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Antibiotika können Rückenschmerzen lindern

Mittwoch, 8. Mai 2013

Aarhus – Eine Besiedlung der Bandscheiben mit Aknebakterien könnte nach einer ungewöhnlichen Hypothese dänischer Wissenschaftler eine Ursache von chronischen Rückenschmerzen sein. Im European Spine Journal (2013; 22: 690-696) berichten sie, wie sie Bakterien im Nucleus pulposus prolabierter Bandscheiben gefunden haben. In einer randomisierten klinischen Studie (2013; 22: 697-707) kam es unter der Behandlung mit einem Breitbandantibiotikum zu einer deutlichen und anhaltenden Besserung der Beschwerden.

Verdächtig für eine bakterielle Besiedlung sind nach Ansicht von Claus Manniche, einem Wissenschaftler der Universität von Süddänemark in Middelfart, Patienten mit Veränderungen vom Typ-1 nach der Modic-Klassifikation. Die Modic-Klassifikation beschreibt Veränderungen der Wirbelkörper in der Nachbarschaft erkrankter Bandscheiben. Der Typ 1 (hypointens in T1, hyperintens in T2) zeigt ein Knochen­marködem an. Es wird laut Manniche bei 35 bis 40 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen gefunden.

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In ihrer ersten Studie haben die dänischen Forscher bei 61 Patienten bakteriologische Untersuchungen am Nucleus pulposus durchgeführt, der bei einer Bandscheiben­operation entfernt worden war. Die Entnahme erfolgte unter strengen antiseptischen Bedingungen, versichert Manniche. Bei 28 Patienten (46 Prozent) konnten Bakteriologen aus Birmingham Bakterien in den Kulturen nachweisen. Es handelte sich überwiegend um anaerobe Erreger. Der häufigste Keim war Propionibacterium acnes.

Bei 80 Prozent der Patienten, bei denen Anaerobier gefunden wurden, kam es nach der Operation zur Entwicklung von Typ 1-Veränderungen nach Modic. Sie wurden bei Patienten ohne Nachweis von Anaerobiern fünfmal seltener gefunden. Für Manniche sind Typ 1-Läsionen in der Kernspintomographie deshalb ein Hinweis auf eine Infektion der Bandscheiben.

In einer zweiten Studie wurden 162 Patienten mit Modic Typ 1-Läsionen, die nach Bandscheibenvorfall seit mindestens 6 Monaten an Rückenschmerzen gelitten hatten, auf eine Therapie mit einem Breitbandantibiotikum (Amoxicillin plus Clavulansäure) oder Placebo über 100 Tage randomisiert. Die Studie wurde laut Manniche doppelblind durchgeführt. Weder Untersucher noch Patienten wussten, wer ein Antibiotikum erhielt und wer Placebo.

Am Ende der hunderttägigen Antibiotikatherapie hatten sich die Beschwerden deutlich verbessert. Dies traf sowohl auf die Angaben im Roland Morris Disability Questionnaire zu, als auch auf die Bein- und Rückenschmerzen. Die Placebos hatten die Beschwerden nicht gelindert. Die Wirkung der Antibiotika hielt über die Dauer der Therapie hinaus an. Bei einer Nachuntersuchung nach einem Jahr ging es den Patienten immer noch deutlich besser als im Placebo-Arm.

Britische Experten zeigten sich gegenüber der Presse von den Ergebnissen beeindruckt. Peter Hamlyn vom University College London, ein prominenter britischer Wirbelsäulenchirurg, sprach sogar von einer Nobelpreis-würdigen Entdeckung. Wenn die Ergebnisse bestätigt würden, könnten demnächst vielleicht die Hälfte aller Operationen durch Antibiotikatherapien ersetzt werden.

Wie die Bakterien in die Bandscheiben gelangten ist unklar. Kurzzeitige Bakteriämien sind aber, beispielsweise nach dem Zähneputzen, nicht ungewöhnlich. Normalerweise werden die Erreger vom Immunsystem nach kurzer Zeit beseitigt. Die degenerative Wirbelsäulenerkrankung könnte jedoch dazu führen, dass die Bakterien in einem wenig bradytrophen Gewebe wie den Bandscheiben überleben und dort eine Entzündung verursachen.

Max Aebi vom Salem-Spital in Bern äußert sich in einem kurzen Editorial (2013; 22: 689) zurückhaltend. Der Wirbelsäulenchirurg fordert zunächst weitere Studien, in denen die Ergebnisse bestätigt werden müssten. Dies dürfte auch die Einschätzung der Fachgesellschaften sein, die die Studie der dänischen Forscher genauer unter die Lupe nehmen werden, bevor sie therapeutische Grundsätze ändern. © rme/aerzteblatt.de

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