Medizin

Testosteron­behandlung erhöht Sterberisiko älterer Männer

Mittwoch, 6. November 2013

Denver – Die Hersteller von Testosteron-Präparaten versprechen Männern mit „Low T“-Syndrom mehr Muskelmasse und eine gesteigerte Potenz. Unter US-Veteranen einer Kohortenstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; doi: 10.l001/jama.2013.280386) kam es unter der Behandlung dagegen zu einer erhöhten Zahl von kardiovaskulären Erkrankungen und Todesfällen, was die bisher negativen Erfahrungen der Hormonsubstitution mit Testosteron bestätigt.

Vor vier Jahren musste das US-National Institute on Aging die „Testosterone in Older Men with Mobility Limitations“ oder TOM-Studie abbrechen. Unter den Teilnehmern, Männer der Generation 65 plus mit Testosteronwerten unter 350 ng/dl, war es nach der täglichen Anwendung eines Testosterongels über 6 Monate zu einer deutlich erhöhten Rate von kardiovaskulären Komplikationen gekommen (bei 23 von 106 gegenüber 5 von 103 Teilnehmern).

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Der Attraktivität der Testosteron-Behandlung hat dies keinen Abbruch getan. Bereits 2,9 Prozent aller US-Männer über 40 sollen sich regelmäßig Testosteron verschreiben lassen, fünfmal mehr als zehn Jahre zuvor. US-Endokrinologen bezweifeln, dass bei allen ein niedriger Testosteronspiegel nachgewiesen wurde. Übergewicht und Diabetes mit ihren bekannten negativen Auswirkungen auf Aussehen und Potenz dürften starke Motivatoren sein, wobei die Evidenz, dass die Hormone jugendliches Aussehen und Erektionsfähigkeit wieder herstellen, eher schwach ist.

Eine Kohortenstudie von US-Endokrinologen unterstreicht dagegen die in der TOM-Stu­die gefundenen Risiken. Das Team um Michael Ho von den VA Eastern Colorado Health Care Systems hat die Daten von 8.709 Kriegsveteranen ausgewertet, bei denen anlässlich einer Koronarangiographie ein niedriger Testosteronwert (unter 300 ng/dl) gemessen worden war.

Insgesamt 1.223 Männer entschieden sich später für eine Testosteronbehandlung, wie Ho aus den Abrechnungsdaten ermittelte. Weitere Recherchen in den Datenbanken der Veteranenbehörde ergaben, dass während der durchschnittlichen Nachbeobach­tungs­zeit von 27,5 Monaten mehr Testosteronanwender starben, beziehungsweise einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, als in der Kontrollgruppe von Veteranen, die trotz niedriger Testosteronspiegel keinen Anlass zur Substitution sahen.

Nach 3 Jahren betrug die Inzidenz des Endpunkts unter den Testosteronanwendern 25,7 Prozent gegenüber 19,9 Prozent in der Kontrollgruppe, ein Unterschied von 5,8 Prozent­punkten, der bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 1,4 bis plus 13,1 Prozentpunkten zwar das Signifikanzniveau verfehlte, aber ein klares Warnzeichen ist, dass die unkritische Anwendung von Sexualhormonen im Alter nicht ohne Risiken sein könnte.

Die Evidenz der Veteranen-Studie ist indes gering, da es sich um eine retrospektive Auswertung von Krankenakten und nicht um eine randomisierte klinische Studie handelte, in der die Patienten per Los auf eine Therapie oder eine Placebogabe verteilt werden.

Angesichts der Verbreitung der Testosteronsubstitution wäre eine solche Studie notwendig, meint die Editorialistin Anne Cappola von der Perelman School of Medicine in Philadelphia, die auf die Women’s Health Initiative (WHI) verweist, die seit 2002 die Risiken der postmenopausalen Östrogentherapie aufgedeckt hat, die zuvor ebenfalls über viele Jahre kritiklos durchgeführt worden war.

Eine ähnliche Studie für Männer ist nicht geplant. Das US-National Institute on Aging hat jedoch im November 2009 mit dem „Testosterone Trial in Older Men“ (T Trial) begonnen. Dort wurden 800 Männer im Alter über 65 Jahre mit symptomatischem Testosteron­mangel auf die Anwendung eines Testosterongels oder eines wirkstofffreien Gels randomisiert. Erste Ergebnisse werden für das nächste Jahr erwartet.

Der T Trial sucht zwar nicht gezielt nach kardiovaskulären Komplikationen, angesichts der beiden Vorstudien dürften diese jedoch im Focus der Untersucher sein. Wie immer bei Hormonstudien lassen sich Wirkung und Risiken einer Therapie nur schwer vorhersagen.

Eine Erklärung für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko gäbe es jedoch. Das Hormon verstärkt die Aggregation von Thrombozyten und könnte in den Gefäßwänden die Bildung von atherosklerotischen Plaques fördern. Der physiologische Rückgang der Testosteronproduktion im Alter könnte durchaus eine Schutzwirkung für den Organismus des alternden Mannes haben. © rme/aerzteblatt.de

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