7.834 News Medizin

Medizin

Vorsorgliche bilaterale Mastektomie: Individuelle Entscheidung

Mittwoch, 15. Mai 2013

Köln – Die US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich vorsorglich beide Brustdrüsen amputieren lassen, weil sie aufgrund einer genetischen Disposition ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Mamma- und/oder Ovarialkarzinoms hat. Damit gehört sie zu den Frauen, die Mutationen der hochpenetranten Gene BRCA1 und/oder BRCA2 aufweisen.

In Deutschland können sich Frauen in 15 universitären Zentren zu Fragen des familiären Brust- und Eierstockkrebs beraten lassen. Dazu gehört auch die Frauenklinik der Universität Köln.

5 Fragen an Priv-Doz. Dr. med. Kerstin Rhiem, Leitende Oberärztin am Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln

DÄ: In Deutschland werden betroffene Frauen an 15 spezialisierten Zentren für Familiären Brust- und Eierstockkrebs betreut. Wie viele Patientinnen werden dort beraten? Und wie hoch ist die Auffindungsrate von Genveränderungen?
Rhiem: Seit Gründung der Zentren im Jahre 1996 sind mehr als 28.000 Menschen beraten worden. Die durchschnittliche Auffindungsrate von Veränderungen in den beiden Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 in belasteten Familien beträgt circa 21 Prozent. Von allen Brustkrebspatientinnen tragen rund 5 Prozent eine BRCA-Mutation. Der weitaus größere Anteil der Brustkrebserkrankungen ist „sporadisch“ und ohne eine familiäre Häufung von Erkrankungen.

DÄ: Wurden die Einschlusskriterien für eine Gentestung in der letzten Zeit verändert? Wenn ja, auf Basis welcher Erkenntnisse?
Rhiem: Ja, in den 15 spezialisierten Zentren erhalten Ratsuchende ein Angebot zur Gentestung, wenn mindestens eins von insgesamt acht Einschlusskriterien erfüllt ist. Dann liegt die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer BRCA-Mutation bei 10 Prozent und mehr. Diese Kriterien berücksichtigen, dass mehrere, junge Frauen in der Familie an Brustkrebs beziehungsweise Frauen an Brust- UND Eierstockkrebs erkrankt sind. Die Auswertung unserer empirischen Mutationswahrscheinlichkeiten hat zur Überarbeitung der Einschlusskriterien geführt. So reicht es zum Beispiel aus, wenn ein Mann als einzige Person in der Familie an Brustkrebs erkrankt ist.

DÄ: Wie viele Patientinnen entscheiden sich für die intensivierte Früherkennung und wie viele für eine prophylaktische Entfernung des Brustdrüsengewebes und/oder der Eierstöcke?
Rhiem: Die Entscheidung, welche präventiven Maßnahme eine Mutationsträgerin in Anspruch nimmt, ist individuell ganz verschieden. Die intensivierte Früherkennung erkennt in 86 Prozent der Fälle Brustkrebs früh, das heißt in einem heilbaren Stadium. Diese stellt für viele Frauen eine Alternative zur prophylaktischen Brustdrüsenentfernung dar. Ziel der nicht-direktiven, interdisziplinären Beratung unter Einbezug von Psycho-Onkologen ist es, die Ratsuchenden in die Lage versetzen, eine selbstbestimmte informierte Entscheidung für beziehungsweise gegen eine prophylaktische Operation zu treffen. Die meisten Frauen, die sich für eine prophylaktische Operation entscheiden, sind bereits auf einer Seite an Brustkrebs erkrankt und möchten eine erneute Chemotherapie vermeiden.

DÄ: Inzwischen wurden weitere prädisponierende Gene für das Mamma- und Ovarialkarzinom identifiziert (zum Beispiel RAD51C). Wie weit ist man hinsichtlich ihrer klinischen Interpretation respektive der  Umsetzung in evidenzbasierte Betreuungskonzepte?
Rhiem: Für die Gene BRCA1/2-Gene konnte bereits gezeigt werden, dass genetisch definierte Subtypen unterschiedliche Erscheinungsbilder und Krankheitsverläufe aufweisen, die von unmittelbarer Bedeutung für die Diagnostik und Therapie sein können. RAD51C wurde 2010 identifiziert. Es liegt in circa 1.5 Prozent der belasteten Familien verändert vor und ist für eher mäßig differenzierte, hormonrezeptor-positive Mammakarzinome verantwortlich. Die Identifikation neuer Risikogene stellt uns in Zukunft mehr und mehr vor die Herausforderungen, den Phänotyp zu charakterisieren, mögliche genetische Interaktionen aufzudecken, die Erkrankungsrisiken zu bestimmen, die mit einer bestimmten Genvarianten einhergehen, und die Effektivität der zur Verfügung stehenden präventiven Maßnahmen in den genetisch definierten Subtypen zu verifizieren.

DÄ: Frauen mit Mutationen der Gene BRCA1 und/oder BRCA2 haben ja auch ein deutlich erhöhtes Risiko, ein Ovarialkarzinom zu entwickeln. Wie steht es in diesen Fällen mit der Früherkennung?
Rhiem: Für den Eierstockkrebs gibt es keine effiziente Früherkennungsmethode. Die prophylaktische Entfernung der Eierstöcke und Eileiter um das 40. Lebensjahr senkt das Eierstockkrebsrisiko auf 1 bis 2 Prozent und halbiert das Brustkrebsrisiko. © zyl/aerzteblatt.de

Drucken Versenden Teilen
7.834 News Medizin

Nachrichten zum Thema

16.05.13
Washington – In der Debatte um Angelina Jolies vorsorgliche Amputation beider Brustdrüsen aufgrund eines Risikogens rückt nun ein weiterer Aspekt in den internationalen Fokus: Der juristische Streit...
15.05.13
Ethik­rats-Vorsitzende kritisiert Angelina Jolie
Berlin – Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Christiane Woopen, beurteilt den öffentlichen Umgang der US-Schauspielerin Angelina Jolie mit ihrer präventiven Brustamputation skeptisch. Die...
14.05.13
Angelina Jolie: Vorsorgliche bilaterale Mastektomie
New York/Berlin – US-Schauspielerin Angelina Jolie (37) hat sich aus Angst vor einem Mammakarzinom beide Brustdrüsen amputieren lassen. Das schreibt der Hollywood-Star in einem Beitrag für die New...
08.05.13
Tamoxifen und Co.: Meta-Analyse bestätigt Brust­krebs-Prävention
London – Selektive Estrogenrezeptormodulatoren (SERM) wie Tamoxifen oder Raloxifen können einem Brustkrebs vorbeugen. Eine von der britischen Stiftung Cancer Research UK beauftragte Meta-Analyse...
03.05.13
Brustimplantate könnten Prognose bei Brustkrebs verschlechtern
Québec City – Kosmetische Brustimplantate können die Diagnose eines Mammakarzinoms erschweren. Nach einer Meta-Analyse im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2013;346:f2399) wird die Diagnose bei...
02.05.13
Köln – Lebensschützer haben strengere Regeln für Gendiagnostik-Tests in Deutschland gefordert. Die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) und die Christdemokraten für das Leben (CDL) appellierten heute an...
30.04.13
Ethikrat plädiert für neue Regelungen bei der genetischen Diagnostik
Berlin – Der Deutsche Ethikrat fordert eine Stärkung der Patientenrechte durch Maßnahmen zur verbesserten Information, Aufklärung und Beratung der Bevölkerung. Dazu seien angesichts eines immer...

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Mehr zum Thema


Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in