Medizin

Parthenogenese: Herzgewebe aus unbefruchteten Eizellen

Montag, 25. Februar 2013

Göttingen – Unbefruchtete Eizellen lassen sich im Labor durch elektrische oder chemische Reize zur Teilung anregen. Aus den resultierenden "Embryonen" haben deutsche Forscher Stammzellen gewonnen, die sich im Labor zu Herzmuskelzellen differenzieren ließen. Da in der Reproduktionsmedizin häufig überzählige Eizellen anfallen und diese nicht befruchtet werden, sehen die Forscher im Journal of Clinical Investigation (2013; doi: 10.1172/JCI66854) eine ethisch unbedenkliche Quelle für die Stammzellforschung.

Als Parthenogenese, auch Jungfernzeugung genannt, wird die Fähigkeit einiger Tiere zur eingeschlechtlichen Fortpflanzung bezeichnet. Dabei entstehen lebensfähige Nach­kommen aus unbefruchteten Eiern. Säugetiere, also auch der Mensch, haben diese Fähigkeit verloren, doch im Labor können Eizellen heute zur Zellteilung animiert werden.

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Sie entwickeln sich niemals zu einem lebensfähigen Embryo, wie das Team um Wolfram-Hubertus Zimmermann von der Universitätsmedizin Göttingen versichert. Die pluripo­tenten Zellen verfügen jedoch über Stammzelleigenschaften, die die Göttinger Forscher bei Mäusen ausnutzten, um einzelne Zellen in speziellen Nährmedien in Herzmuskelzellen zu differenzieren.

Diese wurden dann lebenden Mäusen in den Herzmuskel injiziert. Ob die Zellen auch beim Menschen in der Lage wären, sich in den Herzmuskel zu integrieren und beispiels­weise nach einem Herzinfarkt die Kontraktilität zu verbessern, ist unklar.

Viele Stammzellforscher hatten parthenogenetische Stammzellen bisher als minderwertig betrachtet. Die Göttinger Forscher heben dagegen hervor, dass die parthenoge­ne­tischen Stammzellen immunologisch einfacher „gestrickt“ seien als andere Stammzellen. Da sie seltener zu Abstoßungsreaktionen führen, könnte sie bei der breiten Anwendung von gezüchtetem Herzmuskelgewebe für die Herzreparatur von Vorteil sind, hoffen sie.

Demnächst will das Team das therapeutische Potenzial auch für den Menschen überprüfen. An Ausgangszellen bestehe kein Mangel. Allein in Deutschland würden nach der Statistik der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin jährlich etwa 60.000 unbefruchtete Eizellen verworfen, weil sie für eine künstliche Befruchtung schlussendlich nicht geeignet sind.

Für die Experimente wären deshalb keine zusätzlichen Eizellspenden nötig. Wie andere Stammzellen könnten parthenogenetische Zellen im Prinzip in beliebige Zellen des menschlichen Körpers differenziert werden. Eine Vision der Forscher sind Biobanken mit Stammzelllinien. Modellrechnungen zufolge würden 80 bis 100 unterschiedlichen Zelllinien ausreichen, um eine Gewebereparatur ohne zusätzliche Immununterdrückung bei einer Bevölkerung von circa 100 Millionen zu erreichen. © rme/aerzteblatt.de

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