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Prozess um Mediator-Skandal in Frankreich wird wieder aufgenommen

Donnerstag, 16. Mai 2013

Paris – Es ist einer der größten Arzneimittelskandale in der Geschichte Frankreichs: Bis zu 2.000 Menschen starben an den Folgen des Diabetes-Medikaments Mediator, das als Mittel zum Abnehmen weit verbreitet war. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Unterbrechung des ersten Strafprozesses dazu wird am Dienstag in Nanterre bei Paris das Verfahren gegen den Chef von Frankreichs zweitgrößtem Pharmakonzern Servier, Jacques Servier, fortgesetzt. Mehr als 600 Nebenkläger hoffen auf eine Verurteilung der Schlüsselfigur des Skandals, in dem auch die Behörden nicht gut aussehen.  

Mehr als 30 Jahre lang wurde das von Servier hergestellte Medikament Mediator in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zunächst zur Senkung der Blutfettwerte und dann gegen Übergewicht bei Diabetespatienten gedacht, nutzten bald auch Nicht-Diabetiker das Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex zum Abnehmen.  

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Insgesamt sollen fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen haben, das zu einer Verdickung der Herzklappen führen kann. Laut Schätzungen starben zwischen 500 und 2.000 Menschen an den Folgen der Medikamenten-Einnahme, Tausende weitere mussten in Krankenhäusern behandelt werden.  

In dem Strafprozess in Nanterre müssen sich Konzernchef Servier und vier frühere Führungskräfte des Pharmariesen wegen schweren Betrugs verantworten.

Sie sollen die gefährlichen Nebenwirkungen des Medikaments gekannt und verheimlicht haben. Der inzwischen 91-jährige Servier sorgte erst vor wenigen Tagen für Empörung: Als ihn ein Kamerateam des Senders BFMTV in der Nähe seines Hauses auf der Straße überraschte und auf den Prozess ansprach, antwortete er unwirsch: „Uns ist der Prozess schnurzegal.“  

Der Pharmakonzern beeilte sich zu versichern, die Äußerungen spiegelten „selbstverständlich weder die Haltung der Unternehmensgruppe Servier noch die persönlichen Gefühle von Herrn Servier wider“. Der 91-Jährige habe beim plötzlichen Erscheinen des Kamerateams „Angst“ gehabt und entschuldige sich.  

Bei den Mediator-Opfern aber war die Empörung groß: Anwalt Charles Joseph-Oudin, der etwa hundert Betroffene vor Gericht vertritt, sagte, die Äußerungen zeigten Serviers „Geringschätzung der Opfer“ und seine Haltung, jegliche Verantwortung zu leugnen.  

Die Empörung der Betroffenen erhielt immer neue Nahrung: Nach einem Antrag des Pharmachefs wurde der im Mai 2012 aufgenommene Prozess nach wenigen Tagen ausgesetzt und kann nun erst nach einem ganzen Jahr Unterbrechung fortgeführt werden. Serviers Anwälte hatten die Verfassungsmäßigkeit des Verfahrens in Zweifel gezogen. Im August wies Frankreichs Oberster Gerichtshof den Antrag aber zurück und machte damit den Weg frei für eine Fortsetzung des Verfahrens.  

Servier hatte das Gerichtsverfahren in Nanterre angefochten, weil gegen ihn parallel zu dem Prozess auch Pariser Untersuchungsrichter ermitteln. Zur Doppelung kam es, weil die Mediator-Opfer über einen vereinfachten Verfahrensweg einen raschen Prozess anstrengten, bei dem keine Ermittlungen von Staatsanwälten oder Untersuchungsrichtern notwendig sind. Die Pariser Untersuchungsrichter ermitteln gegen Servier inzwischen nicht mehr nur wegen Betrugs und Täuschung, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung.  

Unter Beschuss geraten ist auch die französische Arzneimittelaufsicht. Denn in Spanien und Italien wurde Mediator schon 2003 und 2004 vom Markt genommen, in Deutschland erhielt das Medikament nie eine Zulassung. Eine französische Kontrollbehörde attestierte der Arzneimittelaufsicht 2011 „schweres Versagen“, demnach gab es bereits Mitte der 90er Jahre Hinweise auf die Gefährlichkeit des Wirkstoffs Benfluorex. Seit Dezember läuft auch gegen die Arzneimittelaufsicht ANSM ein formelles Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung. © afp/aerzteblatt.de

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