Medizin

Paradox: Weniger Demenzen trotz demografischem Wandels

Mittwoch, 17. Juli 2013

Cambridge/Kopenhagen – Zwei aktuelle Studien widersprechen allen Vorhersagen von einer steigenden Zahl von Demenzerkrankungen als unausweichliche Folge der Altersentwicklung in westlichen Ländern. Nach der ersten Studie haben sich die kognitiven Fähigkeiten von über 90-Jährigen im letzten Jahrzehnt gebessert. Laut der zweiten Studie gibt es in England derzeit ein Viertel weniger Demenzkranke als aufgrund der demografischen Entwicklung der letzten 20 Jahre zu erwarten gewesen wäre.

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Praktisch alle Zukunftsforscher haben in den letzten Jahren eine Zunahme der Demenzkranken vorhergesagt. In Deutschland soll die Zahl bis 2030 von derzeit 1,4 Millionen auf 2,2 Millionen steigen, verkündete im Mai das Gesundheitsministerium, das eine Zukunftswerkstatt Demenz sponsert und  Reformen der Pflegeversicherung angeht.

Das Rostocker Zentrum für Demografischen Wandel geht für 2050 sogar von 3,5 Millionen Demenzkranken aus. Auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat die Überalterung der Gesellschaft im Fokus. Das Zukunftsforum Demenz des Pharmaherstellers Merz sieht schon heute eine deutliche Unter- und Fehlversorgung der Demenzkranken.

Die Medienberichte der letzten Jahre lassen keinen Zweifel daran, dass die Zahl der Demenzkranken steigen wird. Den Berechnungen liegen einfache biologische Überlegungen zugrunde. Danach steigt die Prävalenz der Alzheimer-Erkrankungen mit zunehmendem Lebensalter, und da es weder eine Prävention noch eine effektive Therapie gibt, die den Verlauf der Erkrankung ändert, muss dies zwangsläufig zu einer Zunahme von Demenzkranken kommen.

Dass die Thinktanks und Politikberater ihre Szenarien möglicherweise überdenken müssen, zeigte in der letzten Woche eine Untersuchung von Kaare Christensen vom Dänischen Institut für Altersforschung in Odense im Lancet (2013; doi: 10.1016/S0140-6736(13)60777-1). Christensen verglich dort zwei Kohorten von Dänen der Jahrgänge 1905 und 1915, die ungefähr im gleichen Lebensalter – die erste Kohorte war 93 und die zweite 95 Jahre alt – den gleichen Tests unterzogen wurden.

Zur Überraschung stellte der Altersforscher fest, dass der Anteil der Senioren mit einer Demenz in einem Zeitraum von zwölf Jahren von 22 auf 17 Prozent zurückgegangen war. Der Anteil mit leichten kognitiven Einschränkungen war von 25 auf 23 Prozent gesunken. Immer mehr Senioren, so das Ergebnis, sind im Alter von über 90 Jahren geistig rege und ohne jeglichen Hinweis auf eine Demenz. Dank der verbesserten mentalen Fähigkeiten konnten viele Senioren im hohen Alter noch für sich selbst sorgen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt jetzt, ebenfalls im Lancet (2013; doi: org/10.1016/S0140-6736(13)61570-6), das Team um Carol Brayne vom Cambridge Institute of Public Health (CIPH). Die britischen Forscher vergleichen wie Christensen die Ergebnisse aus zwei Kohortenstudien, die in einem zeitlichen Abstand mit den gleichen Instrumenten die Häufigkeit von Demenzerkrankungen bestimmt hatte.

Während Christensen sich auf einen Geburtsjahrgang, allerdings in ganz Dänemark, konzentrierte, umfasst die „Cognitive Function and Ageing Studies“ (CFAS) alle Senioren im Alter über 65 Jahren aus einer begrenzten geografischen Region (die Grafschaften Cambridgeshire, Newcastle und Nottingham). Der zeitliche Abstand war doppelt so groß wie in der dänischen Studie: Die erste CFAS wurde in den Jahren 1989 bis 1994 durchgeführt, die zweite CFAS begann 2008 und endete 2011.

Während dieser beiden Jahrzehnte ist der Anteil der Demenzkranken an allen Senioren von 8,3 Prozent auf 6,5 Prozent gefallen. Nach einer Hochrechnung gab es in England im Jahr 1991 etwa 664.000 Demenzkranke. Aufgrund der demografischen Entwicklung hätte die Anzahl bis 2011 auf 884.000 ansteigen sollen. Tatsächlich sind es aufgrund der Hochrechnung zur zweiten Umfrage 670.000, etwa ein Viertel weniger als erwartet. Dieser Rückgang hat in etwa die Folgen des demografischen Wandels aufgefangen.

Immer weniger Demenzkranke zuhause betreut
Es hat während dieser Zeit aber noch einen anderen Wandel gegeben: Der Anteil der Pflegeheimbewohner, die an einer Demenz leiden, ist laut Brayne von 56 auf 70 Prozent gestiegen. Dies bedeutet, dass immer weniger Demenzkranke zuhause betreut werden. Das verbesserte Angebot an Pflegeeinrichtungen wird offenbar von der Gesellschaft angenommen. Dies kann schnell zu Fehleinschätzungen führen. Von der Zahl der Pflegeheimbewohner mit Demenz auf die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung zu schließen, würde die Wirklichkeit nicht richtig abbilden.

Die Ursache für die günstige Entwicklung können die beiden Querschnittsstudien nicht klären. Dies ist nur in prospektiven Beobachtungsstudien möglich, die den Einfluss möglicher Risikofaktoren auf die Demenzentwicklung untersuchen. Da nach gegenwärtigem Wissensstand eine Prävention der Alzheimer-Erkrankung nicht möglich ist (gebildete Menschen können den Symptombeginn dank ihrer kognitiven Reserve allenfalls hinausschieben), bleibt nur ein Rückgang der vaskulären Demenzen als mögliche Erklärung übrig.

Demenzen können die Folge von (klinisch ansonsten) stummen Hirninfarkten sein. Ursache ist eine zerebrale Atherosklerose. Der Rückgang der Raucher in der Gesellschaft, die bessere Behandlung von Hypertonie und Hypercholesterinämie könnten sich deshalb günstig ausgewirkt haben.

© rme/aerzteblatt.de

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chinamed
am Donnerstag, 18. Juli 2013, 11:26

Nahrungsmittel als Ursache?

Falls Demenzerkrankungen als Störungen des Hirnstoffwechsels angesehen werden können sollten, wäre naheliegend den Einfluss von synthetischen Nahrungsmittelbeimengungen zu untersuchen, angefangen von synthetischen Vitaminen bis zu synthetischen Konvervierungsstoffen.
Vielleicht ernähren sich die Alten besser, bei denen Demenz ausbleibt, mit weniger Produkten aus der Supermarkt, mehr aus dem eigenen Garten ohne Chemiezusätze.
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