Ausland

China will auf Organe von Hingerichteten verzichten

Donnerstag, 30. Mai 2013

Peking – Mit dem Aufbau eines nationalen Organspendesystems will China von der höchst umstrittenen Praxis wegkommen, Organe hingerichteter Straftäter für Trans­plantationen zu nutzen. „Mit den Fortschritten, die wir machen, werden wir in zwei Jahren die große Abhängigkeit von Organen exekutierter Häftlinge beseitigen“, sagt Huang Jiefu, der bisher als Vizegesundheitsminister federführend das neue Organverteilungs­verfahren vorangetrieben hat. Es folgt modernen westlichen Vorbildern. „China ist entschlossen, die Nutzung von Organen von Kriminellen abzuschaffen“, sagte der in Australien studierte Chirurg. Überhaupt werde sein Land mit weiterer Entwicklung langfristig die Todesstrafe abschaffen, ist Huang Jiefu überzeugt.

Aber China steckt in einem Dilemma. Die Spendenbereitschaft im Milliardenvolk ist vergleichsweise gering. Die Zahl der Organspenden durch Hingerichtete geht zurück. Einerseits wird strenger kontrolliert, ob ein Todeskandidat – wie rechtlich gefordert – wirklich freiwillig seine Organe spenden will und zusätzlich seine Familie einverstanden ist. Andererseits hat sich die Zahl der Hingerichteten durch strengere Berufungsverfahren auf schätzungsweise 3.000 im vergangenen Jahr mehr als halbiert – auch wenn China weiter mehr Menschen hinrichtet als der Rest der Welt zusammen. Zusätzlich wird illegaler Organhandel schärfer bekämpft als zuvor.

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Als Folge gibt es allerdings viel zu wenig Organe. So stirbt „die große Mehrheit“ der schätzungsweise 300.000 Patienten, weil sie vergeblich auf eine Transplantation warten, wie Huang Jiefu sagt. Auf jedes verfügbare Spenderorgan kommen – bei gegenwärtig 10. 000 Transplantationen im Jahr – rein rechnerisch 30 Patienten. Zwar ist häufig auch von 1,5 Millionen wartenden Patienten in China die Rede, doch erklären die Experten des Gesundheitsministeriums, dass hier beispielsweise alle Dialyse-Patienten und auch solche mitgerechnet werden, die gar nicht für eine Transplantation geeignet seien.

„Ersatzteil-Lieferanten“ ethisch nicht tragbar
Im vergangenen Jahr stammte mehr als die Hälfte der 5.846 transplantierten Nieren von Hingerichteten – und bei den 2.026 Lebertransplantationen waren es drei Viertel, wie aus Zahlen des Gesundheitsministeriums hervorgeht. Dass exekutierte Verbrecher derart als „Ersatzteil-Lieferanten“ für Patienten dienen, stößt schon lange auf empörte Kritik: Eine „unethische und nicht aufrecht zu erhaltende“ Praxis nennt es auch Wang Haibo, seit 2011 Direktor des neuen Koordinationszentrums, das in Shenzhen in Südchina mit Hilfe der Universität Hongkong das neue Verteilungsnetzwerk aufbaut. „Das Transplantationssystem eines Landes kann sich nicht auf Straftäter stützen. Das hat China sehr deutlich gemacht.“

„Aus akademischer und persönlicher Sicht war ich immer der Ansicht, dass wir nicht Organe Hingerichteter benutzen sollten“, sagt Wang Haibo, der seit 2004 als Mitglied der medizinischen Fakultät der Universität Hongkong an Registrierungsverfahren für Leberspenden gearbeitet hat.

Er zitiert Experten der internationalen Transplantationsgesellschaft (TTS), dass Straftäter kurz vor der Exekution „keinen freien Willen haben, um zu spenden“. Natürlich hätten sie das Recht zu spenden. „Aber auf Systemebene sind wir besorgt, dass es Missbrauch gibt“, sagt Wang Haibo. „Wie können wir sicher sein, dass seine Bereitschaft zur Organspende echt ist?“

Alternative Organspendenetz
So gebe es nur eine Alternative: Ein Organspendenetz aufbauen, um die alte Praxis zu ersetzen. Das neue Verteilungssystem müsse „offen, transparent und gerecht“ sein, um die Spendenbereitschaft im Volk zu verbessern, sagt Wang Haibo. Es müsse Vertrauen schaffen, dass es weder Korruption noch Missbrauch gebe. Zusätzlich müssten kulturelle Hindernisse überwunden werden. Viele Chinesen sind überzeugt, dass ihr Körper unversehrt mit allen Organen ins Jenseits gehen müsse.

Auch müssen in China immer auch die Familie und ihr Oberhaupt zustimmen. Doch zeigen Umfragen des Gesundheitsministeriums, dass 70 Prozent der jungen Leute kein Problem mit Organspenden haben. Wang Haibo ist daher überzeugt, dass nicht die Einstellung der Chinesen veraltet ist, sondern es die bisherigen Organspendemethoden sind. © dpa/aerzteblatt.de

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