Politik

„Nationale Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern stärken“

Sonntag, 20. Oktober 2013

Berlin – Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat heute Abend in Berlin das Konzept der Bundesregierung zur Globalen Gesundheitspolitik vorgestellt. Er nutzte die feierliche Eröffnung des diesjährigen World Health Summit, um die internationale Gesundheits­strategie zu erläutern, die sein Haus federführend erarbeitet hat. Ziel ist es danach, deutsche Erfahrungen, Expertise und Finanzmittel zur Verbesserung der globalen Gesundheit bereitzustellen sowie Partnerstaaten dabei zu unterstützen, nachhaltig finanzierte und sozial gerechte Gesundheitssysteme aufzubauen. Das Konzept sieht fünf Schwerpunkte in der Globalen Gesundheitspolitik vor: den Schutz vor Gesundheits­gefahren, die Stärkung von Gesundheitssystemen, den Ausbau der Kooperation mit anderen Politikbereichen, die Förderung von Gesundheitsforschung und Gesundheitswirtschaft sowie die Stärkung der globalen Gesundheitsarchitektur.

5 Fragen an Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister

DÄ: Warum legt die Bundesregierung gerade jetzt ein Konzept zur Globalen Gesundheitspolitik vor und warum beim World Health Summit?
Bahr:  Der World Health Summit ist so etwas wie das Davos der Gesundheitswirtschaft. Hier treffen sich viele internationale  Akteure der Gesundheitspolitik, um sich auszu­tauschen. Das ist ein guter Anlass, um unser ehrgeiziges und anspruchsvolles Konzept vorzustellen. Denn Deutschland will damit sein internationales Profil in der Gesundheits­politik schärfen. Wir wollen ein internationaler Player für Gesundheitspolitik werden, denn auch auf diesem Gebiet ist ein gezieltes, abgestimmtes Verhalten erforderlich.

Wir haben drei Jahre lang an diesem Konzept gearbeitet – beteiligt waren unter anderem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das Auswärtige Amt, das Wirtschaftsministerium und das Forschungsministerium. Es soll jetzt als Grundlage für die weitere internationale Zusammenarbeit dienen.

DÄ:  Sie schreiben in Ihrem Konzept, dass sie sich auf ausgewählte Schwerpunkte konzentrieren wollen, in denen Deutschland "komparative Stärken aufweist". Unter anderem streben Sie an, nationale Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern zu stärken. Was kann man sich darunter vorstellen?
Bahr: Mit einem Dutzend Länder haben wir schon bilaterale Programme zum Thema "Gesundheitssystemstärkung" aufgelegt. Wir beschäftigen uns etwa mit der Frage: Wie baue ich eine Krankenversicherung auf? Aber es geht auch um Themen wie Kranken­haus­organisation: Wenn in aufstrebenden Ländern der wirtschaftliche Wohlstand wächst, steigt in der Regel auch das Interesse an einer guten Gesundheitsversorgung. Aber Gesundheitssysteme sind hoch komplex. Und da bieten wir vielen Ländern unser Know-How an, aber nicht als Ideenkolonialismus. Man kann nicht einfach unser deutsches System auf ein anderes Land übertragen, das womöglich in der wirtschaft­lichen Entwicklung noch weit entfernt ist vom Status einer Industrienation.

Aber natürlich gibt es auch in anderen Ländern großes Interesse an unserem System. Man fragt uns: Wie schafft ihr das, dass in Deutschland alle versichert sind, dass alle Zugang zu Innovationen haben, dass das alles bezahlbar bleibt? Daran haben nicht nur arme Staaten Interesse. Auch aus den USA schaut man mit großem Interesse nach Deutschland.

Aber für ärmere Staaten gibt es andere Konzepte. Mit Indien haben wir zum Beispiel ein Smart-Card-Projekt aufgelegt. Mithilfe einer Krankenversicherungskarte, die ein bestimmtes Guthaben enthält, haben dort erstmals auch arme Bevölkerungsschichten Zugang zur medizinischen Versorgung. Es ist völlig klar: In einem Entwicklungsland ist der Anspruch, eine umfassende gesetzliche Krankenversicherung für alle aufzulegen, nicht kurzfristig realisierbar. Aber Schritte dahin, wie der Zugang über eine Smart-Card in Indien, sind viel versprechend. Das unterstützen wir.

DÄ: Wo sollen denn aus ihrer Sicht die Schwerpunkte in der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern liegen? In ihrem Konzept spielt ja die WHO eine sehr große Rolle.
Bahr: Für uns ist die WHO die zentrale Stelle für globale Gesundheitspolitik. Und die wollen wir aktiv unterstützen. Es geht uns ja auch darum, unsere eigene Bevölkerung vor Infektionen zu schützen, die angesichts der Globalisierung vor Ländergrenzen nicht mehr Halt machen. Deshalb brauchen wir eine international gut abgestimmte Zusammenarbeit beim Ausbruch von Infektionen, wie wir es bei EHEC, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder auch bei SARS erlebt haben. Das ist ein wichtiger Schwerpunkt.

