Medizin

In-vitro-Akti­vierung: Ovar im Labor „wiederbelebt“

Dienstag, 1. Oktober 2013

Kawasaki – Japanische Mediziner haben einer Frau mit primärer ovarieller Insuffizienz auf ungewöhnliche Weise zum Kinderwunsch verholfen. Sie explantierten einen Teil des Ovars, zerstückelten und behandelten es im Labor, um nach der Retransplantation Einzellen für eine künstliche Befruchtung zu gewinnen. Die in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2013; doi:10.1073/pnas.1312830110) vorgestellte In-vitro-Aktivierung stößt jedoch auf Sicherheitsbedenken.

Die Therapie basiert auf einer klinischen Beobachtung und den Ergebnissen jahrelanger Grundlagenforschung. Die klinische Beobachtung besagt, dass manchmal die mecha­nische Manipulation der Ovarien die Reifung von Follikeln stimulieren kann. Eine bewährte Methode in der Reproduktionsmedizin ist das „ovarian drilling“ (zu deutsch: „Anbohren“ der Eierstöcke), wissenschaftlicher auch LEOS (laparoscopic electrocoa­gulation of the ovarian surface) genannt.

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Dabei wird in einem laparoskopischen Eingriff durch Hitzeanwendung (Elektrokauter) die Zahl der Primärfollikel vermindert, was bei Frauen mit polyzystischen Ovarien (PCO-Syn­drom) manchmal die Ausreifung der überlebenden Follikel stimuliert und zur Ovulation bringt. Bei Frauen mit primärer Ovarialinsuffizienz, bei denen anders als beim PCO-Syn­drom die Zahl der Primärfollikel stark vermindert ist, führt diese Therapie allein nicht zum Ziel.

Deshalb kombinierten Kazuhiro Kawamura und Mitarbeiter von der St. Marianna University School of Medicine in Kawasaki (nebenbei bemerkt eine mit der katholischen Kirche assoziierte Privatuniversität) die mechanische Therapie mit einer medikamen­tösen Therapie, die Aaron Hsueh von der Stanford Universität in Kalifornien entwickelt hat.

Zellsignalweg Hippo entschlüsselt
Der Gynäkologe und Leitautor der Studie hat die Bedeutung des Zellsignalwegs Hippo entschlüsselt. Es bildet im Ovar eine Art „Bremse“, die eine vorzeitige Reifung der Follikel verhindert. Bei der primären Ovarialinsuffizienz verhindert Hippo, dass es zur Ovulation kommt. Die Forscher glauben jetzt, dass die Zerstückelung des Ovars den Signalweg von Hippo unterbricht. Ganz sicher ist dies nicht, da die Forscher die Ovarschnipsel zusätzlich mit einem sogenannten Akt-Stimulator behandelten, der durch Eingriff in die Signaltransduktionskette PTEN die Reifung von Follikeln fördern kann.

Was auch immer der genaue Wirkungsmechanismus gewesen sein mag. Die „In-vitro-Aktivierung“ scheint zu funktionieren, was die japanischen Mediziner zuerst an Mäusen und später in einer klinischen Studie an 27 Patientinnen mit primärer Ovarialinsuffizienz zeigten. Den Frauen wurden die im Labor präparierten Stücke ihres eigenen Ovars re-transplantiert.

Die anschließende Hormonbehandlung (ovarielle Hyperstimulation) ließ dann bei den zuvor anovulatorischen Frauen gleichzeitig eine oder mehrere Follikel reifen, was die Gynäkologen im regelmäßigen Ultraschall live mitverfolgten, um rechtzeitig die Eizellen „ernten“ zu können. Der Rest ist Routine in der In-vitro-Fertilisation. Die Eizelle wird im Reagenzglas mit Spermien des Wunschvaters zusammengebracht (notfalls wird der Inhalt der Spermien auch per ICSI in die Eizellen injiziert), um die dadurch gezeugten Embryonen in den Uterus der Mutter zu implantieren.

Von den 27 Frauen im Alter von 37 Jahren, die zuvor seit durchschnittlich 6,8 Jahren ohne Menstruation waren, hatten 13 noch Primordialfollikel in den explantierten Ovarproben. Bei acht wurden nach der Retransplantation und der hormonellen Stimulation ein Follikelwachstum gesehen, bei fünf Frauen konnten Eizellen für die In-vitro-Fertilisation entnommen werden.

Bei drei Frauen wurde die künstliche Befruchtung im Reagenzglas durchgeführt. Bei der ersten kam es nicht zur Schwangerschaft, die zweite ist derzeit schwanger und die dritte wurde bereits (zur Sicherheit per Kaiserschnitt) von einen Jungen (3,3 kg, 37. Woche) entbunden.

Nicht alle Beobachter begrüßten den Fortschritt. Marcelle Cedars, eine Endokrinologin der Universität von San Francisco, meinte gegenüber Nature, die Gruppe sei zu schnell von den Tierexperimenten zu klinischen Versuchen vorgeprescht und auch Jon Hennebold vom Oregon National Primate Research Center in Beaverton hätte die Folgen der Therapie gerne zuerst an Menschenaffen untersucht.

Zu einem Sicherheitsrisiko könnte die Verwendung des Akt-Stimulators werden. Er greift in den PTEN-Signalweg, der auch an der Krebsentwicklung beteiligt ist. Er könnte nach der Re-Transplantation theoretisch die Entwicklung eines Ovarialkarzinoms vorantreiben. © rme/aerzteblatt.de

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