Politik

Entlass- und Case Management vor Ort: Drei Beispiele

Freitag, 12. April 2013

Berlin – Das Entlassmanagement gilt als ein Stiefkind in der Versorgung. Doch es gibt durchaus gute Ansätze. Das zeigte  der 8. Kongress für Gesundheitsnetzwerker am Mittwoch in Berlin. Seit dem Inkrafttreten des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes umfasst die Krankenhaus­behandlung auch „ein Entlassmanagement zur Lösung von Problemen beim Übergang in die Versorgung nach der Krankenhausbehandlung“.

Nicht alle Krankenhäuser haben jedoch bis heute funktionierende Strukturen aufgebaut. „Ich stehe in Kontakt mit zwölf Akutkliniken“, berichtete Johannes Röser, Teamleiter bei „PiA – Pflege im Anschluss“. „Und alle zwölf haben unterschiedliche Entlassmana­gementsysteme.“ Nach wie vor gebe es Blitzentlassungen, bei denen nichts vorbereitet worden sei, aber auch Entlassungen mit einer nahtlos anschließenden ambulanten Weiterbehandlung.

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Das Projekt „PiA“ ist die Servicestelle von 16 kirchlichen ambulanten Pflegediensten in der Region Freiburg. „Wir verstehen uns als Dienstleister für die ambulanten Pflegedienste und liefern ein kostenloses Beratungs- und Koordinationsangebot für Patienten und Angehörige“, sagte Röser. „PiA“ existiert seit 2002. „Vor zehn Jahren waren die Entlassungen aus dem Krankenhaus vielfach sehr ungeplant“, so Röser weiter. „Wir bekamen einen Anruf aus der Klinik, dass ein Patient am kommenden Tag entlassen wird. Erst beim ersten Hausbesuch hat der Pflegedienst gesehen, wie die soziale und psychische Situation des Patienten ist und welcher konkrete Bedarf besteht.“ Heute seien sie von Beginn an am Entlassprozess der Kliniken beteiligt.

„Wir haben, im besten Fall, einen festen Ansprechpartner in den Kliniken und erfahren, wann der Patient nach Hause entlassen werden soll, wie der aktuelle Unterstützungs­bedarf des Patienten ist und wann der erste Hausbesuch des ambulanten Pflegedienstes notwendig wird“, erklärte Röser. Er informiert in der Folge die Hausärzte über die Entlassung, spricht mit den Angehörigen und bestellt zum Beispiel Essen auf Rädern. Zugleich informiert er die Kliniken über das häusliche Umfeld und das soziale Netz der Patienten.

„Wir haben in den zehn Jahren gelernt, dass die Dialogbereitschaft auf beiden Seiten eine wichtige Voraussetzung ist und dass sich beide Seiten ernstnehmen müssen“, betonte Röser. Nur durch den ständigen Dialog habe sich manches verändern können.

Die KlinikumStadtSoest gGmbH hat vor drei Jahren begonnen, ihr Entlass­mana­gement umzustrukturieren. Zuvor gab es in dem kommunalen Krankenhaus einen Sozialdienst und eine Pflegeüberleitung, die getrennt voneinander gearbeitet hätten und bei denen nicht immer klar gewesen sei, wer was mache, berichtete Daniela Lenze, Projektleiterin „Aufnahme-, Betten- und Entlassmanagement“ des Klinikums. Nun gebe es ein Team Patientenkoordination, das die Bereiche Sozialberatung, Pflegeüberleitung und Entlassmanagement umfasse.

„Die Patientenkoordinatoren schauen sich jede Patientenakte an und entscheiden, bei wem ein Nachsorgebedarf besteht“, sagte Lenze. „Zudem nehmen sie an der Visite teil. Wenn ein Arzt einen Wunsch zur Nachsorge hat, kann er die Koordinatoren direkt darüber informieren.“ Wenn ein Patient wieder nach Hause entlassen worden ist, rufen die Entlassmanager darüber hinaus am nächsten Werktag an und fragen nach, ob er alles erhalten habe, was er brauche.

„Wir haben auch eine Zuweiserbefragung durchgeführt“, sagte Lenze. Bei jedem Fach­bereich hätten der jeweilige Chefarzt und ein Patientenkoordinator die Top-Ten-Zuweiser besucht und sie nach ihren Wünschen gefragt. Wichtig sei den Zuweisern dabei ein definierter Ansprechpartner gewesen. Zudem habe sich gezeigt, dass die übergroße Mehrheit lieber Faxe erhalten wolle als E-Mails.

„Heute informieren wir unsere Zuweiser am Vortag darüber, wenn ihr Patient aus dem Krankenhaus entlassen wird“, so Lenze. Umgekehrt riefen die Zuweiser im Krankenhaus an, wenn sie zum Beispiel einen Patienten eingewiesen hätten, der vielleicht nicht mehr nach Hause zurückkehren könne.

Im niedergelassenen Bereich wird das Case Management zunehmend von speziell ausgebildeten Medizinischen Fachangestellten (MFA) übernommen, die dadurch und durch die Übernahme delegierbarer Tätigkeiten insbesondere Hausärzte entlasten. Deutschlandweit gibt es, je nach Bundesland, verschiedene Modelle: die „Versor­gungsassistentin in der hausärztlichen Praxis“ (VERAH), die „Entlastende Versor­gungsAssistentin“ (EVA) oder das „Modell Niedersachsen“ (MoNi). In Brandenburg können sich MFA zu „agnes zwei“ fortbilden.

„In Zukunft wird es nicht mehr in jedem Ort einen Arzt geben“, sagte Lutz O. Freiberg, Geschäftsführer der ARGE Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg (IGiB), einem Joint Venture von Kassenärztlicher Vereinigung Brandenburg, AOK Nordost, Barmer GEK und seit kurzem auch der Techniker Krankenkasse. „Die, die da sind, müssen die Patienten versorgen, die da sind.“ Und das seien überwiegend multimorbide Kranke, deren Betreuungsaufwand sehr hoch sei. „Bei 1.800 Patienten pro Arzt wird es ohne eine Entlastung durch speziell ausgebildete MFA überhaupt nicht mehr gehen“, so Freiberg.  

Pro Jahr werden 30 „agnes zwei“ in Brandenburg ausgebildet. Sie arbeiten dann nicht ausschließlich bei Hausärzten, sondern zum Beispiel auch bei Dermatologen, Psychiatern oder Pädiatern. „Wir sehen den Bedarf nicht nur bei Hausärzten und haben deshalb einen übergreifenden Ansatz gewählt, der niemanden ausschließt“, erklärte Freiberg.

„Wir sind davon überzeugt, dass das Modell der richtige Ansatz ist, um die Versorgungsprobleme zu lösen und wollen es in die Regelversorgung bekommen“, fuhr er fort. „Es gibt in Deutschland viele Modelle zur Arztentlastung. Jetzt ist die Zeit, sich zusammenzusetzen und zu schauen, wo die jeweiligen Stärken liegen und welches der richtige Ansatz für die Regelversorgung ist.“ © fos/aerzteblatt.de

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H.-D. Falkenberg
am Samstag, 13. April 2013, 13:56

Entlass- und Case-Management vor Ort:...........

Dies ist der richtige Ansatz. Leider beziehen sich die Beispiele jedoch auf "normale" Patienten. Die großen Probleme bestehen insbesondere bei älteren Damen und Herren, die zudem ggf. demenziell erkrankt und/oder pflegebedürftig sind. Hier gilt es, allen medizinischen Berufen entsprechende Informationen zukommen zu lassen.
"Pflegefall, was nun?", welche Alternativen gibt es neben der vollstationären Versorgung, so z.B. ambulant betreute Wohngemeinschaften u.ä. Es ist notwendig und wichtig, den Betroffenen die Möglichkeiten auf zu zeigen und.....einen Überblick über die Kosten zu verschaffen (siehe auch Vortrag RehaCare 2009, 2011 und wahrscheinlich 2013).
screamner
am Freitag, 12. April 2013, 22:04

Schöne Worte

auf dem Papier. Etwas anderes habe ich im Klinikum Stadt Soest nicht erlebt. Ob man zu Hause klar kommt war völlig egal, das Bett musste frei werden und mehr nicht.
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