Politik

„Pille danach“: Debatte geht weiter

Montag, 4. Februar 2013

Berlin – Nach der Erklärung des Kölner Kardinals Joachim Meisner zur „Pille danach“ sehen die katholischen Bischöfe in Deutschland weiteren Gesprächsbedarf. „Wenn es neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Wirkungsweisen der 'Pille danach' gibt, dann ist es notwendig und wichtig, dass sich die Kirche bundesweit damit auseinander­setzt“, teilte das Erzbistum Berlin am Wochenende mit.

Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki kündigte zugleich an, seine Diözese werde sich „intensiv“ an der Debatte über eine medizinische Behandlung von vergewaltigten Frauen in katholischen Einrichtungen beteiligen. „Unsere Krankenhäuser und Ärzte brauchen Orientierung, wie sie in Zukunft Frauen in dieser Situation unterstützen können – auch was den Einsatz von bestimmten Formen der 'Pille danach' angeht.“

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Im Erzbistum Hamburg will sich laut Angaben eines Sprechers die Kommission für Medizin- und Gesundheitsethik in den kommenden Tagen mit dem Thema befassen. Das Magazin Focus  zitierte den Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke mit den Worten, er „begrüße die Klarstellung des Kölner Kardinals“.

Meisner hatte am Donnerstag seine Position zur „Pille danach“ korrigiert: Im Falle einer Vergewaltigung sei nichts gegen Präparate einzuwenden, die eine Befruchtung verhin­dern. Allerdings seien nach wie vor jene Pillen ethisch nicht zu vertreten, die eine bereits befruchtete Eizelle an der Einnistung in der Gebärmutter hindern und dieser die Lebensgrundlage entziehen. Denn einer befruchteten Eizelle komme der Schutz der Menschenwürde zu.

Meisner stimmte sich mit dem Vatikan ab
Meisner machte damit vom eigenständigen Lehramt des Ortsbischofs Gebrauch, das innerhalb des vom römischen Lehramt vorgegebenen Rahmens gewisse Spielräume hat. Die Frage, ob er diesen Schritt mit dem Vatikan abgestimmt habe, bejahte sein Sprecher Christoph Heckeley im Focus. Mit wem er dies getan habe, habe Meisner ihm allerdings nicht gesagt. „Und er würde es auch nicht sagen“, so Heckeley.

Caritas-Präsident Peter Neher sagte am Sonntagabend in der ARD-Talksendung von Günther Jauch, Meisner habe klare Worte gefunden. So habe er „deutlich unter­schieden“ zwischen einem die Empfängnis verhütenden Präparat und einem Präparat, das eine Abtreibung bewirke.

Der Kölner Erzbischof sehe „die Spannung zwischen diesen Lebensmöglichkeiten“ eines ungeborenen Kindes und einer vergewaltigten Frau und habe überdies deutlich gemacht, dass die „verantwortete Entscheidung“ der Frau, egal wie sie ausfalle, zu respektieren sei, sagte Neher. „Das, finde ich, ist nicht wenig.“

Hintergrund für Meisners Erklärung ist der Umgang zweier katholischer Kliniken mit einem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Die Ärzte verweigerten eine Untersuchung der Frau mit dem Hinweis darauf, dass damit ein Bera­tungsgespräch über eine mögliche Schwangerschaft und deren Abbruch sowie über das Verschreiben der „Pille danach“ verbunden sei.

Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) sagte, sie verstehe Meisners Erklärung so, dass dadurch die ärztliche Entscheidung und Therapie­freiheit wieder in die Hände der behandelnden Mediziner gelegt worden seien. Zugleich betonte die

Ministerin: „Ich möchte, dass an allen katholischen Krankenhäusern sichergestellt wird, dass alle Frauen, die vergewaltigt wurden, Zugang zur 'Pille danach' bekommen.“ Wer das Präparat letztlich verschreibe, sei nicht die entscheidende Frage.

Der Gynäkologe Bernhard von Tongelen betonte, dass es eine von Meisner für zulässig erklärte „Pille danach“ mit ausschließlich Empfängnis verhindernder Wirkung gar nicht gebe. Ähnlich äußerte sich der Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV, Martin Lohmann. Er wünsche sich, so Lohmann, dass der Erzbischof von Köln noch einmal erkläre, „was er gemeint hat“. © kna/aerzteblatt.de

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