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„Polypharmazie ist riskant, wenn kein Arzt einen Überblick über alle Verordnungen hat“

Montag, 17. Juni 2013

Berlin – „Das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit ist eine echte Erfolgsgeschichte“, sagte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, auf dem „Deutschen Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie“, der zum vierten Mal von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft veranstaltet wurde. „Wir haben das Thema herausgeholt aus der Schmuddelecke.“ Denn Patientensicherheit und Kunstfehler seien in Deutschland keine Tabuthemen mehr.

Dennoch reichten die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht aus. Zum Beispiel bedürfe es eines Registers von Arzneimitteln, die am Menschen erforscht werden. Zudem bräuchten Ärzte und andere Gesundheitsberufe mehr Know-how. „Wir müssen mehr in die Fort­bildung von Ärzten und Apothekern investieren“, forderte Jonitz. „Krankenkassen sind zwar bereit, Geld für neue Arzneimittel bereitzustellen, aber nicht für die Schulung von Ärzten.“

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„Das Problem bei der Arzneimittelsicherheit ist bekannt“, führte der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Josef Hecken, aus. Das Kernproblem sei, „dass wir es nicht mit einem Fehlverhalten einzelner zu tun haben, sondern, dass unterschiedliche Akteure in den allermeisten Fällen nur nach dem Prinzip Zufall flächendeckende Informationen darüber erhalten, was andere Leistungserbringer in ihren Professionen verordnet haben“.

Die Knappschaft-Bahn-See hat für ihre 1,7 Millionen Versicherten untersucht, wie viele unterschiedliche Ärzte diese konsultieren. „170.000 unserer Versicherten gehen in jedem Jahr zu zehn oder mehr verschiedenen Ärzten“, sagte der Erste Direktor der Kranken­kasse, Georg Greve. Dabei wisse der eine Arzt nicht, was der andere verordne. Und das sei auch eine Kostenfrage.

 „Es ist im Wesentlichen so, dass die Kosten nicht von der Krankheit abhängen, sondern von der Anzahl der Ärzte, zu denen ein Patient geht“, sagte Greve. Zudem führten die freie Arztwahl und die Therapiefreiheit bei nicht vorhandener Transparenz zu gefähr­lichen Interaktionen. Greve plädierte deshalb für eine elektronische Patientenakte, die jedem Arzt zur Verfügung stehe.

„In jeder Polypharmazie liegt ein bestimmtes Risiko, wenn es keinen Arzt gibt, der einen Überblick über die gesamten Verordnungen hat und wenn niemand an die möglichen Interaktionen der verordneten Arzneimittel denkt“, befand auch Petra Thürmann, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Vor einigen Tagen hatte die Barmer GEK ihren Arzneimittelreport 2013 vorgestellt. Ergebnis war unter anderem, dass jeder Versicherte über 65 Jahren im Durchschnitt 7,3 Wirkstoffe pro Tag verordnet bekommen hat.

Auf dem Kongress wurde auch der neue „Aktionsplan 2013 – 2015 zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland“ des Bundesgesundheitsministeriums vorgestellt. Er schließt an zwei vorhergegangene Aktionspläne aus den Jahren 2008/2009 und 2010 bis 2012 an.

Der neue Plan sieht unter anderem vor, dass bis 2015 Handlungsempfehlungen für Arzneimittel mit einem hohen Anwendungsrisiko erstellt werden sollen, zum Beispiel für Vinca-Alkaloide, Opioide, Benzodiazepine oder für Arzneimittel, die für den Einsatz bei Kinder insbesondere im stationären Bereich bestimmt sind. Zudem sollen weitere Lösungsansätze zur Vermeidung von Verwechslungen bei bereits identifizierten Sound- und Look-Alikes von Arzneimitteln erarbeitet werden. Dieses Thema war bereits im zweiten Aktionsplan aufgegriffen worden.

Erarbeitet werden soll zudem ein Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Anwendungssicherheit von Arzneimitteln durch eine geeignete Packungsgestaltung sowie Handlungsempfehlungen für eine Medikationsanamnese und eine Medikationsüberprüfung. © fos/aerzteblatt.de

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