Medizin

Migräne: Gendefekt lenkt Verdacht auf Astrozyten

Donnerstag, 2. Mai 2013

San Francisco – US-Forscher haben erstmals einen Gendefekt entdeckt, der eine Migräne auslösen kann. Ihre Studie in Science Translational Medicine (2013; 5: 183ra56) rückt Astrozyten ins Zentrum des pathophysiologischen Geschehens. Astrozyten haben im Gehirn eine Stütz- und Nährfunktion. Auf die Neuronen, die allein für die Informati­onsübertragung zuständig sind, haben sie höchstens indirekt einen Einfluss. Mit den anfallsartigen Kopfschmerzen der Migräne, die oft nach einer Aura einsetzen, wurden Astrozyten bisher nicht in Verbindung gebracht. Astrozyten enthalten allerdings das Enzym Caseinkinase I delta, das über die Freisetzung von Kalzium eine Signalwirkung auf benachbarte Nervenzellen haben könnte.

Im Gen für die Caseinkinase I delta hat das Team um den Neurologen Louis Ptáček von der Universität von Kalifornien in San Francisco Mutationen gefunden, die die Funktion des Enzyms herabsetzen. Die Forscher hatten den Gendefekt bei der Untersuchung zweier Familien mit einer ungewöhnlichen Häufung von Migräne-Erkrankungen entdeckt. In beiden Familien war der Gendefekt klar mit der Erkrankung assoziiert.

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Um einen Zufall auszuschließen, wurden Mäuse mit dem defekten Gen ausgestattet. Diese erkrankten dann an einer Migräne. Die Forscher konnten die Tiere zwar nicht fragen, ob sie unter Kopfschmerzen leiden. Sie vermuten dies aber, da der Migräne-Trigger Nitroglyzerin bei den Tieren die Schmerzschwelle herabsetzte. Außerdem beobachteten sie bei den Tieren eine sogenannte kortikale Streudepolarisierung (Cortical Spreading Depression).

Es handelt sich um eine Erregungswelle, die im Okzipitallappen beginnt und sich langsam mit einer Geschwindigkeit von etwa 3 Millimeter pro Minute über das Gehirn ausbreitet. Sie gilt als neurologisches Substrat der Migräne-Aura. Als Ursache werden Fehlfunktionen von Ionenkanälen auf Nervenzellen diskutiert, die laut Ptáček durchaus eine Folge des entdeckten Enzymdefekts sein könnten. In Zellexperimenten kann der Neurologe zeigen, dass die in den Familien beobachtete Mutation in den Astrozyten die Kalziumsignale verstärkte.

Es ist zwar nicht gesagt, dass die bei zwei Familien gefundenen Defekte in irgendeiner Weise repräsentativ für die Migräne sind, an der 10 bis 20 Prozent aller Menschen im Verlauf des Lebens leiden. Die Studie bietet aber einen neuen Erklärungsansatz, der sicherlich von anderen Forschern aufgegriffen werden dürfte. © rme/aerzteblatt.de

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