Politik

NS-Euthanasie: Gedenkort gleich neben der Berliner Philharmonie

Dienstag, 9. Juli 2013

Berlin – An der Tiergartenstraße 4 in Berlin wird ein Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde entstehen. Genau an der Stelle jener arisierten Villa, in der von April 1940 bis August 1941 der Krankenmord in Gaskammern zentral organisiert wurde. Dieser „Aktion T4“ fielen mehr als 70.000 Patienten zum Opfer. Die „Euthanasie“ wurde bis 1945 dezentral mittels Medikamenten und Verhungernlassen fortgesetzt. Insgesamt kamen mindestens 300.000 Menschen durch „Euthanasie“ um. Bisher erinnert daran eine in den Boden eingelassene Gedenktafel. Sie ist privater Initiative (vor allem des Historikers Dr. Götz Aly) zu verdanken.

Wenn die Terminplanung des Berliner Senats aufgeht, könnte der neue Gedenk- und Informationsort bis September 2014 stehen. Den „Bauauftakt“ setzten am 8. Juni 2013 Kulturstaatsminister Bernd Neumann und die Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat.

Anzeige

An dem Vorhaben sind derart viele beteiligt, dass seine sich abzeichnende  Realisierung schon ans Wunderbare grenzt. Aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundes­tages finanziert die Bundesregierung  den Gedenkort mit 500.000 Euro, das Land Berlin stellt das Grundstück, soweit es nicht von der Philharmonie überbaut ist. Die (in dieser Sache sehr verdienstvolle) Berliner Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten, angesiedelt beim Regierenden Bürgermeister, hatte auch den Gestaltungswettbewerb auf den Weg gebracht, den im November 2012 die Architektin Ursula Wilms und die Landschaftsgestalter Nikolaus Kolusius und Heinz W. Hallmann gewannen.

Deren Entwurf wird realisiert. Die Informationstexte erarbeitet eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projektgruppe am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München um den Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf. Die Betreuung des Gedenkortes soll bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas liegen, folgt man Staatsminister Neumann, offenbar gemeinsam mit der Stiftung Topographie des Terrors. Auf Nachfrage der Redaktion versicherten beide Stiftungen, man sei immer miteinander im Gespräch.

Das Projekt „Gedenkort“ zeigt im übrigen, was  bürgerschaftliches Engagement, ja das hartnäckige Bohren eines Einzigen, hier Sigrid Falkenstein (Berlin), zu bewirken vermag. Mit Gleichgesinnten organisierte sie einen Runden Tisch der Beteiligten. Andere aus dem Netzwerk installierten einen virtuellen Gedenkort im Internet oder vorläufige Infotafeln am „Ort der Tat“ (Details unter www.sigrid-falkenstein.de). Beim „Bauauftakt“ dankte Falkenstein zwar Bund und Land, mahnte aber zugleich, dass ein Gedenkort unterhalten und gepflegt werden müsse; bisher sei nicht geklärt, wer die Kosten übernehme. Stoff für weitere Rund-Tisch-Gespräche.

Die „Topographie“ entwickelt parallel und unabhängig vom Gedenkort T4 zusammen mit der DG für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik  und Nervenheilkunde eine (Wander-) Ausstellung zur „Euthanasie“ und deren Hintergründen. Die Initiative geht wesentlich auf den Aachener Psychiater Frank Schneider zurück. Schneider hatte sich als Präsident der DGPPN nachdrücklich für die Aufarbeitung der NS-Zeit seines Faches eingesetzt. Als Termin für diese Ausstellung wird Januar 2014 genannt. © NJ/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

07.11.16
Berlin – Wissenschaftliche Arbeiten, die die Geschichte der Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten, können nun wieder prämiert werden. Für das Jahr 2017 haben......
31.10.16
Berlin – Die Aufarbeitung der Medizinverbrechen zu Zeiten des Nationalsozialismus ist nach Ansicht von Historiker Dominik Groß noch lange nicht abgeschlossen. „Mit jeder Antwort stellen sich neue......
29.01.14
Berlin – Am 27. Januar eröffnete Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD), vielen Ärzten noch als Bundesgesundheitsministerin im Gedächtnis, in Berlin die von der Deutschen Gesellschaft für......
15.11.13
Forschungspreis „Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus“ verliehen
Berlin – Heute wurde im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin der Forschungspreis zur „Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus“ verliehen. Der Preis wurde zum vierten Mal......
31.10.12
Berlin – Einen neuen gemeinsamen Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus haben die Bundesärztekammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und das......
17.08.12
Brandenburg/Havel – Eine „aktive Gedenkstätte“ für Euthanasiemorde der Nationalsozialisten gibt es jetzt auch in der Stadt Brandenburg/Havel. Heute wurde das Museum eröffnet, das auch ein umfassendes......
23.05.12
Ärztetag bedauert Unrechtstaten der NS-Medizin
Nürnberg – Die Delegierten des Deutschen Ärztetags haben in Form einer "Nürnberger Erklärung" einstimmig zu den Menschenrechtsverletzungen und Untaten der Medizin zu Zeiten des Nationalsozialismus......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige