Medizin

Menschliche Darmbakterien machen dicke Mäuse schlank

Freitag, 6. September 2013

St. Louis – Die Zusammensetzung der Darmflora kann darüber entscheiden, ob ein Mensch schlank oder übergewichtig ist. In einer Reihe von Experimenten in Science (2013; 341: doi: 10.1126/science.1241214) zeigen US-Forscher, dass eine Fäkal­transplantation eine Adipositas heilen könnte – was allerdings nur bei einer gesunden Ernährung gelang.

Der Einfluss der Darmflora auf die Gesundheit fasziniert derzeit die Forschung. In den letzten Jahren wurde nicht nur festgestellt, dass die Zahl der Darmbakterien zehnmal größer ist die Zahl der Zellen des menschlichen Organismus, der sie beherbergt. Neuere Studien zeigten auch, dass die Symbiose über die Produktion von Vitaminen und Aminosäuren durch die Darmbakterien hinausgeht.

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Durch ihren Stoffwechsel beeinflussen sie auch, welche Nährstoffe sie zur Absorption durch die Schleimhaut zur Verfügung stellen. Weitere Untersuchungen belegen, dass sich die Darmflora von adipösen und schlanken Menschen unterscheidet, was auch die Situation außerhalb des Darms beeinflusst.

So konnten niederländische Forscher im letzten Jahr durch eine Fäkaltransplantation von gesunden schlanken Menschen die Insulinresistenz von Übergewichtigen lindern (Gastroenterology 2012; 143: 913-916.e7). Die jetzt von Jeffrey Gordon von der Washington University in St. Louis vorgestellten tierexperimentellen Befunde dürfte die Fantasie klinischer Mediziner weiter anregen.

Zunächst übertrugen die Forscher die Darmbakterien von weiblichen Zwillingspaaren, von denen die eine schlank und die andere adipös war, auf sogenannte gnotobiotische Mäuse. Das sind Tiere, die seit ihrer Geburt in keimfreien Käfigen gehalten wurden und deshalb keine Darmflora entwickeln. Die Fäkaltransplantation hatte eine unmittelbare Wirkung auf die Tiere.

Nach Übertragung der Darmbakterien des schlanken Zwillings blieben die Mäuse schlank. Nach der Übertragung der adipösen Darmflora nahmen die Tiere zu – bei gleichem Nahrungsangebot. Die Analyse der Darmflora zeigte, dass die Darmbakterien der schlanken Tiere vermehrt Kohlenhydrate verdauten, während die Darmflora der adipösen Tiere dem Organismus zusätzlich Aminosäuren für den Stoffwechsel zur Verfügung stellte.

Da Menschen nicht keimfrei aufwachsen, dürften diese Experimente keine klinische Relevanz haben. Interessanter sind die Ergebnisse einer zweiten Versuchsreihe. Dieses Mal wurden Mäuse mit einer schlanken Darmflora und einer adipösen Darmflora zusammen in einem Käfig gehalten. Da Mäuse koprophil sind, also die Exkremente anderer Tiere oral aufnehmen, kommt es schnell zu einer Durchmischung der Darmflora.

Dies hatte zur Folge, dass die adipösen Tiere abnahmen, während die schlanken Tiere ihr Gewicht halten konnten. Wie Gordon nachweisen kann, hatte sich nur die Darmflora der adipösen Tiere verändert. Der Forscher vermutet, dass adipöse Tiere eine spezialisierte Darmflora haben, in der die übertragenen Darmbakterien schnell eine neue Heimat finden. Die Darmflora der schlanken Tiere sei ausgeglichen und könnte deshalb durch die Bakterien der adipösen Tiere nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden, vermutet der Forscher.

Die Adipositastherapie war allerdings nur erfolgreich, wenn die Tiere eine ausgewogene Nahrung erhielten. Bei einer eingeschränkten hochkalorischen Kost, wie sie heute in den Industrieländern üblich ist, funktionierte der Transfer nicht. Nach dieser Studie dürfte eine Fäkaltransplantation nur funktionieren, wenn sie mit einer Umstellung der Ernährung verbunden ist. Unter diesen Voraussetzungen könnte sie allerdings die Diät unterstützen, die weiterhin notwendig bleiben dürfte.

Gordon und andere Experten rechnen allerdings nicht damit, dass die Fäkaltransplantation (die zur Behandlung der Clostridium-difficile-assoziierten Diarrhö mit Erfolg angewendet wird) sich rasch zu einer Mode entwickeln wird. Dazu dürfte der Ansatz zu unappetitlich und umständlich sein.

Die Fäkaltransplantation erfolgt über eine Sonde in Duodenum oder Kolon nach einer Darmreinigung. Wahrscheinlicher erscheint ihm, dass zunächst nach den für die günstige Wirkung verantwortlichen Bakterien gesucht wird, die dann als Probiotika die Diät unterstützen könnten. © rme/aerzteblatt.de

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