Medizin

Apallisches Syndrom: Patient zeigt Aufmerksamkeit im EEG

Freitag, 1. November 2013

Cambridge – Britische Neurologen haben bei einem Patienten mit appallischem Syndrom („Wachkoma“) EEG-Signale gefunden, die auf eine aktive Aufmerksamkeit des Gehirns hinweisen. Sie sehen in Neuroimage Clinical (2013; 3: 450-461) die Möglichkeit, aktiv mit einzelnen Wachkoma-Patienten zu kommunizieren.

Der 23 Jahre alte Mann hatte vier Monate zuvor ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Er befand sich in einem „vegetative state“, das heißt, er war wach, zeigte aber keine sichtbaren Reaktionen auf Reize seiner Umgebung. Er gehörte zu einer Gruppe von 21 Wachkoma-Patienten, die am Medical Research Council Cognition and Brain Sciences Unit an der Universität Cambridge untersucht wurden: Bei sieben Patienten war ein „vegetative state“ diagnostiziert worden. Sie zeigten keinerlei zielgerichtete Reak­tionen, bei 12 weiteren Patienten diagnostizierten die Ärzte ein „minimally conscious state“. Diese Patienten reagieren manchmal auf bestimmte Anweisungen, etwa durch Augenbewegungen.

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Bei allen Probanden wurden sogenannte ereigniskorrelierte Potenziale im Elektroenze­phalogramm (EEG) abgeleitet. Srivas Chennu und Mitarbeiter interessierten sich dabei vor allem für die sogenannte P300-Welle, die mit etwa 300 Millisekunden Verzögerung nach einem externen Reiz auftritt.

Die P300-Welle wird unterteilt in zwei Formen: Eine frühe P3a-Welle ist eine direkte Reaktion des Gehirns auf den externen Reiz („bottom-up“). Sie kann auch bei Probanden ohne aktives Bewusstsein ausgelöst werden. Die spätere P3b-Welle („top-down“) dagegen zeigt an, dass das Gehirn den Reiz aktiv verarbeitet hat, was als bewusste Reaktion verstanden werden kann.

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kairoprax
am Samstag, 2. November 2013, 17:20

Wachkoma - Sterbehilfe - Organspende

Diese Arbeit zeigt erneut, wie wenig wir tatsächlich wissen über die Funbktion unseres Gehirns. Diese Arbeit, und etliche andere vor ihr, müssen die Bundesärztekammer dazu bewegen, von ihrer dogmatrischen Haltung abzukommen.

An der Harvard Medical School wurde 1968 eine Adhoc - Kommision eingerichtet auf Betreiben der Transplanteure. Diese Kommission hat die bis dahin geltende Todesdefinition, daß ein Mensch tot sei, wenn Atmung und Herztätigkeit stillstehen aufgehoben und ersetzt durch das so genannte "Konzept der Hirntodfeststellung".

Die Harvard-Kommission hat, uns zu helfen oder uns in Sicherheit zu wiegen, was nicht dasselbe ist, ein Wort geschaffen, den Hirntod, der aber das, was er ausdrücken will nicht wirklich trifft. Das Ganze ist entstanden aus dem Dilemma, daß die moderne Intensivmedizin die Möglichkeit der Langzeitkomata geschaffen hat, welche die Arbeit der Transplanteuere natürlich massiv behindert. Fälle wie die des hier beschriebenen 23-Jährigen, lassen die Frage aufwerfen, ob wir töten, um Organe zu entnehmen. In Einzelfällen haben oder hätten wir es getan, das steht außer Frage, wie auch dieser Artikel beweist.

Wir stecken in einem Dilemma, das einer griechischen Tragödie wert wäre.
Das Dilemma sind die beiden Möglichkeiten, den Tod hinauszuzögern oder einem Organempfänger das Leben zu erleichtern. Wir können allerdings nicht beides, oder wie Bob Dylan es ausgedrückt hat, "you can't have a cake and eat it too".

Die moderne Medizin wäre durchaus in der Lage, den Sterbeprozeß noch weiter hinauszuzögern. Jetzt unterbrechen wir diesen Prozeß um der Organentnahme willen. Also unterlassene Hilfeleistung? Wir tun das mit dem ethisch gut begründbaren Ziel Organe für Empfänger zu bekommen. Zu diesem Zweck nehmen wir in Kauf, das Sterben zu verkürzen. Wir müssen zugeben, daß es eine Sterbezeitverkürzung, also ein gewolltes Töten gibt, so unangenehm das sein mag. Im Fall des hier beschriebenen 23-jährigen würden wir nicht nur den Sterbeprozeß beschleunuigen, sondern töten.

Das ist keineswegs "nicht aushaltbar" und es braucht keinen wissenschaftlich nicht haltbaren Hirntodbegriff, um eine Aushaltbarkeit zu bekommen, denn faktisch ändert sich am ärztlichen Handeln so oder so nichts. Was wir brauchen ist nicht ein alles verzeuihender Begriff Hirntod, erst recht nicht, wenn der falsch ist. Wir brauchen mehr Sicherheit.

Nicht aushaltens w ü r d i g ist allein das Konstrukt, mit dessen Hilfe wir uns um die Anerkennung des Tatsachen drücken. Wir zäumen zu diesem Zweck das Pferd vom Schwanz auf und erklären einen Tod, der erst eintritt, nachdem wir den Sterbeprozeß durch die Organentnahme abgekürzt haben, als bereits vor der Entnahme erfolgt.

Hätte es die Harvard-Kommision nicht gegeben, wären wir heute weiter. Wir würden nach der Organentnahme abwarten und schließlich den Tod durch Herz- und Atemstillstand feststellen.
Was wäre daran auszusetzen?
Wie oft schalten wir Beatmungsgeräte ab und unterlassen weitere lebensrettende Maßnahmen auch ohne daß wir Organe entnehmen wollen?
Allein die Sorgfalt ist entscheidend, mit der wir vorgehen, und selbst wenn wir noch so sorgfältig vorgehen, werden wir uns im Einzelfall, wie dem des 23-jährigen hier, irren. Es ist ein größeres Dilemma, als anfangs gedacht.

Alle Organspender sind dem Wesen nach Lebende.
Spende ist dem deutschen Sprachgebrauch nach eine bewußte Handlung. Bei Toten spricht man von Erbe. Wir müssen dazu kommen anzuerkennen, daß wir das Leben des Spenders aktiv beenden und den Sterbeprozeß verkürzen, weil wir sonst keine Organe entnehmen könnten.

Wir sind nahe an der Sterbehilfe, die in meinen Augen ein Teil unseres Berufs ist. Manche Ärzte tun sich hier immer noch schwer, und Einige tun es immer noch bei der Abtreibung, bei der es auch immer gilt abzuwägen und sich zu entscheiden.

Jedenfalls, einen Hirntod gibt es nicht. Wenn wir uns heute - weise lächelnd - eine Zeichnung Da Vincis anschauen und seine anatomischen Irrtümer in seinem Bemühen, neue Erkenntnisse zu finden mit einem Blick erkennen, können wir allenfalls ahnen, wie man in ein paar hundert Jahren über unsere Zweifelsfreiheit gedacht haben, mit der wir sterbende Menschen zu Hirntoten erklärt haben. Möglich, daß man dann mit Apallikern über den Hirntod diskutieren kann ...

Seien wir nicht so maßlos hypertroph.
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