Medizin

Unterschiedliche Todesursachen in West- und Osteuropa

Mittwoch, 13. März 2013

Kopenhagen – Der Gesundheitszustand der Europäer hat sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verbessert. Es gibt jedoch weiterhin große Unterschiede nicht nur zwischen den einzelnen Ländern, sondern auch zwischen den beiden Geschlechtern, wie der Europäische Gesundheitsbericht 2012 zeigt.

Längere Lebenserwartung von Frauen
Die Lebenserwartung der Europäer ist seit den 1980er Jahren um fünf Jahre auf 76 Jahre gestiegen. Im Jahr 2015 wird ein Viertel der Bevölkerung in Europa älter als 65 Jahre sein. Die Lebenserwartung von Frauen betrug 2010 im Durchschnitt 80 Jahre und lag damit 7,5 Jahre höher als bei den Männern, die im Durchschnitt mit 72,5 Jahren sterben. Von der Lebenserwartung her stehen die Männer in Europa heute dort, wo die Frauen schon vor 40 Jahren waren, heißt es in dem Bericht.

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Der Unterschied schmilzt auf 5 Jahre, wenn nur die Lebensjahre in guter Gesundheit gerechnet werden. Frauen sind am Lebensende häufiger chronisch krank. Der geschlechtsspezifische Unterschied lässt sich laut dem Bericht auf unterschiedliche Lebensweisen und Berufstätigkeiten zurückführen, er ist also nicht genetisch bedingt.

Die Unterschiede sind in Ländern mit insgesamt geringerer Lebenserwartung tendenziell am größten: Am längsten leben Männer in Island und Israel. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer liegt dort bei 80 Jahren. Frauen leben nur etwa 4 Jahre länger. In Russland liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer bei unter 63 Jahren. Frauen leben dort knapp 75 Jahre.

Wie auch in anderen osteuropäischen Ländern beträgt der Unterschied zwischen den Geschlechtern 10 Jahre oder mehr. Dass die erschreckend niedrige Lebenserwartung in Osteuropa kein unabänderliches Schicksal ist, zeigt die Entwicklung im Baltikum. In Estland und Lettland ist die Lebenserwartung seit 1995 um mehr als 10 Prozent gestiegen.

Weltweit niedrigste Kindersterblichkeit
Die Kindersterblichkeit ist in der Europäischen Region der WHO die niedrigste weltweit. Auf 1.000 Lebendgeburten kommen 7,9 Todesfälle in den ersten 5 Lebensjahren. Allerdings gibt es auch hier auffallende Unterschiede zwischen den Ländern, die zum Teil 50 Prozent unter und zum Teil 60 Prozent über dem Durchschnitt liegen. Auch die Müttersterblichkeit ist niedrig: 2010 kamen in der Region 13,3 Todesfälle auf 100.000 Lebendgeburten, was einen Rückgang um 50 Prozent seit 1990 bedeutet. Aber auch hier ist die Schwankungsbreite zwischen den Ländern groß.

Der Grund für die Unterschiede in der Gesamtmortalität in Europa ist vor allem in der hohen Sterblichkeit an nichtübertragbaren Krankheiten zu suchen. So liegt die Frühsterblichkeit (vor dem 65. Lebensjahr) aufgrund ischämischer Herzerkrankungen in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion über 110 pro 10.000 Einwohner. In Westeuropa liegt diese Zahl bei unter 10 pro 10.000 Einwohner, sie ist also mehr als zehnmal niedriger.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ischämische Herzkrankheit, Schlaganfall et cetera) sind aber in Europa für fast 50 Prozent aller Todesfälle vor dem 65. Lebensjahr verantwortlich. Krebs steht mit fast 20 Prozent aller Todesfälle (alle Altersgruppen) an zweiter Stelle (vor Verletzungen und Vergiftungen). Da Krebserkrankungen überwiegend im hohen Lebensalter auftreten, wird der Anteil aber in den nächsten Jahren zunehmen.

Tuberkulose führende tödliche Infektion
Übertragbare Krankheiten sind dagegen zu einer relativ seltenen Todesursache geworden, obwohl sie in der gesundheitspolitischen Tagesordnung einen hohen Stellenwert haben. Möglicherweise nicht zu Unrecht. Der Gesundheitsreport registriert in den vergangenen 20 Jahren einen wenn auch langsamen Anstieg der tödlichen Infektionen, möglicherweise eine Folge der zunehmenden Resistenzproblematik.

Die meisten Todesfälle durch Infektionen wären jedoch durch eine Behandlung vermeidbar. Europaweit (und hier vor allem in Osteuropa) entfallen nicht weniger als 40 Prozent aller Todesfälle durch übertragbare Krankheiten auf die Tuberkulose. Für Menschen mit HIV/Aids ist Tuberkulose die häufigste Todesursache. HIV ist in Osteuropa und in Zentralasien (gehört teilweise zur WHO-Europaregion) ein zunehmendes Problem. Während die Zahl der Aids-Diagnosen und -Todesfälle in Mittel- und Westeuropa seit Einführung wirksamer Medikamente zurückgegangen ist, hat sie sich in Osteuropa und Zentralasien von 2004 bis 2011 verfünffacht und steigt immer noch.

Drei führende vermeidbare Risikofaktoren
Die wichtigsten und vermeidbaren Risikofaktoren für einen vorzeitigen Tod in Europa sind Rauchen, ein schädlicher Alkoholkonsum und Umweltgefahren. Sie sind zunehmend für Krebs und Erkrankungen des Kreislaufsystems, der Atemwege und des Verdauungstraktes verantwortlich. Mit 27 Prozent in der Altersgruppe ab 15 Jahre ist Anteil der Raucher in keiner anderen WHO-Region so hoch wie in Europa.

Auch hier gibt es große Unterschiede. In Armenien rauchen mehr als 50 Prozent der Männer aber so gut wie keine Frauen. In Schweden rauchen nur etwas mehr als 10 Prozent der Männer. Schweden ist heute das einzige Land mit einem höheren Anteil von weiblichen als männlichen Rauchern. Große Unterschiede gibt es auch bei den Zigarettenpreisen. Eine Packung kostet in den einzelnen Ländern zwischen weniger als 1 und teilweise über 10 US-Dollar.

Ein schädlicher Alkoholkonsum ist in Europa für knapp 6,5 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Der Prokopfverbrauch pro Jahr in der Altersgruppe ab 15 Jahren liegt zwischen 21 Litern (in Russland) und weniger als 0,5 Litern (in islamischen Ländern wie Tadschikistan oder der Türkei). Neben der Menge spielt auch die Art des konsumierten Alkohols eine Rolle: je höher der Alkoholgehalt, desto größer die schädlichen gesundheitlichen Folgen. Länder mit einem höheren Spirituosenverbrauch weisen eine höhere alkoholbedingte Krankheitslast auf.

Wie beim Tabak beeinflusst der Preis den Konsum. Ein niedriger Preis verleitet insbesondere zum unkontrollierten Rauschtrinken, das mit akuten Lebensrisiken verbunden ist. Umweltbedingte Faktoren sind nach Einschätzung der WHO für 13 bis 20 Prozent der gesamten Krankheitslast in der Europäischen Region verantwortlich. Die Luftqualität ist in den einzelnen Ländern sehr uneinheitlich. Am stärksten belastet ist die Bevölkerung in der Türkei und auf dem Balkan. Es gibt aber nur fünf Länder, in denen die Feinstaubbelastung (PM10) unter dem von der WHO festgelegten Richtwert von 20 μg/m3 liegt. Dies sind Island, Irland, Finnland, Estland und Schweden. Die WHO schätzt, dass die Luftverschmutzung die Lebenserwartung im Durchschnitt um acht Monate verkürzt, in den am stärksten belasteten Städten könnten es sogar über zwei Jahre sein.

Soziale Determinanten
Auch Einkommensniveau und -sicherheit beeinflussen die Sterblichkeit. So liegt die Herz-Kreislauf-Mortalität in Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen unter 20.000 US-$ pro Jahr über dem Mittel und steigt mit sinkendem Einkommen rasch an. Ein plötzlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit um mehr als 3 Prozentpunkte ist eine Zunahme von Suizid und Selbstverstümmelung in der Altersgruppe bis 65 Jahre verbunden. Auch die Ausgaben für das Gesundheitswesen gehören zu den sozialen Determinanten von Gesundheit.

Die WHO fordert, dass die einzelnen Länder mindestens 5 bis 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen ausgeben. In Europa schwankt der Anteil derzeit noch zwischen 2 und 12 Prozent. Der Anteil der Eigenleistungen („out-of-pocket payments“, OOP) sollte nicht über 15 bis 20 Prozent liegen. Auch hier gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den Ländern (5,7 bis 79,5 Prozent).

© rme/aerzteblatt.de

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