Medizin

Epstein-Barr-Virus im Nierentransplantat kann Krebs auslösen

Donnerstag, 18. Juli 2013

Heidelberg – Kinder, die noch keine protektiven Antikörper haben, können durch eine Nierentransplantation mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert werden. Infolge der notwendigen Immunsuppression kommt es häufig zu einem symptomatischen Verlauf mit Komplikationen, zu denen auch ein Lymphdrüsenkrebs gehört.

Praktisch alle Menschen infizieren sich im Verlauf des Lebens mit dem Herpesvirus EBV. Die Infektion erfolgt meistens schon im Kindesalter und verläuft dann in der Regel ohne oder mit milden Symptomen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kommt es gelegentlich zum Pfeifferschen-Drüsenfieber mit grippeähnlichen Symptomen. Bei einer Abwehr­schwäche kann es jedoch zu einem schweren Verlauf kommen.

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Bei Patienten, die nach einer Organtransplantation langfristig immunsupprimiert werden, kommt es gelegentlich zur Entwicklung einer transplantationsassoziierten lympho­proliferativen Erkrankung (PTLD). In einer prospektiven Kohorte, über die das Team um Burkhard Tönshoff vom Universitätsklinikum Heidelberg in Clinical infectious Diseases (2013; 56: 84-92) berichtet, erkrankten 3 von 106 pädiatrischen Patienten (Durch­schnittsalter 11,4 Jahre) an einer PTLD.

Bei insgesamt 55 Patienten kam es zu einer symptomatischen EBV-Infektion. Sie wurde interessanterweise nicht nur bei Kindern beobachtet, die vor der Transplantation serone­gativ waren. Ebenso häufig waren die Erkrankungen bei zuvor seropositiven Kindern. Bei ihnen kam es durch die Transplantation zu einer zweiten Infektion über das Transplantat oder infolge der Immunsuppression zu einer Reaktivierung der latenten Herpesinfektion.

Anders als erwartet lieferte die Virenmenge im Blut keinen Hinweis darauf, welche Kinder gefährdet sind, eine PTLD zu entwickeln. Nach Ansicht von Tönshoff sollten deshalb alle Kinder mit aktiver EBV-Erkrankung nach Nierentransplantation vor einer PTLD geschützt werden. Die Reduktion der Immunsuppression, wie an einigen Zentren üblich, ist nach Ansicht des Experten keine gute Idee, da mit ihr die Gefahr von Abstoßungsreaktionen steigt.

Tönshoff plädiert dagegen für eine präventive Behandlung mit dem Virustatikum Valganciclovir oder Ganciclovir. Seine Arbeitsgruppe hatte im letzten Jahre erste Erfahrungen in Transplant International (2012; 25: 723-731) vorgestellt. Damals waren 20 Patienten der Studie, die zum Zeitpunkt der Transplantation nicht infiziert waren und eine EBV-positive Spenderniere erhalten hatten, mit Valganciclovir oder Ganciclovir behandelt worden.

Bei elf Kindern konnte eine EBV-Infektion verhindert werden. Bei neun Kindern kam es nur zu einer geringen Virusvermehrung. Dieses Ergebnis passe zu Daten einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2005, schreibt Tönshoff jetzt. Diese habe gezeigt, dass eine Viren-Prophylaxe das Auftreten von Lymphdrüsenkrebs nach Nierentransplantationen um 83 Prozent verringern kann. Tönshoff empfiehlt deshalb bei allen Risikopatienten eine Viren-Prophylaxe durchzuführen.

© rme/aerzteblatt.de

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