Ärzteschaft

Internisten­kongress: Vertrauen ist Grundpfeiler der Arzt-Patien­ten-Beziehung

Montag, 8. April 2013

Wiesbaden – Zeit, Aufmerksamkeit, Vertraulichkeit und gutes Fachwissen sind die essenziellen Erwartungen des Patienten an seinen behandelnden Arzt oder seine Ärztin – und zwar priorisiert in dieser Reihenfolge. „Diese Bedürfnisse des kranken Menschen dürfen von der Ärzteschaft nicht enttäuscht werden, mahnt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Elisabeth Märker-Hermann, in ihrem Festvortrag anlässlich einer Abendveranstaltung der Fachgesellschaft in Wiesbaden, den sie unter das Thema „Humanität, Wissenschaft und Verantwortung als Basis der Arzt-Patienten-Beziehung" gesetzt hatte.  „Diese Grundpfeiler  des ärztlichen Handelns beschäftigen uns tagtäglich“, so die Wiesbadener Rheumatologin.

Zeit, Aufmerksamkeit und Zuhören alleine reichten jedoch nicht aus, ein guter Arzt oder Ärztin zu sein, denn „diese Attribute treffen auch auf Schamanen oder Wunderheiler zu. Essenziell für die  Arzt-Patienten-Beziehung ist eine fundierte Basis der Wissen­schaft­lichkeit“, sagte Märker-Hermann. Nicht erst seit Inkrafttreten des neuen Patienten­rechte­gesetzes sei der Arzt gesetzlich verpflichtet, über Untersuchungen, Diagnosen und Therapien, aber auch über Risiken und  Alternativen zu informieren.

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Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass der Patient von seinem Arzt einen handwerklich korrekten Eingriff nach den Regeln der ärztlichen Kunst erwarten darf, betonte die DGIM-Präsidentin: „In der Inneren Medizin betrifft dies vor allem Beratungen und Aufklärungen hinsichtlich eines interventionellen Eingriffs und folgenschwerer medika­mentöser Therapien.“

Gegen die Ökonomisierung der Medizin
Mit Nachdruck wehrte sich Märker-Hermann gegen die Ökonomisierung der Medizin, die das Verhältnis zwischen Arzt und Patienten tiefgehend belaste. „Wir Ärztinnen und Ärzte wollen ein langjähriges und vertrauensvolles Verhältnis zu unseren Patienten aufbauen, stehen aber in der Klinik wie in der Praxis unter erheblichem und zunehmendem Druck.“ Einem Druck, dem mancher nicht mehr gewachsen sei.

„Die derzeitigen Vergütungs- und Erlössysteme bilden die beratende, betreuende, die menschliche Funktion des Arztes und das intensive Gespräch eben nicht ab, während technische Leistungen und kurze Verweildauern in den Krankenhäusern belohnt werden. Das hat zur Folge, dass Klinikverwaltungen von den angestellten Ärzten fordern, Patien­ten, die technische Leistungen benötigen und hohe Erlöse bringen, zu bevorzugen gegenüber Patienten, die multimorbide, chronisch krank, alt und stark versorgungs­bedürftig sind“, sagte Märker-Hermann.

Falsche Anreizsysteme nicht tolerieren
„Im Klartext bedeutet dies, dass Anreizsysteme zur reinen Fallzahlsteigerung oder zur Steigerung finanziell lohnender Eingriffe bei den Betroffenen berechtigte Zweifel an den lauteren Motiven des Behandlers aufkommen lassen. Die Ärzteschaft sollte falsche Anreizsysteme nicht tolerieren. Fallzahl-abhängige Bonuszahlungen für einen zur Beratung anstehenden Eingriff müssen zwangsläufig das Vertrauen der betroffenen Patienten in ihren Arzt belasten“ so Märker-Hermann.

Fallzahlabhängige Bonuszahlungen an Leitende Ärzte seien nur die Spitze des Eisbergs. Im Krankenhaus orientiere sich ein großer Teil der Zielvereinbarungen an komplexen wirtschaftlichen Vorgaben für die gesamte Abteilung, wie dem Case-Mix-Index beziehungsweise den Bewertungsrelationen.

„Wenn man solche Gedanken formuliert, gerät man sehr rasch in den Verdacht, man entziehe sich der ökonomischen Verantwortung im Klinikbereich. Die DGIM ist hingegen der Überzeugung, dass sich die Prinzipien ökonomischen Denkens und ärztlicher Fürsorge nicht ausschließen“ sagte Märker-Hermann. Als Beispiele nannte sie eine Verbesserung der Prozessabläufe und der Fehlerkultur, klinikinterne Strategien zur Vermeidung krankenhausassoziierter Infektionen sowie berufsgruppenübergreifende Fort- und Weiterbildung.

Auch Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery nahm in seinem Grußwort mit Verweis auf die jüngsten Unredlichkeiten in der Transplantationsmedizin Bezug auf die Themen Menschlichkeit und Verantwortung in der Medizin. Es sei verantwortungslos, unter dem Deckmantel der Menschlichkeit gültige Regeln der Organtransplantation zu brechen – vor allem, wenn man sie sich selbst gegeben hat.

„Das Ergebnis ist für uns Ärzte desaströs, weil aus dem Bruch der Verantwortung nicht mehr Menschlichkeit, sondern etwas sehr Unmenschliches entstanden ist. Denn wir können heute deutlich weniger Menschen durch ein Spenderorgan retten als noch vor einiger Zeit.“ © zyl/aerzteblatt.de

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kairoprax
am Montag, 8. April 2013, 15:06

Vertrauen oder Vertraulichkeit?

Elisabeth Märker-Hermann hat sicher keine Freud'sche Fehlleistung begangen, wenn sie von "Vertraulichkeit" sprach.
Möglicherweise sind die Vertraulichkeit und die Vertrautheit noch mehr die Basis unserer Arbeit als das Vertrauen.
Viel zu oft steht die Angst vor Regressen oder Anzeigen im Vordergrund. Dabei geht es in der Praxis meist garnicht darum, regelkonform, leitliniengerecht oder nur schulmedizinisch vorzugehen. Belastbar sind Patient-Arzt-Beziehungen im Gegenteil dann, wenn man sich gemeinsam auch auf abweichende Wege begeben kann.
Vertraulichkeit ist es, was insbesondere uns Hausärzte jahrelang oder sogar lebenslang mit unseren (Possessivpronomen!) Patienten verbindet.

Dr.Karlheinz Bayer
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