Medizin

Moderner Mensch verdankt Immun-Gen dem Neandertaler

Mittwoch, 27. November 2013

Bonn – Der moderne Mensch verfügt offenbar häufig über einen Rezeptor mit dem Kurznamen „HLA-DRaDPa“, den er dem Neandertaler-Urmenschen verdankt. Das berichtet ein internationales Forscherteam der Universität Düsseldorf, der Technischen Universität München, der Jacobs Universität Bremen und der Universität Cambridge unter Federführung des Instituts für Genetik, Abteilung Immunbiologie, der Universität Bonn. Die Ergebnisse sind vorab online im Journal of Biological Chemistry veröffentlicht (DOI: 10.1074/jbc.M113.515767).

Wenn Krankheitserreger den menschlichen Körper attackieren, muss das Immunsystem entscheiden, ob es sich um gefährliche Eindringlinge oder körpereigene Moleküle handelt. Im Lauf der Evolution hat sich dafür ein effizientes System herausgebildet: Das humane Leukozytenantigen-System (HLA) bringt mit Hilfe bestimmter Gene Rezeptoren hervor, die die Gefährdungseinstufung der Krankheitserreger anhand von nur acht Aminosäuren vornehmen. „Diese Leistung lässt sich mit einem Text vergleichen, der von einem Spion anhand weniger Buchstaben eines Wortes als ‚gefährlich‘ erkannt wird“, erläutert Norbert Koch aus Bonn.

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Insgesamt waren bislang drei verschiedene Peptid-Rezeptoren bekannt, die beim Menschen in mehr als 1.000 verschiedenen Ausprägungen verräterische Buchstaben­folgen lesen können. „Diese Vielfalt ist erforderlich, damit das Immunsystem die gesamte Bandbreite der für den Menschen relevanten Krankheitserreger einstufen kann“, so Koch.

Die Wissenschaftler haben nun einen vierten Rezeptor identifiziert. Dieser „HLA-DRaDPa“ besteht aus der Kombination von Untereinheiten bereits bekannter Rezeptoren. Die Wissenschaftler verglichen die Gensequenz, die den neu entdeckten Rezeptor kodiert, mit bestehenden Datenbanken und stellten fest, dass schätzungsweise zwei Drittel der Europäer über diese Struktur verfügen.

Die Wissenschaftler überraschte jedoch, dass die für diesen Rezeptor erforderliche Gensequenz bei den Menschen im südlichen Afrika praktisch nicht vorkommt. Dort befand sich die Wiege der Menschheit. „Als der frühe Mensch als Vorfahr des heutigen Menschen Afrika verließ und vor einigen hunderttausend Jahren nach Europa einwan­derte, verfügte er noch nicht über diesen Rezeptor“, so Koch.

Die Wissenschaftler prüften deshalb, ob der Neandertaler über die entscheidende Gensequenz verfügte, die den Bauplan für den Rezeptor enthält. Ergebnis: „Die betreffende Gensequenz des Neandertalers ist mit der von heutigen Menschen fast identisch“, sagte Koch.

Das bedeutet, dass der Neandertaler im Gegensatz zu unseren Vorfahren aus Afrika bereits über diesen für das Immunsystem so wichtigen Rezeptor verfügte. „Die Nean­dertaler lebten wahrscheinlich viele Hunderttausend Jahre in Europa und konnten in dieser Zeit den HLA-Rezeptor entwickeln, der ihnen eine Immunität gegen viele Krankheitserreger verlieh  – das war ein klarer Evolutionsvorteil“, sagt der Immunbiologe der Universität Bonn. Er vermutet daher, dass moderne Menschen diesen vorteilhaften Rezeptor dem Neandertaler zu verdanken haben. © hil/aerzteblatt.de

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