Politik

IGeL-Monitor: Viele Patienten nutzen das Kassenportal

Mittwoch, 20. März 2013

Berlin – Rund 900.000 Besucher haben sich in den zurückliegenden 14 Monaten auf dem Internetportal www.igel-monitor.de über Nutzen und Schaden von individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die in Arztpraxen angeboten werden, informiert, rund 2.800 Zuschriften sind bei der Redaktion eingegangen. „Diese große Resonanz der Versicherten zeigt, dass das Informationsbedürfnis hoch ist und dass der IGeL-Monitor die Versicherten erreicht“, zeigte sich Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes (MDS), heute in Berlin überzeugt. Der MDS betreibt das Portal seit dem 25. Januar 2012.

Versicherte könnten erst dann eine eigenständige Entscheidung treffen, wenn sie Nutzen und möglichen Schaden einer Untersuchungsmethode oder einer Behandlung kennen, argumentierte Pick vor der Presse: „Mit dem IGeL-Monitor bieten wir ihnen eine Entschei­dungshilfe im Umgang mit Individuellen Gesundheitsleistungen, die wissenschaftlich abgesichert, verständlich und transparent ist.“

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Montgomery fordert mehr Transparenz
Genau hier sieht der Präsident der Bundesärztekammer freilich noch Verbesserungs­potenzial: „Mit dem IGeL-Monitor unternehmen die Krankenkassen den Versuch, Nutzen und Risiken von ausgewählten IGeL nach wissenschaftlichen Methoden zu prüfen und zu bewerten“, sagte Frank Ulrich Montgomery dem Deutschen Ärzteblatt: „Wünschenswert wäre es, wenn dabei mehr Transparenz in Bezug auf die eigentliche Bewertung und das Team bestünde: Welche externen Experten haben den Redakteur unterstützt? Wer war an der Recherche und Bewertung beteiligt?“

Zum Start hatte der IGeL-Monitor 24 Leistungen bewertet, inzwischen sind sechs weitere Stellungnahmen zu wichtigen IGeL-Leistungen hinzugekommen. Zwölf der untersuchten IGeL-Leistungen weisen eine negative oder tendenziell negative Schadensbilanz auf. Bei elf Bewertungen kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis „unklar“, das heißt, hier liegen keine Informationen über den Nutzen und Schaden dieser Leistungen vor, oder Schaden und Nutzen halten sich die Waage.

Lediglich drei IGeL wurden mit „tendenziell positiv“ bewertet. Die übrigen vier IGeL-Leis­tungen, wie zum Beispiel der Sport-Check, wurden nur beschrieben, da sie als Teil der persönlichen Lebensführung nicht zum Leistungsspektrum der gesetzlichen Kranken­kassen gehören.

„Zu den bisher bewerteten IGeL zählen auch die am häufigsten von Ärzten angebotenen Leistungen“, betonte Monika Lelgemann, die Projektleiterin des IGeL-Monitors: Dies seien der Ultraschall der Eierstöcke und der PSA-Test zur Krebsfrüherkennung, die Augeninnendruck-Messung zur Glaukom-Früherkennung und die Professionelle Zahnreinigung. Nehme man noch die Bewertung des Ultraschalls der Brust hinzu, der seit heute online steht, seien die „Top-Seller“ bewertet. Lelgemanns Bilanz bis dato: „Keine dieser IGeL-Leistungen ist über ein ,unklar‘ hinausgekommen.“ Für die Versicherten bedeute dies: „Erst die IGeL-Leistung prüfen – und dann entscheiden!“

Montgomery appelliert an alle Ärztinnen und Ärzte, verantwortungsvoll mit Selbstzahler­leistungen umzugehen, und die Patienten unaufdringlich und sachlich zu beraten. Die Bewertungskategorie „unklar“ im IGeL-Monitor hält er für problematisch: „Zum einen ist eine unklare Studienlage gemeint, die keine eindeutige Aussage zu Nutzen oder Schaden einer IGeL erlaubt, zum anderen bezieht sich diese Kategorie auf das Nutzen-Schaden-Verhältnis.“ Letztlich würden also zwei Sachverhalte mit dieser Bewertung beschrieben, die nicht  miteinander zu vergleichen seien: „Dies ist zumindest wissenschaftlich sehr fragwürdig.“

Der IGeL-Monitor, schloss Pick seine Ausführungen, schließe eine Lücke in der sach­lichen Patienteninformation und leiste einen Beitrag zum Patienten- und Verbraucher­schutz angesichts eines Marktes, der weiter wachse, wie neueste Zahlen der Wissen­schaftlichen Instituts der AOK (WidO) belegten.

Der WidO-Erhebung zufolge verdreifachte sich der Anteil der gesetzlich Versicherten, die 2012 eine individuelle Gesundheitsleistung angeboten bekamen oder bei denen eine solche Leistung abgerechnet wurde, zwischen 2001 und 2012 von 8,9 Prozent auf 29,9 Prozent.

Die Gesamtzahl der angebotenen beziehungsweise nachgefragten IGeL betrug damit 2012 hochgerechnet auf alle erwachsenen gesetzlich Versicherten mehr als 26 Millionen. Das sei ein Zuwachs um 65 Prozent gegenüber 2005. 18,2 Millionen IGeL würden tatsächlich erbracht. Bei durchschnittlichen Kosten von 70 Euro je Leistung umfasse der IGeL-Markt somit rund 1,3 Milliarden Euro im Jahr.

GKV-Spitzenverband für Sperrfrist
Die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer, bemängelte in Berlin, bei medizinischen Leistungen, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören, gehe es häufig vor allem um wirtschaftliche Interessen von Ärzten und nicht um die Gesundheit der Patienten. Pfeiffer sprach sich für eine Einwilligungssperrfrist aus. Das heißt, ein Patient, der eine IGeL in Anspruch nehmen möchte, müsste ein zweites Mal in die Praxis kommen.

Bei der SPD läuft Pfeiffer damit offene Türen ein. Die Sozialdemokraten scheiterten mit einem solchen Vorstoß 2012 im Bundestag. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Mechthild Rawert bezeichnete die IGeL als Abzocke und Stachel in der vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung.

Die FDP-Gesundheitsexpertin Gabriele Molitor widersprach. Die individuellen Gesund­heits­leistungen könnten Patientensouveränität, Therapiefreiheit und individuelle Wahl- und Entscheidungsspielräume stärken, sagte die Bundestagsabgeordnete dapd. Die Misstrauenskultur, die zum Teil bei Forderungen nach Einschränkungen der IGeL-Leistungen zum Ausdruck kommt, lehne die FDP ab. © JF/aerzteblatt.de

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