Medizin

SIDS: Neue Kontroverse um das Bedsharing

Dienstag, 21. Mai 2013

London – Vielen Müttern fällt es leichter, ihr Kind zu stillen, wenn der Säugling nachts neben ihnen im Bett schläft. Nach einer Meta-Analyse in BMJ Open (2013; doi: 10.1136/bmjopen-2012-002299) ist dieses Bedsharing ein erheblicher Risikofaktor für einen plötzlichen Kindstod (SIDS) – selbst bei gesundheitsbewussten Eltern, die andere SIDS-Risiken meiden. Die britische UNICEF-Sektion befürchtet, dass von der Studie ein falsches Signal ausgehen könnte.

Das Bedsharing gehört zu den bekannten SIDS-Risikofaktoren, umstritten ist allerdings, ob es ein unabhängiger Risikofaktor ist oder ein Marker für andere bekannte SIDS-Risiken. Bei vielen Kindern, die tot im Bett der Mutter oder beiden Eltern gefunden werden, finden sich auch andere Erklärungen wie Rauchen, Alkohol- oder Drogen­konsum.

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Der Statistiker Robert Carpenter von der London School of Hygiene & Tropical Medicine kommt jetzt aber in einer Meta-Analyse zum Ergebnis, dass das Bedsharing auch dann eine Gefahr darstellt, wenn die Mütter gesundheitsbewusst leben und alle anderen SIDS-Risikofaktoren meiden. Für den Krippentod in den ersten drei Lebensmonaten ermittelt Carpenter sogar ein fünffach erhöhtes Risiko, wenn beide Eltern nicht geraucht haben (Odds Ratio 5,1 (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,3-11,4).

In dieser Gruppe gehen laut den Berechnungen von Carpenter 81 Prozent aller SIDS auf den Faktor Bedsharing zurück. Von den 300 SIDS-Fällen in Großbritannien könnten 120 vermieden werden, wenn die gesundheitsbewussten Mütter die Kinder nach dem Stillen wieder in ein eigenes Bettchen legen würden, behauptet der Statistiker, der sich insgesamt auf 1.472 SIDS-Fälle berufen kann, denen er 4.679 Kontrollen gegen­überstellte.

Während der britische Lullaby Trust, eine Stiftung, die sich die Vermeidung von SIDS auf die Fahne geschrieben hat, die Studie begrüßt, überwiegt bei UNICEF-UK die Befürch­tung, dass einige Mütter angesichts dieser Ergebnisse auf das Stillen verzichten könnten, womit das Kind mit dem Bade ausgeschüttet würde. In einer ersten Stellungnahme versucht UNICEF-UK, die Zahlen von Carpenter zu relativieren.

Sie verweist auf eine andere Zahl in der Studie, die für alle Kinder (nicht nur jene in den ersten 3 Lebensmonaten) eine Odds Ratio von 2,7 ermittelt hat, die möglicherweise nicht einmal signifikant sei (woran bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,4 bis 5,3 allerdings kaum zu zweifeln ist).

Carpenter hätte nach Ansicht von UNICEF-UK besser daran getan, sich mit anderen wesentlich bedeutsameren SIDS-Risiken zu befassen. Carpenter dürfte hier entgegnen, dass es durch die Aufklärung in den letzten Jahrzehnten gelungen sei, den Einfluss dieser Risikofaktoren zu senken und dass es jetzt darauf ankomme, die übrig gebliebenen Faktoren anzugehen. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 22. Mai 2013, 15:44

Fall-Kontrollstudien geben Hinweise, keine Fakten

Ein Teil des Rätsels Lösung findet sich in der Zusammenfassung der oben referierten, r e t r o s p e k t i v e n Fall-Kontroll-Studie: "Conclusions - Bed sharing for sleep when the parents do not smoke or take alcohol or drugs increases the risk of SIDS. Risks associated with bed sharing are greatly increased when combined with parental smoking, maternal alcohol consumption and/or drug use. A substantial reduction of SIDS rates could be achieved if parents avoided bed sharing."

Wenn Eltern Raucher sind, die Mutter des Säuglings Alkohol und/oder Drogen konsumiert bzw. z u s ä t z l i c h das Kind m i t im Bett der Mutter schläft, ist das SIDS-Risiko s t a r k erhöht. Wenn bei der nachträglichen Befragung nach einem SIDS-Fall diese Risikofaktoren alle n i c h t vorliegen, gibt es auf Seiten der Eltern einen verständlichen Mechanismus, der den plötzlichen Tod des Säuglings ("sudden infant death syndrome") irgendwie plausibel erklärbar machen soll. Diese Eltern werden sich viel häufiger daran erinnern, dass ihr jetzt totes Kind zur Erleichterung des nächtlichen Stillens gemeinsam im Bett der Mutter (und des Vaters) gelegen hat. Eine wie auch immer geartete Vergleichsgruppe mit weiter gut gedeihenden Kindern wird sich nicht mal konkret erinnern wollen oder können, ob ihr Säugling jemals mit im Bett der Eltern geschlafen hat.

In der empirischen Sozialforschung ist das "social desirability", die soziale Erwünschtheit von Antworten - ein Phänomen, das viele Studienergebnisse verfälscht. Die hier publizierte Schlussfolgerung ist mit einem einfachen Vergleich unlogisch: Weil Rauchen, Alkohol und/oder Drogen konsumieren das Autofahren sehr gefährlich werden lässt, würde man beim F e h l e n dieser Risiken doch nicht von jeglichem Autofahren abraten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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