Politik

Experten fordern Kursänderung bei Organvergabe

Montag, 28. Januar 2013

Hamburg – Mediziner, Juristen und Politiker fordern eine grundsätzliche Debatte über die Praxis der Organvergabe in Deutschland. Es gehe um die Frage, wen man angesichts des Organmangels retten wolle und wen man nicht mehr retten könne, zitiert der Spiegel  den Chirurgen Gerd Otto. „Wenn die Patienten mit ganz schlechten Erfolgsaussichten ausgeschlossen würden, gäbe es keinen so schlimmen Organmangel mehr“, so der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie der Universitätsklinik Mainz.

Otto plädiert als neues Kriterium bei der Verteilung von Organen für den sogenannten Benefit – die Differenz zwischen der Lebenserwartung mit und ohne Transplantation. Danach bekäme derjenige Patient das Organ, dessen Leben sich durch die Trans­plantation voraussichtlich am meisten verlängert.

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Auch die Grünen verlangen neue Vergaberichtlinien. „Derzeit wird alles von den Skan­dalen überlagert“, beklagte der grüne Transplantationsexperte Harald Terpe. „Aber auf Dauer kann man das Thema der Vergabekriterien nicht unter dem Deckel halten.“

Der Medizinrechtler Thomas Gutmann von der Universität Münster bezeichnete die derzeitige Praxis der Organverteilung als „Krebstumor im Gewebe des Rechtsstaates“. Durch die Richtlinienkompetenz der Bundesärztekammer und die europäische Vergabestelle Eurotransplant seien private Institutionen mit hoheitlichen Aufgaben betraut worden.

Gutmann sprach von einem klaren Verfassungsbruch. „Egal ob in England, in Frankreich oder in der Schweiz, überall ist man sich einig, dass der Gesetzgeber die Verteilung von Lebenschancen regeln muss“, sagt Gutmann, „nur in Deutschland haben sich die Politiker davor gedrückt und es den Ärzten überlassen.“

Ermittlungen gegen 26 Ärzte
Im Göttinger Organtransplantationsskandal ermittelt die Staatsanwaltschaft unterdessen gegen 26 Mediziner. Bei 24 von ihnen bestehe aber nur „ein höchst vager Anfangs­verdacht“, sagte die Braunschweiger Staatsanwältin Birgit Seel dem Nachrichtenmagazin Focus. In den Vernehmungen hätten Zeugen Hinweise auf mögliche Tatbeteiligungen gegeben. Laut Focus stelle sich für die Ermittler allerdings die Frage, ob die Mitarbeiter wissentlich versucht haben, Patientendaten zu manipulieren, oder ob der in Unter­suchungshaft sitzende Hauptbeschuldigte, Chirurg Aiman O., die Kollegen reingelegt habe.

Gegen Aiman O. wird wegen versuchten Totschlags in neun Fällen sowie wegen schwerer Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen ermittelt. Der Mediziner soll Krankenakten manipuliert haben, damit bestimmte Patienten bevorzugt eine Spenderleber erhielten. © kna/afp/aerzteblatt.de

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muemaus
am Dienstag, 29. Januar 2013, 10:46

Das ist unmenschlich

Sollte nicht jedes Leben gleich wertvoll und schützenswert sein?
Wer soll entscheiden, wann es sich noch "lohnt", einen schwerstkranken zu retten oder ihn aus praktischen Erwägungen einfach sterben zu lassen?
Die aktuellen Skandale zeigen doch, dass schon jetzt nach "lohnenswerten" Patienten selektiert wurde, indem man Daten massiv manipulierte.
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