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Umgang mit älteren Patienten: Zeit immer wichtiger

Donnerstag, 6. Juni 2013

Berlin – Zeit hat in der Medizin durchaus eine ethische Dimension. Das zeigte sich zum Auftakt des „Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit 2013“ in Berlin in einer Diskussionsrunde, in der es um „Ethik und Ökonomie: Würde des Patienten – Lebensqualität am Ende des Lebens“, gehen sollte. Es ging aber nicht um Apparatemedizin, Patientenverfügung oder Euthanasie, sondern schlicht um Zeit.

Ältere Patienten begreifen langsamer, verstehen möglicherweise schlechter und sind nicht so behende, wenn sie sich ausziehen müssen; schon einfache Verrichtungen dauern im Alter länger, so der Medizinethiker Thomas Heinemann aus Vallendar, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Diese Zeit ist im Gesundheitssystem aber nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Mit der Abrechnung nach diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRGs) werde gerade derjenige besser vergütet, der weniger Zeit für den Patienten braucht. „Die DRGs haben den Zeitfaktor verändert“, so Heinemann.

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Ansehensverlust durch Zeitdruck
Für ihn hat dies allerdings nicht nur mögliche „diskriminierende“ Auswirkungen auf Patienten, sondern auch auf den behandelnden Mediziner. „Der Arztberuf verliert seinen Kern“, so der Philosoph, nämlich den Fürsorgegedanken. Im hohen Zeitdruck sieht er einen Grund für den Ansehensverlust des Heilberufs. Nach seinen Erkenntnissen wechseln manche Mediziner wegen des Praxisschocks schon nach wenigen Monaten den Beruf. Heinemann verlangte, das System der DRGs nachzujustieren.

Für die Pflegedirektorin des Berliner Charite-Universitätsklinikums, Hedwig Francois-Kettner, setzen die DRGs falsche Anreize. Die „Fallgruppenabrechnung“ müsse grundsätzlich überdacht werden. Leider habe nie eine Bewertung stattgefunden, obwohl der Gesetzgeber dies bei der Einführung vorgesehen habe. Gleich mehrere Vertreter von Pflegeeinrichtungen kritisierten ferner einen unverhältnismäßigen Zeitaufwand durch Dokumentation und Bürokratie. Nicht zuletzt die umfangreichen Prüfungen beanspruchten Zeit, die dann für die Patienten fehle.

Zuwendungsorientierte Medizin vernachlässigt
Allerdings sind Abrechnungsmodus und Bürokratie offenbar nicht ursächlich, sondern verstärken nur eine bestimmte Mentalität, die eine handlungsorientierte Medizin höher schätzt als eine zuwendungsorientierte. So berichtete eine Pflegerin, dass Ärzte und Kollegen ein längeres Gespräch mit einem Patienten im Praxisalltag kritisch beäugten. Nötig sei deshalb eine grundsätzliche Diskussion über die Prioritäten in der Medizin.

Der Ulmer Gesundheitsökonom Franz Porzsolt sprach von einer gesellschaftlichen „Zurichtung des Alters“, das sich an den Bedürfnissen des Systems orientiere: von der Verschiebung des Renteneintrittsalters bis zur Organisation des Gesundheitswesens.

Demgegenüber müsse der Patient wieder in den Mittelpunkt rücken. Im Widerspruch zu den Erwartungen verlief auch die Diskussion über mögliche Lösungen, denn keiner der Teilnehmer verlangte in erster Linie mehr Geld. Und alle waren sich durchaus bewusst, dass im Gesundheitswesen Zeit auch Geld ist. Porzsolt regte systematische Umschichtungen im System an. So hat Deutschland etwa nach Angaben von Francois-Kettner weltweit am meisten teure Intensivbetten, andere erwähnten den hohen Finanzbedarf durch Kontrollsysteme.

Immerhin meinten bei der Eröffnungsveranstaltung rund 60 Prozent der Anwesenden, dass es noch Verschwendung im Gesundheitswesen gebe. © kna/aerzteblatt.de

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