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Ärzteschaft

„Ein riesiges Potenzial für die Prävention“

Donnerstag, 28. Februar 2013

Berlin/Düsseldorf – Ärzte gehen als Coach in die Unternehmen und verändern zusammen mit Führungskräften und Mitarbeitern Strukturen, die Stress und Unzufriedenheit auslösen. Das berichtet der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN) und Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Nordrhein, Frank Bergmann, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Die medizinische Behandlung des Einzelnen ist oft zu wenig, sie müssen das ganze Arbeitsumfeld einbeziehen und verändern“, erläutert er die Motivation zu der Initiative.

5 Fragen an Frank Bergmann, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte

DÄ: Im sogenannten Stressreport hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erst Ende Januar wieder berichtet, dass viele Arbeitnehmer unter krankmachenden Stressoren leiden: Psychische Erkrankungen sind mittler­weile der zweithäufigste Grund für Fehltage. Wie erleben Sie das in der Praxis?
Bergmann: Das begann schon vor Jahren. Es kommen jedes Jahr mehr Menschen zu uns und brauchen Hilfe, weil sie mit Belastungen in der Arbeitswelt nicht mehr fertig werden. Da sitzen dann oft Menschen vor Ihnen, die vollkommen erschöpft sind. Nicht wenige bitten aber darum, sie auf keinen Fall krankzuschreiben.

DÄ: Was sind die Gründe dafür?
Bergmann: Oft sehen wir eine Kombination unterschiedlicher Auslöser, wie einer hohe Arbeitsbelastung, mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte, fehlende Selbstfürsorge und zu hohe Leistungsansprüche an sich selbst. Gerade bei älteren Arbeitnehmern kommt unserer Erfahrung nach oft die Angst um den Arbeitsplatz hinzu. Es ist ja absurd: Fachkräfte werden wegen der demografischen Entwicklung zunehmend rar, trotzdem ist es für ältere Arbeitnehmer oft nahezu unmöglich, eine neue angemessene Stelle zu finden. Das ist ein Grund für den oft beschworenen Präsentismus, also das Phänomen, dass sich Mitarbeiter trotz ihrer Erkrankung in den Betrieb quälen.

DÄ: Sprechen Sie von Burnout?
Bergmann: Nun ja, Burnout ist ein Risikofaktor, den wir bei frühzeitiger Intervention durchaus gut behandeln können. Geschieht aber nichts und bleibt die krankmachende Situation bestehen, dann mündet das Burnout oft in eine handfeste psychische Erkrankung. Das ist dann sehr häufig eine Depression. Aber Sie müssen sehr genau hinschauen – oft ist, was als Burnout bezeichnet wird, gar nicht eine solche im obigen Sinne, sondern von Anfang an bereits eine Depression. Denn auch das ist klar: Nicht alle Erschöpfungszustände sind Folgen ungünstiger Arbeitsumstände. Oft steckt auch eine psychische Erkrankung dahinter, die sich nicht als Reaktion auf äußere Umstände entwickelt.

DÄ: Bleiben wir bei den erschöpften Arbeitnehmern. Wie helfen Sie den Betroffenen?
Bergmann: Das ist natürlich im Einzelfall sehr verschieden. Zunächst müssen wir auf der individuellen Ebene ansetzen und gemeinsam mit dem Patienten erarbeiten: Wo liegen die krankmachenden Faktoren? Gibt es Möglichkeiten für ihn als Einzelnen, sie zu verändern? Oder gibt es Kompensationsmöglichkeiten, die er stärken kann, um mit den Belastungen besser umzugehen? Ist dies nicht möglich, überlegen wir auch gemeinsam, welche Alternativen bis hin zum Jobwechsel bestehen. Oft ist es sehr schwer, die Situation allein durch eine medizinische Behandlung des Einzelnen zu lösen, Sie müssen das ganze Arbeitsumfeld einbeziehen und gegebenenfalls verändern.

DÄ: Sehen Sie da Möglichkeiten?
Bergmann: Prävention hat ein großes Potenzial, besonders bei mittelständigen Unternehmen, die keine eigenen arbeitsmedizinischen Abteilungen haben. Viele Betriebe sind sehr offen und wünschen sich ärztliche Expertise. Der BVDN hat daher eine Fortbildung und ein Qualitätssiegel „Coach BVDN“ konzipiert. Nervenärzte, Neurologen und Psychiater lernen dort das Coaching von Arbeitnehmern – mit Stressbelastungen umzugehen, persönliche Ziele effektiv umzusetzen, die eigene Kommunikations­kompetenz zu verbessern und anderes stehen dort auf dem Programm. Andererseits lernen sie, Betriebe bei der Arbeitsplatzgestaltung, dem Führungsstil und der Personalentwicklung zu beraten. © hil/aerzteblatt.de

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