Medizin

Autisten zu SAP: „Eine besondere Chance für die Patienten“

Donnerstag, 23. Mai 2013

Köln – 650 Autisten möchte der Softwarekonzern SAP in den kommenden sieben Jahren einstellen. Sie sollen Module von Computerprogrammen entwickeln und testen. Das Deutsche Ärzteblatt fragte den Psychiater und Autismusforscher Kai Vogeley von der Uniklinik Köln, was das für die Patienten bedeutet und unter welchen Bedingungen das Vorhaben gelingen kann.

5 Fragen an Kai Vogeley, Leitender Oberarzt am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Köln

DÄ: Autisten als Software-Experten in einem Großunternehmen – macht das Sinn?
Vogeley: Das macht nicht nur Sinn, es ist eine glänzende Idee und eine große Chance für die Patienten. Sie haben ansonsten große Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Ein solches Vorhaben hat Modell­charakter.

DÄ: Die Patientengruppe der Autisten ist ja heterogen. Wer kommt für SAP infrage?
Vogeley: Selbstverständlich erst einmal diejenigen, die sich für IT interessieren und eine bestimmte, zumindest mittlere Intelligenz mitbringen. Grundsätzlich kommt Software­architektur autistischen Patienten entgegen, weil es dabei um regelgeleitete und vorhersagbare Prozesse geht. Dagegen fallen soziale Interaktionen und Kommunikation den betroffenen Patienten schwer.

Modellcharakter könnte das Projekt haben, weil wir mehr darüber lernen können, wie wir Autisten im Arbeitsleben einbinden und unterstützen können.

DÄ: Erwarten Sie einen therapeutischen Effekt für die Patienten?
Vogeley: Nein, so würde ich das im engen Sinn nicht nennen, weil die Kernsymptome als nicht heilbar gelten. Aber eine „Erweiterung des Verhaltensrepertoires“ wie es Helmut Remschmidt und Inge Kamp-Becker einmal ausgedrückt haben, ist durchaus möglich und wünschenswert. Sie müssen in der Firma ja nicht nur Software-Algorithmen bear­beiten, sondern auch mit Kollegen reden, sich abstimmen, zu Mittag essen und so fort. Alles Dinge, die ihnen schwerfallen. Wenn sie das bewältigen, steigt das Selbstwert­gefühl – sicher auch durch das selbstverdiente Geld und die erworbene Eigen­ständigkeit. Es braucht aber Voraussetzungen, damit das gelingen kann.

DÄ: Welchen Rahmen halten sie für nötig?
Vogeley: Wichtig ist zunächst eine gute Eignungsdiagnostik. Es ist entscheidend, genau auszuwählen, wer die Aufgaben in der Firma wirklich bewältigen kann – auch fachlich. Außerdem braucht es Schulungen für die übrigen Mitarbeiter. Sie müssen verstehen, mit welchen Problemen ihre neuen Kollegen zu kämpfen haben und sich darauf einstellen können.

DÄ: Braucht es eine ärztliche Begleitung?
Vogeley: Die Patienten brauchen in meiner Einschätzung eine persönliche Betreuung auf zwei Ebenen: Nötig sind einmal Jobcoaches oder Arbeitstrainer, die in der Lage sind, konkrete Schwierigkeiten im Arbeitsalltag konkret aufzulösen. Das können auch Psycho­logen oder Sozialarbeiter sein. Außerdem brauchen die Patienten eine psychiatrische Betreuung, um die möglichen Belastungssituationen am Arbeitsplatz zu begleiten und um Begleiterkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Viele Autisten leiden zum Beispiel zusätzlich unter Depressionen. © hil/aerzteblatt.de

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Andreas Skrziepietz
am Freitag, 24. Mai 2013, 12:59

Eine glänzende Idee

denn Autisten interessieren sich bestimmt nicht für Geld und arbeiten deshalb fast zum Nulltarif. Vielleicht sollten Chefärzte auch mehr Autisten einstellen, es wäre eine große Chance für junge autistische mediziner
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