ist.“

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte, dass die Manipulation von Listen für Organspenden als solche unter Strafe gestellt wird. „Viele Menschen wissen nicht, dass die Manipulation der Listen für die Organtransplantation derzeit grundsätzlich nur dann strafbar ist, wenn dabei billigend in Kauf genommen wird, dass andere Patienten, die auf ein Organ warten, dadurch zu Schaden kommen. Hier müssen wir dringend nach­bessern“, betonte Merk. Wer bewusst die für die Liste relevanten Daten manipuliere, gefährde Menschenleben. „Das muss mit Strafe bedroht sein.“ © dapd/aerzteblatt.de

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