Aber es geht auch darum, Erfahrung, Expertise und Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Denn die Investition in Gesundheitssysteme ist auch immer ein Beitrag zur Armutsbekämpfung. Armut und schlechte Gesundheit bedingen sich gegenseitig. Das ist ein Teufelskreis. Hier bieten wir finanzielle Unterstützung – wir sind immerhin einer der Hauptzahler der WHO.

DÄ: Bis 2015 sollten die Millenniumsgesundheitsziele erreicht werden. Das wird man zwar nicht mehr schaffen, aber es wurden deutliche Fortschritte erzielt beispielsweise bei der Bekämpfung von HIV/Aids. Wie sieht denn die Strategie nach 2015 aus?
Bahr: Darüber wird gerade auf internationaler Ebene intensiv beraten. Die Millenniums­ziele haben uns weit gebracht, weil wir uns erstmals Ziele gesetzt und unsere Hausauf­gaben erledigt haben. Aber es zeigt sich auch, dass es für die Post-2015-Agenda wichtig ist, weiterhin Gesundheitsziele zu definieren. Vielleicht ist es diesmal aber klüger, sich ein Gesundheitsziel zu setzen, das alle Länder gleichermaßen betrifft und für das sich dann alle auch gleichermaßen verantwortlich fühlen.

Die Millenniumsziele waren für einige Länder sehr relevant, andere Länder betrafen sie gar nicht. Wir unterstützen deshalb den Vorschlag, Universal Health Coverage, also den allgemeinen Zugang zur Gesundheitsversorgung, als ein solches Ziel zu definieren, damit alle Menschen Zugang zum Gesundheitswesen bekommen, egal ob sie in einem Entwicklungsland oder in einem hoch entwickelten Land leben.

DÄ: Was wird denn aus dem Konzept zur Globalen Gesundheitspolitik unter einer neuen Bundesregierung?
Bahr: Ich denke, das Konzept ist so überzeugend, dass auch eine neue Bundesre­gierung, der die FDP und ein liberaler Gesundheitsminister leider nicht mehr angehören, den Prozess fortführt. Die Strategie ist kein statisches Ergebnis und unveränderbar, sondern sie war immer ein dynamischer Prozess. Eine neue Regierung wird diese Strategie weiterentwickeln, vielleicht in dem ein oder anderen Punkt ändern - so ist das nach einem Regierungswechsel. Aber ich glaube, das Konzept ist eine so gute Grundlage für eine aktive Rolle auf internationaler Ebene, dass es auch eine neue Bundesregierung überzeugen kann.

© HK/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Senbuddy
am Dienstag, 22. Oktober 2013, 09:31

Schade...

...dass der Mann nicht weiter machen kann.
S.
5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

17.06.16
Paris/Berlin – Die sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse sind in Deutschland in vielen Bereichen sehr viel einheitlicher als in den meisten anderen großen Ländern der Organisation für......
13.05.16
„Für die Krankenkassen steht das Sparen an erster Stelle“
Heide – In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis der Krankenkassen gewandelt – sie wollen die Gesundheitsversorgung nicht mehr nur bezahlen, sondern mitgestalten. Nicht selten......
13.05.16
„Der Wettbewerb macht die Krankenkassen depressiv“
Bünde – In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis der Krankenkassen gewandelt – sie wollen die Gesundheitsversorgung nicht mehr nur bezahlen, sondern mitgestalten. Nicht selten......
02.03.16
Berlin – In der nächsten Legislaturperiode wird sich die Gesundheitspolitik mit der Finanzierung des Systems, mit der Reform des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs und mit dem Thema......
29.02.16
Wasem: „Wildwuchs“ gesetzlicher Regelungen muss geordnet werden
Berlin – Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem hat den Gesetzgeber aufgefordert, den „Wildwuchs“ an Regelungen bei der Öffnung des stationären Sektors für ambulante Leistungen zu beenden und in der......
10.02.16
Essen – Gesundheitsförderung ist nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine internationale Aufgabe. „Die Ausbreitung von Ebola hat uns einmal mehr als ein wirklich harter......
27.01.16
Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen steigt weiter
Wiesbaden – Das Gesundheitswesen wird als Arbeitgeber immer wichtiger. Ende 2014 waren 5,2 Millionen Beschäftigte in der Branche registriert und damit rund 102.000 oder zwei Prozent mehr als ein Jahr......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige